BMI: Warum der Body Mass Index nichts darüber aussagt, ob Sie gesund sind

Der BMI gilt als Gradmesser fürs gesunde Körpergewicht. Doch aus wissenschaftlicher Sicht stimmt das nicht. Was stattdessen sinnvoll ist, erklärt eine Expertin.

Die Waage und ein Maßband verraten, ob man Übergewicht hat. 
Die Waage und ein Maßband verraten, ob man Übergewicht hat. imago

Bin ich schlank? Oder zu dick? Und wenn ja: Wie sehr zu dick bin ich? Um das eigene Gewicht einschätzen zu können, ist es hilfreich und üblich, den Body Mass Index (BMI) zu errechnen. Dieser gibt an, ob man unter-, normal- oder eben (stark) übergewichtig ist.

Jedoch sagt der BMI nichts darüber aus, ob man tatsächlich gesund ist. Denn selbst schlanke Menschen können innere Fettdepots haben und in der Folge an den klassischen Übergewichtserkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck sowie Herz-Kreislauf-Beschwerden leiden.

Was ist der Body Mass Index?

Der BMI basiert auf Werten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und errechnet sich aus der Körpergröße im Verhältnis zum Gewicht. Er gibt an, ob der daraus resultierende Wert einer (aus medizinischer Sicht) gesunden Balance entspricht.

Im Internet gibt es Masken für Erwachsene ab 18 Jahren, in die man seine Werte einträgt und das Ergebnis angezeigt bekommt. Sie können es aber auch selbst ausrechnen: Körpergewicht (in Kilogramm) geteilt durch Körpergröße (in Metern) zum Quadrat. Multiplizieren Sie zuerst Ihre Größe mit sich selbst: 1,70 (Meter) x 1,70 (Meter) = 2,89. Dann teilen Sie Ihr Gewicht durch diesen Wert, also etwa 65 (Kilogramm) : 2,89. Der Wert – in diesem Fall 22,5 – ist Ihr BMI.

Eine Person also, die 170 Zentimeter groß ist und 65 Kilogramm wiegt, hat einen BMI von 22,5 – und ist somit im absoluten Mittelfeld des Normalgewichts. Wer 185 Zentimeter groß ist und 80 Kilogramm wiegt, hat einen BMI von 23,4 – auch ein guter Normalwert.

Laut WHO gibt es sechs Gewichtsklassen: Unter 18,5 bedeutet Untergewicht, zwischen 18,5 und 24,9 ist man normalgewichtig, zwischen 25 und 29,9 ist man übergewichtig, ab einem BMI 30 gibt es drei verschiedene Grade von Fettleibigkeit (Adipositas).

„Anhand der genannten Gewichtsklassen kann schnell und einfach im ersten Schritt abgeschätzt werden, ob der Körperfettanteil zu hoch ist. Das Gute am BMI ist, dass er so leicht auszurechnen ist und eine gute erste Orientierung bietet“, sagt Oecotrophologin Veronika Albers von der Ernährungsberatungsplattform Oviva.

Per App kann man sich hier prophylaktisch beraten, bei Unverträglichkeiten helfen, aber auch beim Abnehmen unterstützen lassen – und das funktioniert sogar auf Rezept; der Arzt muss es nur verordnen, dann sind die App beziehungsweise die Beratung kostenlos oder beinhalten je nach Kasse einen Eigenanteil. Um die 60 Spezialistinnen und Spezialisten arbeiten bei Oviva, unterstützen via Chat oder telefonisch. Veronika Albers ist eine von ihnen.

Warum ist der BMI nicht aussagekräftig?

Der Body Mass Index beschreibt, vereinfacht ausgedrückt, ob die Kilos, die man mit sich herumträgt, angemessen, zu viel oder zu wenig für unsere Größe sind. Er sagt jedoch nichts darüber aus, wie die Kilos verteilt sind – und genau das ist der Hauptkritikpunkt. Ein weiterer ist, dass der BMI nicht zwischen Fett und Muskeln unterscheidet. „Sportliche Menschen können einen erhöhten BMI-Wert haben, ohne dass ein Übergewicht besteht“, so Veronika Albers.

Muskeln wiegen mehr als Fett. Dennoch ist ein Athlet mit hohem BMI in der Regel ein sehr gesunder Mensch, wohingegen eine schlanke Person mit optimalem BMI krank sein kann, weil sich innere Fettdepots angesammelt haben, die von außen nicht sichtbar sind.

„Wir wissen nicht, wie es im Inneren des Körpers aussieht“, sagt Albers. „Das können wir nur über Laborwerte und den Besuch beim Arzt herausfinden. Ein Ergebnis könnten erhöhte Leberwerte sein, die ein Hinweis für eine Fettleber sein können.“

Eine Fettleber spüren wir lange nicht – zu lange. Denn wenn sich die Beschwerden einstellen, ist es schon fast zu spät. Es kann zu einer Leberzirrhose kommen, die tödlich enden kann. Warnsignale für eine Fettleber sind Müdigkeit, Druckgefühl im rechten Oberbauch, Blähungen, Völlegefühl, Übelkeit. „Es können aber auch Probleme mit der Bauchspeicheldrüse oder im Magen sein, weshalb es eine genaue Diagnostik braucht“, so Veronika Albers.

Zu einer nicht sichtbaren inneren Verfettung kommt es, wenn Sie sich ungesund ernähren und wenig bewegen. Sie können dennoch eine gute Verbrennung haben, weshalb Sie nicht dick werden, aber die überschüssigen Kalorien werden in der Leber in Form von Fett abgespeichert.

Es ist nämlich so: Wenn wir viel zwischendurch snacken, unsere Mahlzeiten herunterschlingen, zu viele Kohlenhydrate zu uns nehmen, essen wir automatisch mehr, als uns gut tut und als unser Körper tatsächlich braucht. Die überschüssige Energie wird dann eingelagert.

Kurzum: Sie können einen BMI im grünen Bereich haben, aber trotzdem innerlich verfettet und sogar krank sein. Dann sind Sie dünn und dick zugleich.

Was sind denn dünne Dicke?

Der Begriff kommt, wie so oft, aus dem Englischen: thin outside, fat inside, abgekürzt als Akronym TOFI, zu Deutsch: außen dünn, innen dick. „Eine innere Verfettung entwickelt sich über Jahre, das geht schleichend“, weiß Oecotrophologin Veronika Albers. „Eine entscheidende Rolle spielen dabei eine ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel, der einen Muskelabbau zur Folge hat. Unsere Muskeln sind jedoch die Verbrenner, sie verbrauchen viel Energie und stellen sich der Verfettung entgegen.“

Wer klassisch dick ist, hat meistens einen runden Bauch (Männer) oder einen kräftigen Hüft- und Pobereich (Frauen). Das Dicksein ist sichtbar. Wenn jedoch die Leber verfettet ist, sieht man das nicht. „Das eingelagerte Fett legt sich um die Leber, sodass sie nicht mehr richtig arbeiten kann, dabei ist sie unser wichtigstes Entgiftungsorgan“, so Veronika Albers. „In der Leber finden aber auch wichtige Um- und Abbauprozesse statt, ohne die unser Stoffwechsel nicht richtig funktioniert.“

Man könne sich das vorstellen wie einen Raum, bei dem sich die Wände auf einen zubewegen. „Es kommt zu einer Funktionseinschränkung der Leber, die schließlich sogar absterben kann. Das lässt sich nicht umkehren und ist wirklich gefährlich“, warnt die Expertin. „Denn ohne Leber können wir nicht leben, sie kann nicht durch Medikamente, sondern nur durch eine Transplantation ersetzt werden.“ Ohne Leber könnten wir beispielsweise keine Medikamente einnehmen, weil diese dafür sorgt, dass die Wirkstoffe keinen Schaden im Körper anrichten.

Wie finde ich heraus, ob ich gesund bin?

Abgesehen von den oben erwähnten Laborergebnissen und dem Befund des Arztes ist es grundsätzlich ein guter erster Schritt, seine eigenen Lebensgewohnheiten ehrlich und kritisch zu überprüfen. Essen Sie regelmäßig? Nehmen Sie sich Zeit, das Essen ordentlich zu kauen? Was essen Sie? Wie viel Gemüse, Vollkornprodukte, Fertiggerichte kommen bei Ihnen auf den Teller? Treiben Sie Sport? Wie sieht es generell mit der Bewegung aus?

Die WHO empfiehlt, sich pro Woche 150 Minuten zu bewegen, also mindestens spazieren zu gehen. Das entspricht einer halben Stunde an fünf Tagen pro Woche. Außerdem sollten Sie bei jeder Mahlzeit darauf achten, dass etwa die Hälfte aus Gemüse besteht und ein Drittel aus Proteinen (Eier, Tofu, Fleisch, Fisch, Pilze, Nüsse). Das restliche Drittel dürfen Kohlenhydrate sein, also Kartoffeln, Reis, Nudeln, Brot – am besten jedoch aus Vollkorn, weil das viele Ballaststoffe enthält, die den Darm gesund machen.

Nun gibt der BMI einen ersten Hinweis darauf, ob man zu viele Kilos mit sich herumschleppt. Wie es jedoch mit der – viel aussagekräftigeren – Fettverteilung aussieht, kann man auch überprüfen, und zwar indem man einmal Maß nimmt: Messen Sie den Umfang Ihrer Taille sowie Ihrer Hüfte. Frauen sollten einen Taillenumfang haben, der 80 Zentimeter nicht überschreitet, bei Männern gilt alles ab 94 Zentimetern als problematisch. Haben Männer einen Taillenumfang von mehr als 102 Zentimetern oder Frauen mehr als 88 Zentimeter, werden sie medizinisch als adipös bezeichnet.

Das ist ein erstes Indiz. Setzen Sie nun Taille und Hüfte ins Verhältnis, indem Sie den Taillenumfang durch den Hüftumfang teilen. Das Ergebnis sollte bei Frauen den Wert 0,85 nicht übersteigen, bei Männern unterhalb von 1 liegen. Bei Männern kann auch ein kritischer Blick auf den Nacken helfen: Wenn sich hier Speckröllchen bilden, ist das ein Hinweis auf Übergewicht.

Schlussendlich können Sie Ihren Taillenumfang in Bezug zu Ihrer Körpergröße und zu Ihrem Alter setzen. Messen Sie Ihre Taille und teilen Sie die Zahl durch Ihre Körpergröße. Wer jünger als 40 Jahre ist, sollte keinen höheren Wert als 0,5 haben. Danach steigt der Grenzwert pro Lebensjahr um 0,01 – 41-Jährige sollten also nicht mehr als 0,51 erzielen, zum Beispiel. Bei über 50-Jährigen liegt der Grenzwert generell bei 0,6 und sollte auch mit zunehmendem Alter nicht überschritten werden.

Diese Berechnungen sind sinnvoller als der BMI, weil sie die Statur des Menschen berücksichtigen. Ein Bodybuilder mit hohem BMI wird beim Hüft-Taille-Index gut abschneiden, was der Realität näher kommt. Und es ist wichtig, zu schauen, wie alt jemand ist, weil sich im Laufe eines Lebens auch der Stoffwechsel ändert. Einzig die inneren, versteckten Fettdepots lassen sich nicht berechnen.

Hier muss man ehrlich zu sich selbst sein und seinen Lebensstil überprüfen, sofern man keine Leberschädigung riskieren will. Besonders schlanke Menschen sollten sich nicht in falscher Sicherheit wiegen.