Es ist gut fünfeinhalb Jahre her: Am 19. Dezember 2016 fuhr Anis Amri mit einem Truck in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. 13 Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. Zuvor hatte Amri den Lkw-Fahrer ermordet. Die Überlebenden waren nicht nur körperlich, sondern auch seelisch versehrt.

Vor wenigen Tagen, am 8. Juni, raste ein Auto am Breitscheidplatz über den Fußweg. Der Fahrer, Gor V., tötete dabei eine 51-jährige Lehrerin, verletzte 17 andere Menschen, darunter viele Jugendliche einer Schulklasse. Es sind ähnliche Bilder wie damals, die nun in Zeitungen, Magazinen und im Fernsehen zu sehen sind. Für die Betroffenen von 2016 geht der Alptraum von vorne los.

Wer etwas derart Schreckliches wie eine Amoktat erlebt, wird das sein Lebtag nicht mehr los. „Das Trauma wird im Nervensystem abgespeichert, lagert über einen sehr langen Zeitraum in unseren Emotionen“, erklärt Therapeut Dr. Christian Lüdke. „Und das führt dazu, dass schon kleinste Ereignisse zu einer Retraumatisierung führen können, in diesem Fall vielleicht schon das Geräusch von überhöhter Geschwindigkeit.“

Was ist eine Retraumatisierung?

Eine Retraumatisierung ist die Konfrontation mit Erlebtem, was zu einer Erlebnisaktivierung führt. Etwas, das der Experte selbst kennt. Er war 2016 auch am Breitscheidplatz. Zufällig. Eigentlich lebt und arbeitet er in Nordrhein-Westfalen, hat aber ein Büro in der Rankestraße (Charlottenburg). Am Tag des Unglücks war er selbst bei einer Weihnachtsfeier in unmittelbarer Nähe des Breitscheidplatzes, betreute dann Überlebende vor Ort.

„Das war schrecklich", gesteht der Experte. „Eine Frau hielt eine andere im Arm, während diese starb. Später sagte sie mir, sie werde den Geruch des Blutes nicht los. Überhaupt war diese ganze Situation damals die pure Hilflosigkeit: Verletzte, Weinende, Tote, Helfende. Überall Rettungskräfte, und doch konnte nicht jedem geholfen werden. Man saß nur da und guckte zu.“

Eine andere Überlebende habe auch Monate später noch immer Amris stechenden Blick vor Augen gehabt, wie er den Laster in die Menschenmenge lenkte, hörte die unbeschreiblichen Geräusche. „So etwas brennt sich ein. Auch bei mir kamen die Bilder sofort wieder hoch“, sagt der Therapeut. „Die aktuellen Geschehnisse triggern gleich an mehreren Punkten: die Örtlichkeit, ein Fahrzeug, die Menschenmenge.“

Was passiert bei einer Retraumatisierung?

Bei den Überlebenden führt das zu einer sofortigen Aktivierung des Nervensystems, sodass man alles erneut zu erleben scheint. „Der Körper unterscheidet in dem Moment nicht, ob das jetzt gerade passiert oder schon länger her ist“, sagt Dr. Christian Lüdke. „Die ausgelöste Reaktion ist exakt die gleiche, das ist ein rein biochemischer Vorgang: Es werden Stresshormone ausgeschüttet, der Körper in Alarmbereitschaft gesetzt. Evolutionär hat der Mensch in Gefahrensituationen drei Optionen: fliehen, kämpfen oder erstarren. Und deshalb schaltet der Körper in den Krisenmodus, indem er die Muskulatur aktiviert.“

Die Trigger führen nicht nur zu einer körperlich heftigen Reaktion, sondern auch zu einer psychischen: Man erlebt die Todesangst erneut, die Ohnmacht, das Ausgeliefertsein. „Alle Bilder und Eindrücke werden in eine Stressreaktion umgewandelt, alle Sinne reagieren, man steht völlig unter Strom, obwohl es keine akute Bedrohungslage gibt, man vielleicht nur von dem Vorfall gelesen hat“, so der Therapeut.

Man kennt das im Kleinen von sich selbst: Ein Lied aus der Jugend, der Geruch von Zimtsternen, das Geräusch eines Zahnarztbohrers – sofort hat man Assoziationen, kriegt vielleicht Gänsehaut. Genau so funktionieren emotional abgespeicherte Ereignisse. Im Positiven, wie im Negativen.

Was können Betroffene tun?

Das Beste, was Überlebende von traumatischen Ereignissen tun können, ist, sich jetzt Ruhe, Abstand und Ablenkung zu gönnen. „Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf etwas Schönes“, rät Dr. Christian Lüdke. „Das ist gesunder Selbstschutz.“

Das heißt konkret: Vermeiden Sie es, die Nachrichten (allzu sehr) zu verfolgen. Reden Sie möglichst nicht über das, was Sie erlebt haben und was die neuerlichen Geschehnisse bei Ihnen auslösen. „Das Reden hilft nur etwa zwei Prozent von Traumatisierten“, sagt der Therapeut. „Für alle anderen gilt: Suchen Sie schöne Momente, weil diese zu einer Ausschüttung von Glückshormonen führen, die Sie jetzt ganz dringend brauchen.“

Auch der Alltag kann stabilisierend wirken. Gehen Sie Ihren üblichen Routinen nach, sie geben Halt und Orientierung. Und: Wenn Sie zeitgleich eine Banane und ein paar Walnüsse essen, sorgen Sie dafür, dass Ihr Körper die Glückshormone Serotonin und Dopamin ausschüttet.

In ganz akuten Momenten, wenn das Wiedererleben schlimm und überwältigend ist, sollte man mit den Zehen wackeln, empfiehlt Dr. Christian Lüdke: „Das klingt zunächst komisch, ist aber nachgewiesenermaßen wirksam. Wenn Sie merken, dass Ihnen die Situation emotional entgleist, wackeln Sie heftig mit den Zehen. Das sorgt tatsächlich dafür, dass Erlebnisse sich nicht einbrennen können. Das ist eine hilfreiche Technik, die für etwa acht bis zehn Minuten Erleichterung bringt und auf lange Sicht entlastet.“

Was ebenso hilft und sinnvoll ist: Schauen Sie Ihre Lieblingsserie. Auch – oder vielmehr: gerade weil Sie sie schon so gut kennen. „Der Vorteil ist, dass man sich in solch bekannten Fernsehmomenten geborgen fühlt, man kennt die Charaktere und das Ende. Nichts, was uns überraschen oder stressen könnte, und das ist in schwierigen Momenten eine Wohltat für die Seele“, sagt der Therapeut.

Geheimtipp: Trauma abmildern durch Videospiele

Die britische Gehirnforscherin Emily Holmes ist bekannt für ihre Forschung zu posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). An der University of Oxford hat sie Studien durchgeführt, die spektakulär sind und heute in vielen Psychiatrischen Kliniken in der Akutbehandlung von Traumatisierten eingesetzt werden.

„Emily Holmes hat traumatisierte Menschen eine Nacht lang harmlose Computerspiele wie Tetris oder Supermario spielen lassen“, weiß Dr. Christian Lüdke. „Das hat zur Folge, dass das Erlebte sich nicht so einbrennt, weil – und das wurde wissenschaftlich nachgewiesen – diese einfachen Spiele exakt jene Rezeptoren blockieren, wo sonst die Stresshormone ansetzen würden.“