Amoktaten passieren glücklicherweise nur selten. Dennoch führen sie uns unsere Verletzlichkeit und auch Hilflosigkeit vor Augen. Man liest die Nachrichten und fragt sich: Wie hätte ich wohl gehandelt? Was macht man als erstes? Manches ist Ermessenssache, anderes wiederum juristisch klar geregelt.

Die Berliner Zeitung beantwortet die wichtigsten Fragen, wie man sich richtig verhält, wenn man Zeuge eines Unfalls, eines Amoklaufs oder eines anderen tragischen Ereignisses wird. Die wichtigste Grundregel vorab: Bringen Sie sich nie selbst in Gefahr! Der eigene Schutz hat immer Vorrang.

1. Soll ich zuerst die 112 oder die 110 rufen?

Das kommt auf die Situation an. Wenn Sie sehen, dass es Verletzte gibt, wählen Sie die 112. Beobachten Sie hingegen einen Gewalttäter in Aktion, kann es sinnvoller sein, zunächst die 110 anzurufen. Sowohl die Polizei, als auch der Feuerwehr-Notruf, der für das Losschicken von Rettungskräften zuständig ist, können sich gegenseitig alarmieren. Und das tun sie auch, wenn die von Ihnen geschilderte Situation es nötig macht.

„Die Versorgung Verletzter sollte jedoch immer Vorrang haben“, teilt die Berliner Polizei auf Anfrage mit und meint damit: Im Zweifel eher die 112, wenn die Situation unübersichtlich ist. „In der überwiegenden Zahl der Fälle ist es letztlich unerheblich, welchen Notruf Sie wählen, da beide Behörden eng vernetzt sind. Kontaktieren Sie also die Feuerwehr, um eine Person, die Opfer einer Straftat und dabei verletzt wurde, versorgen zu lassen, so würde über die Feuerwehr auch die Polizei informiert.“

Wichtig: Melden Sie sich immer mit Namen und Standort, wenn Sie einen Notruf absetzen. Ihre Telefonnummer wird automatisch übertragen, auch wenn Sie das in Ihrem Handy deaktiviert haben. Schildern Sie dann in knappen Worten: Was ist geschehen? Wer braucht Hilfe? Wie viele Personen sind wie stark verletzt? Die Mitarbeitenden fragen auch nach, sofern etwas unklar ist.

Die Malteser weisen auf ihrer Website in Bezug auf Unfälle darauf hin, dass man möglichst erst Verletzte versorgen sollte, bevor man einen Notruf absetzt: Also zunächst schauen, ob die Person dringend Hilfe braucht, ob sie ansprechbar ist, wie viele andere Personen verletzt sind. Erst dann die 112 wählen.

Für Amoklagen gilt: Verhalten Sie sich möglichst leise, verstecken Sie sich. Schalten Sie Ihr Handy lautlos, wählen aber trotzdem die 110. Vielleicht können Sie flüstern. Falls nicht, senden Sie eine Textnachricht an Menschen, die bei der Polizei anrufen können. Schicken Sie Ihren Standort mit. Und dann warten Sie, bis Hilfe eintrifft. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) schreibt dazu: „Keinen Feueralarm auslösen. Keinesfalls das Gespräch mit dem Amokläufer suchen (…). Nicht hinter Türen aufhalten.“

Etwas allgemeiner formuliert es die Bayrische Staatskanzlei: „Amoklagen stellen für die Betroffenen eine psychologische Extremsituation dar, die zu Schockzuständen und Handlungsunfähigkeit führen kann. Ist dies der Fall, ist zielgerichtetes Handeln kaum möglich. Es ist deshalb zu versuchen, die persönliche Verhaltenssicherheit schnellstmöglich wieder zu erlangen.“

Als Tipps werden genannt: „Schock und Desorientierung überwinden (z.B. andere fragen, ob sie das Gleiche wahrgenommen haben); genau wahrnehmen und bewusst die Situation deuten (z.B. bewusstes nochmaliges Hinhören und Überlegen, um sich auf das Ereignis zu konzentrieren); sich selbst Handlungsfähigkeit suggerieren (Selbstinstruktion); Vorbild sein und dadurch andere beruhigen (…).“

2. Wann sollte ich Erste Hilfe leisten?

Sobald man bemerkt, dass jemand Hilfe braucht, muss man handeln – immer unter der Voraussetzung, dass man sich nicht selbst gefährdet. „Erste Hilfe umfasst medizinische, organisatorische und betreuende Maßnahmen an Erkrankten oder Verletzten mit einfachen Mitteln. Jeder, der diese Maßnahmen ergreift, leistet Erste Hilfe“, heißt es in einer Veröffentlichung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV).

Das heißt konkret: Schauen Sie nicht weg, sondern tun Sie etwas. Laut Strafgesetzbuch ist jede und jeder dazu verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten. Ausnahme ist, wenn man sich selbst in akute Gefahr brächte.

3. Wie kann ich helfen, wenn ich keine Erste Hilfe beherrsche?

Wenn Sie keine lebensrettenden Maßnahmen beherrschen oder sich nicht in der Lage fühlen, diese anzuwenden, können Sie zumindest Umstehende ansprechen und diese um Hilfe bitten. Darüber hinaus sollten Sie schnellstmöglich einen Notruf absetzen, damit professionelle Hilfe kommt.

4. Mache ich mich strafbar, wenn ich keine erste Hilfe leiste?

„Laut Strafgesetzbuch sind in Deutschland Bürgerinnen und Bürger dazu verpflichtet Erste Hilfe zu leisten. Nach § 323c StGB Unterlassene Hilfeleistung als Vergehen mit einer Geldstrafe oder aber einer bis zu einjährigen Freiheitsstrafe vorgesehen“, erklärt die Berliner Polizei auf Anfrage.

Und weiter: „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, muss mit einer Strafe rechnen.“ Das Strafmaß sei vom Einzelfall abhängig, und die Entscheidung darüber fällt das Gericht.

„Eine Hilfeleistung kann“, so die Pressestelle der Berliner Polizei, „vielfältiger Natur sein, das Wählen des Notrufes, das Hinzuziehen anderer Personen oder die eigene Erste-Hilfe-Leistung sind einige Möglichkeiten der Hilfe-Leistung.“

Jedoch: „In der Regel muss weder mit schadensersatz- noch strafrechtlichen Konsequenzen gerechnet werden“, heißt es weiter in der Handreichung der Unfallversicherung. „Grundsätzlich braucht ein Ersthelfer nach geleisteter Hilfe an einem Notfallort dann nicht mit rechtlichen Konsequenzen zu rechnen, wenn er die ihm bestmögliche Hilfe geleistet oder so sachgerecht gehandelt hat, wie er es in der Ersten-Hilfe-Ausbildung gelernt hat, oder wie es für ihn nach bestem Wissen erforderlich schien.“

Im Erste-Hilfe-Kurs lernt man auch, dass das Überleben der verletzten Person an erste Stelle steht, man also keine Angst davor haben sollte, den Menschen etwa durch eine Herzdruckmassage oder das Drehen in die stabile Seitenlage zu gefährden.

5. Wie kann man Einsatzkräfte vor Ort unterstützen?

Bei einem Rettungs- oder Polizeieinsatz ist es vor allem wichtig, „die Arbeit der Einsatzkräfte nicht zu behindern, weder durch Gesprächswünsche sachfremder Natur noch durch nicht ausreichendes Abstandhalten“, so die Berliner Polizei.

Darüber hinaus gelten folgende Grundsätze, wie die Behörde weiter mitteilt: „Den Anweisungen der Einsatzkräfte ist Folge zu leisten. Sofern Bürgerinnen und Bürger über wichtige Informationen eines Geschehens verfügen, welche von Relevanz für die weiteren Ermittlungen sein können, sollten sich diese als Zeugin oder Zeuge zur Verfügung stellen. Fotos und Filmaufnahmen aus der Nahdistanz sowie insbesondere deren Veröffentlichung im Netz sind zu unterlassen. Sollten Videoaufnahmen zu möglichen Straftaten vorliegen, so sollten diese zur weiteren Aufklärung der möglichen Straftat der Polizei zur Verfügung gestellt werden.“

Die Berliner Feuerwehr hat „wegen fehlender Ressourcen“ auf keine der Fragen geantwortet, sondern verweist auf ihre Website und bittet, man möge sich an Hilfsorganisationen wenden.

6. Was tut man, wenn Gaffer filmen?

Sofern Sie merken, dass jemand filmt, weil er Lust darauf hat, sprechen Sie ihn oder sie an. Sagen Sie, dass das nicht erlaubt und sogar bei Strafe verboten ist: Gaffer stehen häufig im Weg und behindern so die Rettungskräfte. Das gefährdet Leben. Darüber hinaus ist die bloße Anwesenheit von Gaffern nicht nur für Opfer entwürdigend. Niemand möchte in solch einer Situation gefilmt werden – auch die Einsatzkräfte nicht.

Der Verkehrspsychologe Ulrich Chiellino erklärt auf adac.de: „Vielen Schaulustigen fehlt das Situationsbewusstsein völlig. Sie sehen nicht, welche Verantwortung für Menschen in Not aktiv zu übernehmen ist. Es entsteht stattdessen der Eindruck, das außergewöhnliche Ereignis passiv verfolgen zu können. Das Einfühlungsvermögen in Situation und Betroffene fehlt, somit auch das Verständnis für die angespannten Rettungskräfte. (…) Viele Schaulustige greifen zum Smartphone, um den Unfall zu filmen. Das Handy gibt ihnen das Gefühl, sich dabei hinter einem Filter verstecken zu können und entfernt sie emotional von der Situation.“

Das Strafgesetzbuch regelt das ganz klar in Paragraph 201a, Absatz 2: „Mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt.“ Dabei ist es völlig unerheblich, ob die Aufnahmen veröffentlicht werden oder nicht. Allein das Anfertigen ist strafbar.

Strafbar ist auch das Nichthandeln, also das Nichtleisten von Erste-Hilfe-Maßnahmen. Wir alle sind dazu verpflichtet zu helfen, wenn jemand in Not ist (siehe oben). Können wir das nicht, haben wir auch nichts am Ort des Geschehens zu suchen.

7. Sollte ich einen Verdächtigen filmen?

Ganz klar: „Das Filmen zur Dokumentation flüchtender Tatverdächtiger als Beispiel, ist nicht strafwürdig. Filmen zum Zwecke der Selbstdarstellung und zur Veröffentlichung auf Social Media ist nicht nur absolut unmoralisch sondern auch strafbar“, so die Polizei-Pressestelle.

Anders ausgedrückt: Wenn Sie jemanden beobachten, von dem Sie glauben, dass er mit der Tat etwas zu tun hat, können Sie filmen, sollten das Material danach aber den Ermittlungsbehörden zur Verfügung stellen.