Mitte Februar hatte der Schriftsteller Rolf Hochhuth in einem Interview mit der ultrarechten Zeitung Junge Freiheit den Historiker und verurteilten Auschwitzleugner David Irving in Schutz genommen. Die davon ausgelöste Welle von Empörung verebbte auch nicht, nachdem Hochhuth sich öffentlich entschuldigt und seinen Irrtum eingestanden hatte. Im folgenden Beitrag nimmt ihn Ralph Giordano in Schutz, der als einer der ersten gegen Hochhuths Äußerungen protestiert hatte. (BLZ)----Rolf Hochhuth hat, um es vorsichtig auszudrücken, in Sachen David Irving vollkommen daneben gehauen - richtig. In meinem "Offenen Brief" an ihn hieß es dazu:"Unter all den niederträchtigen Variationen der Auschwitzlüge ist mir bis heute eine gemeinere als die von David Irving nie begegnet. Jetzt bleibt Ihnen, der gesagt hat, es sei 'idiotisch', David Irving einen Holocaustleugner zu nennen, also nichts als mich einen Idioten zu schimpfen." Dazu verbat ich mir Hochhuths Angriffe auf Paul Spiegel, weil der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland ein Gespräch mit ihm ablehnte. "Sie sind verantwortlich für das Getöse, das da aufkam", schrieb ich, und weiter unumwunden, dass für mich seine quasi "Ehrenerklärung" eine der größten Enttäuschungen der letzten 60 Jahre gewesen sei.Die Wahrheit aber ist: Ich kannte, wie die meisten, nur die Irving-Passage aus dem Interview mit der Postille bekennender Unbelehrbarkeit "Junge Freiheit", nicht den Text darüber hinaus. Inzwischen verfüge ich über den vollen Wortlaut. Und da kann ich der Öffentlichkeit, die sich allein auf die sparsamen Auszüge bezieht, nur raten, sich der ganzen Lektüre zu unterziehen. Besonders aber den Damen und Herren der Deutschen Verlagsanstalt, bevor sie zu endgültigen Trennungsbeschlüssen kommen und den Stab über Hochhuth brechen.Einem Mann mit meiner Biographie jedenfalls wurde innerlich ganz warm dabei: "Bekenntnis zur Kollektivschuld der damaligen Deutschen, ohne Wenn und Aber" - "Churchill eine Jahrtausendgestalt" - "Großbritanniens Eintritt in den Zweiten Weltkrieg die humane Großtat der europäischen Geschichte" (deshalb meine währende Dankbarkeit jedesmal wieder beim Anblick der Cliffs of Dover!)" - "Dresden ohne Auschwitz nicht möglich" und "Der Mörder ist der Mann des ersten Schusses - und dieser Mann war Hitler!"Bravo, Hochhuth, bravo! Einen unbequemeren Widersacher populärer Verdrängungsstrategen als diesen kenne ich derzeit nicht. Den schnieken NS-Geschichtsumdeutern in der Redaktion der "Jungen Freiheit" aber muss ja das angebräunte Herz gezittert haben bei solchen hoch- und landesverräterischen Elogen unter ihrem Dach, sozusagen das antipodisch Unerwartete zu Hochhuths Absonderungen über David Irving .Noch einmal also, und noch drastischer: Hochhuth hat mit seiner deplazierten Philippika für den britischen Schmutzfink Mist gebaut. Aber diese Verdammnis, dieses Feuer auf seinem Haupt - das hat der Mann nun wirklich nicht verdient. Man kann die political correctness auch übertreiben. Gibt es doch eine Art des Nachtretens, die nicht den Getretenen, sondern den Treter charakterisiert. Muss berechtigte Forderung nach Entschuldigung denn in Demutszwang ausarten? Er hat gebüßt, und da will ich ihn wissen lassen, dass seine Auschwitzgedichte mich tief angerührt haben, wie so manches noch in der Vita dieses streitbaren Zeitgenossen.Nachdem ich also Rolf Hochhuth laut und deutlich gerüffelt habe, wo er's verdient hat, versichere ich ihn von dieser Stelle aus genau so klar, dass er in der langwährenden Auseinandersetzung um die Naziepoche für mich, den Überlebenden des Holocaust, ein Bundesgenosse war, ein Bundesgenosse ist und ein Bundesgenosse bleiben wird.------------------------------Foto: Der SchriftstellerRalph Giordano