BERLIN, 7. März. Im ersten Moment kann Raj Tischbierek nicht alle Vereine aufzählen, für die er schon gespielt hat. Ein halbes Dutzend waren es allein in der Bundesliga, die Namen betrachtet er als nebensächlich. "Das waren meist nur Engagements auf Legionärsbasis", sagt der 40-Jährige, "da gab es nie eine intensive Beziehung." Heute ist das anders. Tischbierek hat eine sportliche Heimat gefunden beim Schachclub Kreuzberg. Dessen Vorsitzender Norbert Sprotte sagt sogar, Tischbierek sei ein "engagiertes Mitglied der Kreuzberger Schachfamilie". Das klingt dem Großmeister aber zu pathetisch. Tischbierek ist ein Profi, der freiwillig zum Amateur geworden ist, weil er inzwischen andere Prioritäten setzt. Er hetzt längst nicht mehr als Spieler von Turnier zu Turnier. Wenn überhaupt, dann meist als Chefredakteur der Zeitschrift Schach aus dem Exzelsior-Verlag, den er gegründet hat.Einen Steinwurf vom Spiellokal des SC Kreuzberg entfernt liegt sein Büro - die Nähe passt ganz gut zum vollen Terminplan des Mannes, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Andere Hobbys außer Schach? "Ich lese gerne." Oft sind es Schachbücher, die er rezensiert. Auf derart kritische Weise, dass es im Internet nur so wimmelt vor gekränkten Autoren. Und was ist mit Familie? "Ich bin ledig, wie sich das für einen richtigen Schachspieler gehört", sagt er und lächelt. Spaß als TrainerAnsonsten erfüllt Tischbierek nicht das Klischee vom introvertierten Denker, der sich in seinen Türmen verkriecht. Als Journalist muss er kommunikativ sein - und das kommt auch der deutschen Frauen-Nationalmannschaft zugute, die Tischbierek als Trainer bei der Schach-Olympiade betreut. "Nebenbei, aus Spaß", wie er sagt. Das Image vom besessenen Denkartisten, der rund um die Uhr auf 64 karierten Feldern lebt, behagt ihm nicht: "Ich kann Sie beruhigen", sagt er: "Ich bleibe zwar oft bis Mitternacht im Büro - aber wenn ich dann heimkomme, baue ich kein Brett mehr auf." Beliebt sind beim SC Kreuzberg jene Abende, an denen Tischbierek, DDR-Meister 1987 und 1990, Vorträge für die Mitglieder hält und bedeutende Partien nachspielt. Clubpräsident Sprotte nennt ihn ein Vorbild für den Nachwuchs, den der Verein pflegen will, um einmal eine reine Berliner Bundesligamannschaft ins Rennen zu schicken. Als Kontrapunkt in Zeiten, da sich mit dem Lübecker SV ein Team Deutscher Meister nennen darf, das keinen einzigen einheimischen Spieler in seinen Reihen hat. In Berlin versuchen sie gegenzusteuern. Am Wochenende werden beide Bundesligisten Sonnabend und Sonntag in der Landesvertretung Bremen (Hiroshimastraße 24) Spitzenschach präsentieren. Die Schachfreunde Neukölln setzen seit sechs Jahren in der Bundesliga auf viele Eigengewächse, die Kreuzberger eifern nach - sind nun sogar erfolgreicher. Um den Ligaverbleib müssen nur noch die Neuköllner zittern, Kreuzberg ist vier Runden vor Saisonende bereits gesichert. Tischbierek hat am Erfolg großen Anteil. Binnen drei Jahren startete er mit der Mannschaft aus der Oberliga durch. Und mit seinen Beziehungen hat er nicht nur ehemalige Berliner wie Ralf Lau (wohnt in Österreich) und Karsten Volke (Stuttgart) für das Team gewinnen können, sondern auch Sponsoren. Er selbst redet ungern drüber. Der Mann bleibt als rastloser Läufer und Springer lieber im Hintergrund.ZEITSCHRIFT SCHACH Raj Tischbierek, als Schach-Profi freiwillig Amateur geworden