Als Historiker hat Robert Chase einige Jahre die Geschichte der Afroamerikaner in Charleston erforscht. Er arbeitet jetzt an der Stony Brook University im US-Staat New York. Den Weißen Dylann R., der in Charleston neun Menschen in einer Kirche erschossen hat, hält er für einen ideologisch getriebenen Attentäter.

Was ist das Massaker von Charleston für Sie als Historiker – ein Akt des Terrorismus oder ein Hassverbrechen?

Es wäre ein großer Fehler, von einem Verbrechen aus Hass allein zu sprechen. Die Leute denken dann sofort, es handelt sich bei dem Täter um einen paranoiden und psychotischen Einzelgänger. Dylann R. dagegen greift weit in die Geschichte zurück, um seine Tat zu begründen, wie man in dem Manifest lesen kann, das er ins Internet gestellt hat. Er hat offenbar ein feines, wenn auch völlig pervertiertes Gespür für Geschichte. Er fühlt sich offenbar – wie viele weiße Südstaatler nach Ende des Bürgerkriegs vor 150 Jahren – von Afroamerikanern bedroht.

Schwer zu verstehen, dass solche Gedankenmodelle auch 150 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs beziehungsweise 50 Jahre nach dem offiziellen Ende der Rassentrennung noch Bedeutung haben.

Solche Ideologien kommen immer dann zum Vorschein, wenn Afroamerikaner in den USA ihre Stimme erheben und protestieren. Derzeit tun sie das gegen Polizeigewalt. Ihr Motto ist „Schwarze Leben zählen.“ So war es auch in den 50er- und 60er-Jahren zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung. Damals erwachte plötzlich der Ku-Klux-Klan wieder aus seinem Dämmerschlaf, in den er in den 1920er-Jahren gefallen war. Damals brannten im Süden mehr als 300 Kirchen, die vorwiegend von Afroamerikanern besucht wurden. Höhepunkt war 1963 der Sprengstoffanschlag auf ein Gotteshaus in Birmingham/Alabama, bei dem vier Mädchen getötet wurden.

Ist das Massaker von Charleston eine Wiederholung dieser Geschichte?

Ich glaube, wir sind mitten in einer neuen, afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, auf die Dylann R. auf pervertierte Art und Weise reagiert: mit roher Gewalt, so wie das in den letzten Jahrhunderten schon immer geschehen ist. Ich denke, seine Motive liegen nicht nur im Bürgerkrieg verankert, der von vielen Menschen in den Südstaaten der USA auch heute noch als ein ehrenvoller Kampf um eine verlorene Sache glorifiziert wird. Dylann R., den ich für einen ideologisch getriebenen Attentäter halte, bezieht sich in seinem Manifest ausdrücklich auf massive Gewalt von Schwarzen an Weißen, die angeblich totgeschwiegen wird. Diese Argumentation ist zwar nicht zu belegen, doch für Dylann R. scheint sie real zu sein.

Ist das der lange Schatten der Sklaverei, von dem Präsident Barack Obama spricht?

Das ist richtig. Ich gehe sogar weiter: Das ist der lange Schatten, den der Rassismus in den USA bis heute wirft. Wir sind alles andere als eine farbenblinde Gesellschaft. Und das gilt unabhängig davon, dass wir mit Barack Obama erstmals einen Afroamerikaner zum Präsidenten gewählt haben.

Das müssen Sie jetzt erklären.

Der Rassismus ist so tief in Teilen der US-Gesellschaft verankert, dass auch die Wahl eines Afroamerikaners zum Präsidenten daran nichts ändern konnte.

Wovor fürchten sich Menschen wie Dylann R.?

Historisch gesehen, gab es immer drei Begründungen für Gewalt gegen Schwarze: die Angst, dass sich die weiße und die schwarze Rasse vermischen; die Furcht, dass Afroamerikaner das Land übernehmen könnten, und schließlich die Schlussfolgerung aus den beiden Punkten: Afroamerikaner sollen verschwinden, und das wird mit Gewalt versucht. Ein anderes Wort dafür ist Völkermord.

Bei seinem ersten Auftritt vor Gericht wirkte Dylann R. wie ein verstörter, verunsicherter, planloser Teenager, weniger wie ein eiskalter Mörder.

Er mag vielleicht anders wirken, aber ich denke, R. fühlt sich tatsächlich als ein Bannerträger der weißen, rechtsextremistischen Bewegung und hat deren ideologisches Grundgerüst verinnerlicht. Er sieht sich offenbar in der Tradition der weißen Lynchmörder. In der Zeit von der Abschaffung der Sklaverei bis in die 60er-Jahre hinein gab es eine Vielzahl solcher Verbrechen. Noch immer wirkt das Erbe dieser Lynchmorde nach, als weiße Bürger nach eigenem Gutdünken entschieden, dass jemand sterben musste, wohl wissend, dass ihnen von Staats wegen nichts drohte.

Warum ist Charleston für Afroamerikaner wie offenbar auch für Rassisten etwas Besonderes?

Für Afroamerikaner ist Charleston wichtig, weil die meisten ihrer Vorfahren dort nach der Überfahrt aus Afrika an Land gebracht und versklavt wurden. Es ist wie ein pervertiertes Ellis Island für die Schwarzen. Für weiße Rechtsextremisten, die Motive für ihr Handeln aus dem Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten ziehen, ist Charleston aber ebenso wichtig. Es ist der Ort, an dem der erste Schuss in diesem Krieg fiel. Dazu kommt: Die Mother-Emanuel-Kirche, in der das Massaker geschah, ist eine der ältesten afroamerikanischen Kirchen in den Südstaaten. Sie ist ein Symbol für alles, was Rechtsextremisten ablehnen. Martin Luther King etwa hat in der Kirche gesprochen.

Wird der Anschlag auf eine Kirche im sehr religiösen Süden zu Veränderungen der Waffengesetze führen, oder wird es so sein wie nach dem Massaker in der Grundschule von Newtown: Erst wird aufgeregt debattiert, doch ein paar Wochen später ist die Sache wieder vergessen.

Als Historiker sollte man besser nicht in die Zukunft schauen. Aber eines lässt sich sicher sagen: Wenn es Veränderungen geben sollte, dann werden sie sich nur langsam einstellen. Denken Sie immer daran, dass wir nicht eine Regierung, sondern 50 Regierungen haben. Wir haben schließlich 50 Bundesstaaten. Und jeder einzelne Staat kann selbst entscheiden, wie seine Waffengesetze aussehen. Wie schwer Veränderungen herbeizuführen sind, sieht man ja an der Debatte, ob die alte Flagge der Südstaaten auch heute noch an staatlichen Gebäuden oder auf staatlichem Grund wehen soll.

Am Mittwoch wird der Sarg mit den sterblichen Überresten eines der Ermordeten von Charleston im Parlament von South Carolina aufgebahrt. Ein paar Meter weiter weht derzeit noch die Südstaaten-Flagge an einem Bürgerkriegsdenkmal. Wie wirkt das auf Sie?

Völlig bizarr ist das. Das sagt so viel darüber aus, wie unsere Gegenwart von unserer Vergangenheit beeinflusst wird. Wir brauchen dringend eine landesweite Debatte über dieses Thema. Unsere Verfassung lässt es zwar nicht zu, solche Symbole zu verbieten, doch wir müssen so etwas schaffen wie die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. In Deutschland ist es schließlich auch gelungen, das Hakenkreuz gänzlich aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Die Flagge der Konföderierten ist nicht nur ein Symbol des Bürgerkriegs, der vor 150 Jahren zu Ende ging. Der Ku-Klux-Klan hat sie auch getragen. Für Afroamerikaner ist diese Flagge ein Symbol des Hasses und der Einschüchterung.

Das Gespräch führte Damir Fras.