Auf einem Bahnhof wie dem der anhaltinischen Kreisstadt Bernburg kommen Reisende gern an. Breite helle Bahnsteige gibt es hier, saubere Sitzbänke, geputzte Fenster im Bahnhofsgebäude. Geht man durch den liebevoll restaurierten Ziegelsteinbau hindurch zum Bahnhofsvorplatz, befindet sich linkerhand der Döner-Imbiss „Ali Baba“. Ein großer, einladend wirkender Laden, der an seinen Glastüren mit „prämierter Spitzenqualität“ seiner Döner wirbt.

Aber der Imbiss ist an diesem Februar-Mittag leer. Kein Gast sitzt im Geschäft, keine Laufkunden holen sich ihr Mittagessen. „Seit dem Überfall im September kommen weniger Gäste in unseren Imbiss“, sagt Yazir. „Es ist, als hätten die Menschen Angst vor diesem Ort.“ Traurig schaut der 34-jährige Kurde, der seit seinem 20. Lebensjahr in Bernburg lebt, vor sich hin. „Ich habe auch diese Angst“, sagt er dann. Deshalb bittet er auch darum, dass sein richtiger Name nicht in der Zeitung veröffentlicht wird.

Brutaler Anschlag

An diesem Dienstag beginnt am Landgericht in Magdeburg der Prozess um den Überfall auf Yazir, einen der mutmaßlich brutalsten ausländerfeindlichen Mordanschläge der letzten Jahre in Sachsen-Anhalt. Angeklagt sind neun Männer im Alter zwischen 24 und 33 Jahren, die meisten von ihnen aus der Elbestadt Schönebeck. Sie sollen am 21. September 2013 den Imbissbetreiber Yazir am Bernburger Bahnhof angegriffen und in rasendem Hass fast tot geprügelt und getreten haben. Die Staatsanwaltschaft wirft allen Angeklagten versuchten Totschlag vor; ein ausländerfeindliches Motiv der Tat aber wollen die Ankläger nicht erkennen. Aus ihrer Sicht seien die jungen Männer nur stark betrunken gewesen und hätten die Kontrolle verloren.

Anders sieht das der Berliner Rechtsanwalt Sebastian Scharmer, der das Überfallopfer Yazir als Nebenklägeranwalt vertritt. „Die Angeklagten gehören der Neonaziszene an und sind zum Teil mehrfach, auch wegen rassistisch motivierter Gewalttaten, vorbestraft“, sagt er. Sie hätten seinen Mandanten angegriffen, gemeinschaftlich versucht, ihn zu töten, und dabei rassistische Parolen gebrüllt. „Das ist kein Totschlag, das ist versuchter Mord aus rassistischen Beweggründen. Es wäre ein Fall für die Generalbundesanwaltschaft gewesen“, sagt Scharmer. „Denn die Magdeburger Staatsanwaltschaft ist nicht in der Lage oder nicht gewillt, die rassistische Dimension der Tat anzuerkennen.“

Mit seinem Antrag, den Anklagevorwurf zu erweitern und den Fall nach Karlsruhe zu geben, ist Anwalt Scharmer zwar gescheitert. Aber das Magdeburger Gericht zeigte sich den Argumenten des Anwalts nicht völlig verschlossen. In seinem Eröffnungsbeschluss vom Dezember erklärt das Gericht, dass auch eine Verurteilung wegen versuchten Mordes in Betracht käme, sollte sich im Prozess Ausländerhass als leitendes Motiv beweisen lassen.

Der Überfall ereignete sich an einem Sonnabend gegen 21 Uhr. Die Gruppe der Neonazis im Alter zwischen 23 und 33 Jahren war mit dem Regionalexpress aus Schönebeck in Bernburg angekommen, um dort in ein Billard-Café zu gehen. Yazir und seine Frau, die im Laden mitarbeitet, waren gerade dabei, den Imbiss abzuschließen. Die Rechten betraten die Bahnhofshalle, schauten in den Imbiss hinein und gingen dann wieder raus auf den Bahnsteig. Sie habe die Situation als sehr bedrohlich empfunden, sagte später eine Zeugin vor der Polizei aus. Die Männer hätten zwar nichts gesagt, „aber Blicke sagen manchmal mehr als Worte“, sagte sie.

Als Yazirs Frau die Türen zur Bahnhofshalle zusperrte, ist laut Anklage einer der Männer aus der Gruppe zu ihr gegangen, hat sie als Türkenschlampe beschimpft und mit weiteren Kraftausdrücken belegt. Daraufhin sei Yazir gekommen, habe den Mann am Oberarm gegriffen und ihn aufgefordert, seine Frau nicht zu beleidigen. Der Mann habe Yazir von sich gestoßen und geschrien: „Fass mich nicht an, Du Scheißvieh!“ Dann soll er ihm seine Bierflasche an den Kopf geworfen haben.

Mit Fäusten und Bierflaschen

Als Yazir sich dem Angriff zur Wehr setzte, seien laut Anklage die übrigen acht Neonazis dazugekommen und hätten damit begonnen, mit Fäusten und Bierflaschen auf den Kurden einzuschlagen. Yazir sei zu Boden gegangen, woraufhin die Angreifer abwechselnd auf den Kopf und den Oberkörper des wehrlos am Boden liegenden Opfers eingetreten hätten, selbst dann noch, als das Opfer erkennbar ohne Bewusstsein war. Insbesondere zwei Angeklagten hätten „dabei stampfend von oben auf den Kopf“ von Yazir eingetreten, so die Ankläger.

Als Yazirs Frau und ein Besucher des Imbisses dem Angegriffenen zu Hilfe kommen wollten, sollen einige der Neonazis auch sie zu Boden gerissen, getreten und beschimpft haben. Beide Opfer erlitten schmerzhafte Prellungen am Körper.

Als die Neonazi-Bande, acht von ihnen aus dem Raum Schönebeck und einer aus dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld, über die Bahnhofsgleise floh, rang Yazir bereits mit dem Tod. Sein Schädeldach und die Schädelbasis waren gebrochen, das linke Jochbein und das linke Augenhöhlendach ebenso. Er hatte großflächige Blutungen über und unter der harten Hirnhaut, sein Gehirn war angeschwollen, der Körper wies mehrere Riss- und Quetschwunden auf. Zwölf Tage lang lag der Familienvater von drei kleinen Kindern im Koma, erst einen Monat nach der Tat konnte er das Krankenhaus verlassen. Noch heute leidet er stark unter den körperlichen und psychischen Folgen des Überfalls.

Doch nicht nur körperlich hat der Überfall Yazirs Leben völlig verändert. „Ich habe gern hier gelebt in Bernburg, die Menschen waren nett, sie haben mich auf der Straße gegrüßt, man hat geplaudert und gescherzt, wenn sie in den Laden kamen“, erzählt er. Auch gleich nach der Tat habe seine Familie eine Welle der Solidarität und des Mitgefühls erlebt. Viele Bernburger seien in den Imbiss gekommen, hätten sich nach seinem Befinden erkundigt, der Bürgermeister aß bei ihnen zu Mittag, es gab eine große Kundgebung auf dem Bahnhofsvorplatz. Aber schon bald danach ging der Umsatz in dem Dönerladen zurück, immer seltener kamen die Kunden. „Das Opfer und der Tatort werden gemieden, aus einer diffusen Angst heraus“, sagt er. Das sei vielleicht eine ganz normale menschliche Reaktion, aber sein Leben wird dadurch immer schwieriger.

Yazir denkt jetzt darüber nach, mit seiner Familie wegzugehen aus Bernburg. In eine andere Stadt, wo er sein Leben neu starten kann. „Irgendwo, wo man mich nicht kennt und mich nicht als ein Opfer sieht“, sagt er.

Vorher aber kommt noch der Prozess. Er wird im Gerichtssaal sitzen und seinen Peinigern in die Gesichter schauen. „Es ist wichtig für mich zu erfahren, warum sie das gemacht haben, warum sie mich töten wollten“, sagt der 34-Jährige. „Ich bin sicher: Wenn ich das weiß, kann ich auch meine Angst besser in den Griff bekommen.“