Gouda - Eisiger Ostwind fegt über den Marktplatz von Gouda. In den gemütlichen Cafés und Restaurants herrscht Betrieb, die Terrassenlokale sind überwiegend leer, weil die Heizstrahler nicht gegen die Kälte ankommen. Eine Prozession bewegt sich aufs Rathaus zu, Kinder im Grundschulalter tragen bunte Lampions, deren Lichter immer wieder auszugehen drohen. Alles erinnert an einen deutschen Martinszug, aber es ist schon Anfang Dezember, und der Mann im roten Mantel mit Bischofsmütze ist Sankt Nikolaus. In seinem Gefolge sind fünf pechschwarz geschminkte Begleiter in bunten Kostümen und Pumphosen zu erkennen. „Gleich fünf“, ruft die Frau am Maronenstand, und es klingt triumphierend. Gleich fünf, und alles bleibt ruhig.

Bis vor Kurzem hätte so ein Sinterklaas-Auftritt am frühen Abend im Zentrum der alten Stadt kaum einen der Restaurantgäste von seinem Teller aufblicken lassen. Ein paar Hundert Mal wiederholt sich zwischen Maastricht und Groningen die alte Zeremonie in den drei Wochen vor dem 5. Dezember. Dann ist „Pakjes-Avond“, und die Kinder können endlich die Süßigkeiten und kleinen Präsente suchen, die der Nikolaus ihnen in die Schuhe gesteckt oder vor die Haustür gelegt hat.

Erinnerung ans koloniale Erbe

Für viele Niederländer, meint der Historiker Gabor Kozijn auf, ist Sinterklaas wichtiger als Weihnachten. Das ist auch eine von mehreren Erklärungen dafür, dass in Holland Mitte November ein Kulturkampf ausgebrochen ist, der lange vorher geschwelt hat. Und der noch lange weiterschwelen wird.

Dass die Leute, die es sich bei Kerzenschein im „Gewoon Gouds“ am Marktplatz gutgehen lassen, sich für den kleinen Aufmarsch am Rathaus überhaupt interessieren, hat mit der Gewalt-Eskalation zu tun, die vor zweieinhalb Wochen Gouda in die Schlagzeilen brachte. Weltweit. Nicht gegen den heiligen Mann selbst, sondern gegen seinen Begleiter, den Zwarte Piet, richtet sich der Unmut vor allem linker und linksliberaler Gruppierungen. Sie sehen in der schwarz geschminkten Figur mit den knallroten Lippen und der Afro-Perücke ein fragwürdiges Erbe der unrühmlichen kolonialen Vergangenheit der Niederlande und werfen den Veranstaltern der Umzüge rassistische Motive vor.

Bei Rangeleien zwischen Gegnern und Anhängern des Zwarte Piet wurden neunzig Demonstranten aus beiden Lagern vorübergehend festgenommen. Das kommt in der niederländischen Provinz nicht alle Tage vor. Immerhin stand die Käse-Stadt an jenem Abend für ein paar Stunden medial im Mittelpunkt des Landes, denn Gouda war für die im Fernsehen und im Internet live übertragene zentrale Sinterklaas-Eröffnungsfeier ausersehen. Das wussten natürlich auch die aus vielen Gegenden angereisten Protestler, die just in dem Moment ihre Banner mit der Aufschrift „Rassismus“ entrollten, als das Schiff mit Sinterklaas und seiner Entourage aus mehreren schwarzen Petern am Ufer des Kanals angelegt hatte.

Einer frommen Legende zufolge kommt der Nikolaus alle Jahre wieder im November auf dem Seeweg von Spanien nach Holland, um den Kindern Geschenke zu bringen. Und seit Ewigkeiten assistiert dem Mann mit Rauschebart und wallendem roten Mantel dabei der Zwarte Piet, eine Art Knecht Ruprecht, zu dessen Ausstattung wie bei seinen deutschen Kollegen früher die obligatorische Rute gehörte.

Die Debatte ist nicht neu

Die Rute habe längst ausgedient, versichert Gabor Kozijn, der Brauchtumsspezialist. Ungeklärt ist bis heute allerdings die Frage, wie die schwarze oder jedenfalls dunkle Farbe in das Gesicht des Sinterklaas-Assistenten kommt. Die Mehrheit der Niederländer glaubt an die harmlose Variante der Geschichte: Das Schwarze im Gesicht ist Ruß. Schließlich ist der Piet früher durch den Kamin ins Haus gekommen, um die Geschenke abzuliefern; da wird man schon mal schmutzig. Eine Minderheit der Niederländer hingegen ist fest entschlossen, an eben diese Version nicht zu glauben. Und die Vertreter dieser Minderheit sind streitlustig.

Die Debatte über den Zwarte Piet ist nicht neu in den Niederlanden; in diesem Jahr wird sie aber besonders heftig geführt. Wir sind mit Hans Paul Andriessen verabredet, Lokaljournalist bei der Regionalausgabe der Tageszeitung Algemeen Dagblad. Er druckt ein gutes Dutzend Artikel aus, die zeigen, dass schon Ende Mai über den Zwarte Piet gestritten wurde und über das Für und Wider der Nikolaus-Ankunftszeremonie in traditioneller Gestalt.

Damals veröffentlichte die Zeitung einen Offenen Brief an den Bürgermeister, in dem sich die Psychologin und Psychotherapeutin Danielle Oprel für eine multi-kulturelle Gestaltung des Traditionsfestes stark machte. Und in dem sie daran erinnerte, dass Gouda eine Partnerschaft mit Elmina im heutigen Ghana unterhält, dem Zentrum des einstigen niederländischen Sklavenhandels.

Immerhin ist er schon bunter geworden

Mit Unbehagen erinnert sich Oprel, Mutter eines Sechsjährigen, an die Vorweihnachtszeit in einem niederländischen Dorf, in dem eine Minderheit von Molukkern und Surinamern lebten, dunkelhäutig wie sie. Bis heute kann sie nicht vergessen, dass sie in jedem Jahr zwei Monate lang besonders unter ihrer Herkunft gelitten hat: wenn Schulkameraden ihr an den Haaren zogen, um auszuprobieren, „ob die Kräusel echt“ sind, und ihr „Kakao“ oder, je näher der Nikolaustag rückte, „Zwarte Piet“ hinterher riefen.

Die Wortführer der Anti-Piet-Fraktion stammen wie Danielle Oprel aus der gebildeten Schicht von Niederländern mit familiären Wurzeln in Überseegebieten. Oprel, Spezialistin für forensische Psychiatrie mit eigener Praxis in Gouda, führt den Kampf für ein allmählichen Umdenken längst nicht so verbissen, wie es ihre zahllosen Gegner im ganzen Land unterstellen, sondern charmant und humorvoll.

Einen kleinen Erfolg, sagt Oprel, könnten sie und ihre Mitstreiter immerhin verbuchen: Der Zwarte Piet ist bunter geworden. In Gouda wurde Sinterklaas bei seiner Ankunft mit dem Schiff in diesem Jahr erstmalig von Piets mit hellem Teint eskortiert – vom Käse-Peter mit gelb angemaltem Gesicht und einem Stroopwafel-Pieter, dessen Hautfarbe dem Hellbraun der populären Sirup-Waffeln nachempfunden wurde.