Washington - Diesen Hashtag versteht in den USA jedes Kind. Unter #ReclaimMLK (übersetzt etwa: #Besinnt euch wieder auf Martin Luther King) versuchen vor allem junge Afroamerikaner seit Monaten in den sozialen Medien des Internets zu Protestveranstaltungen gegen Polizeigewalt zu mobilisieren. Das Ziel ist die Wiedergeburt einer Bürgerrechtsbewegung, wie sie in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts existierte. Ihre Führungsfigur war der legendäre Prediger Martin Luther King. Er führte Tausende und Abertausende bei Protestmärschen an. Seine Kommunikationsmittel waren bescheiden: Reden, Pamphlete und – wenn es gut lief – auch einmal ein Fernsehbericht. Für seinen gewaltfreien Kampf gegen die Diskriminierung der Schwarzen erhielt er den Friedensnobelpreis.

Heute ist das völlig anders. Nachrichtenübermittlung ist keine Kunst mehr, sondern Alltag. Verwunderlich eigentlich, dass aus den aktuellen Protestaktionen noch keine neue Bürgerrechtsbewegung größeren Ausmaßes erwachsen ist.

Mobilisierung über das Internet

Dabei sah es ganz danach aus. Als der schwarze Teenager Michael Brown im vergangenen August in Ferguson in Missouri von einem weißen Polizisten erschossen wurde, vibrierte das Internet, und Zehntausende trieb es auf die Straßen. Ähnlich war es Anfang Dezember, als bekannt wurde, dass ein weißer Polizist aus New York nicht vor Gericht angeklagt wird, obwohl er den Afroamerikaner Eric Garner in einen tödlich endenden Würgegriff genommen hatte. Wieder zogen Zehntausende aus Protest durch Amerikas Städte. Doch während Martin Luther Kings Bewegung zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts von Tag zu Tag wuchs, sind die Proteste heutzutage kurzlebig. Mittlerweile muss man Meldungen über Aktionen in den Massenmedien gezielt suchen.

Die Organisatoren der Proteste jedoch bleiben weiter optimistisch und versuchen, vor allem über das Internet zu mobilisieren. „Black Lives Matter“ heißt eine vielbesuchte Seite. Sie entstand schon 2012, nachdem der schwarze Jugendliche Trayvon Martin in Florida von einem Angehörigen einer Bürgerwehr erschossen wurde. „Ferguson Action“ heißt eine andere Seite. Immer wieder ist auf solchen Seiten zu lesen, dass eine Bewegung in Gang kommen müsse.

Das zeigt Wirkung. „Wir sind dabei, die weiße Vorherrschaft zu zerstören, sagte jetzt etwa ein Student aus San Francisco der Zeitung New York Times: „Wir bedienen uns historischer Taktiken.“ Also werden Straßen blockiert und Sit-ins veranstaltet. Um des getöteten Jugendlichen Michael Brown zu gedenken, legen sich Demonstranten in Bahnhöfen auf den Boden, als wären sie Leichen. „Black Brunch“ heißen die Aktionen, bei denen weiße Gäste in hochpreisigen Restaurants lautstark angegangen werden. In der Neuengland-Metropole Boston brachten Demonstranten den Verkehr auf einer Autobahn zum Erliegen, weil sie schwere Fässer mit Beton füllten, in die Mitte der Fahrbahn stellten und sich daran befestigten. Es sind Methoden, wie sie die Amerikaner in den Hochzeiten der Occupy-Wallstreet-Bewegung vor einigen Jahren kennengelernt haben. Es sind aber auch Methoden, wie sie ähnlich schon zu Zeiten von Martin Luther King angewandt wurden.

Dass aus der Vielzahl von Stegreif-Protesten bislang keine Bewegung geworden ist, liegt wahrscheinlich daran, dass noch keine Identifikationsfiguren wie Martin Luther King oder der vor 50 Jahren ermordete Malcolm X aufgetaucht sind. Es gibt zwar den bekannten Baptisten-Prediger Al Sharpton, den US-Präsident Barack Obama gepriesen hat als „Stimme jener, die keine Stimme haben“. Sharpton ist ein rhetorisch begabter Advokat der Bürgerrechte, dem es immer wieder gelingt, Tausende auf die Straße zu bringen. Doch in den Augen vieler Protestierer ist er zu sehr in das System verwoben, um ein glaubwürdiger Nachfolger von Martin Luther King zu sein. 2004 wollte er Präsidentschaftskandidat der Demokraten werden, er hat eine Show im Fernsehen, und es gibt auch Kritiker, die sagen, Sharpton sei eine Ein-Mann-Bürgerbewegung.

Außerdem mangelt es an konkreten Zielen, wie Wissenschaftler festgestellt haben. Die Bürgerrechtsgruppen der 60er-Jahre kämpften für das Wahlrecht. Sie stritten für einen Platz an der Theke des Restaurants, in dem ausschließlich Weiße bedient wurden. Sie wollten ein Ende der Rassentrennung in Schulen. Da das Konkrete bereits erreicht ist, müssen die Demonstranten von heute Ziele verfolgen, die schwerer zu fassen und vor allem schwerer zu erreichen sind. Die Parolen sind allgemeiner geworden.

Zu richten und zu reparieren gäbe es noch genug. Auch 50 Jahre nach dem offiziellen Ende der Rassentrennung ist der Rassismus in den USA virulent und systematisch. Proportional gesehen sitzen mehr Schwarze als Weiße in den Gefängnissen des Landes, werden mehr Schwarze als Weiße Opfer von Polizeiwillkür, gehen weniger Schwarze als Weiße auf weiterführende Schulen, leben mehr Schwarze als Weiße am Existenzminimum oder darunter, haben weniger Schwarze als Weiße lebenswerte Wohnungen, beziehen natürlich mehr Schwarze als Weiße staatliche Sozialleistungen.

Vernichtendes Urteil

Doch sind die neuen Protestformen geeignet, diese Missstände zu beseitigen? Der Historiker David. J. Garrow hat bereits ein vernichtendes Urteil gefällt. „Man kann das rebellisch nennen, man kann es auch irrational nennen“, sagte der Autor einer vielbeachteten Biografie über Martin Luther King, in einem Interview. Keiner der Demonstranten habe jedenfalls eine rationale Analyse vorgelegt, wie genau einzelne Protestaktionen zu Veränderungen der politischen Umstände führen sollten. Nach Garrows Auffassung wird es der quer über das Land verstreuten Protestgruppen gehen wie der Occupy-Bewegung. Die habe auch nur sechs Monate überlebt: „Und gibt es drei Jahre danach noch irgendeine Spur von Occupy? Nicht, dass ich wüsste.“

Es mag wie eine Ironie der Geschichte klingen. Doch ein entscheidender Nachteil für die heutige Generation der Bürgerrechtler sind auch die Wahl und die Wiederwahl von Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der USA. Das war ein Erfolg, der gewissermaßen die Niederlage in sich trug. Obama kann, ja darf gar nicht Präsident der Afroamerikaner sein. Er muss, wie er nicht müde wird zu betonen, der Präsident aller Amerikaner sein. Die Bürgerrechtsbewegung ist in den Institutionen angekommen. Da verwundert es wiederum nicht, dass viele der heutigen Demonstranten gar nicht danach streben, die Bewegung von Martin Luther King zu reanimieren, sondern etwas Neues entstehen zu lassen, von dem sie noch nicht genau wissen, wie es aussehen soll.