Wenn Menschen Amok laufen, fragt man sich unweigerlich, wie es dazu kommen konnte. Was ging in der Person vor, dass sie andere Menschen ins Verderben stürzt? Welche Motivation hatte der Täter? Hätte man das verhindern können, wenn man die Zeichen besser gedeutet hätte?

Der Therapeut Dr. Christian Lüdke hat selbst schon Schwerstkriminelle und Serientäter betreut und auch ein Buch über das Böse im Menschen geschrieben. Er weiß: „Wir kommen nicht böse auf die Welt, sondern wir werden dazu gemacht. Niemand ist böse geboren.“

Das Wort Amok kommt aus dem Malayischen „amuk“ und bedeutet etwa „in blinder Wut töten“. „In der Amoktat inszeniert der Täter häufig seinen Selbstmord. Entweder indem er sich selbst richtet oder sich durch die Polizei erschießen lässt“, sagt Dr. Christian Lüdke. „Dass sie dabei andere Menschen verletzen und töten, ist Teil der Inszenierung und des lange vorher gefassten Plans.“

Was geht in einem Amoktäter vor?

Aus Befragungen von Amoktätern, die überlebt haben, weiß man, dass sie sich ihre Tat über einen langen Zeitraum ausgemalt und herbeifantasiert haben. „Doch während der Tat fühlen sie sich leer, sie fühlen einfach nichts“, fasst Dr. Christian Lüdke zusammen.

Im Vorfeld der Tat jedoch leiden Amoktäter unter einem sehr geringen Selbstwertgefühl, verbunden mit Hass auf sich und die Welt. „Sie fühlen sich ungeliebt und wie Versager, sind der Meinung, alle Welt sei gegen sie“, so der Therapeut. „Dem zugrunde liegen sehr tief verwurzelte Ängste. Diese werden im Laufe der Zeit in Aggressionen umgewandelt, was zur Folge hat, dass sie irgendwann keinen Sinn mehr in diesem Leben, in dieser Gesellschaft sehen.“

Rachegedanken spielen eine zentrale Rolle bei der Amoktat, nach dem Motto: Ihr werdet schon noch sehen … Der Täter möchte aller Welt heimzahlen, dass er es so schwer hatte im Leben. „Dabei geht es selten um konkrete Personen, sondern es wird wahllos getötet, der Täter ist im Machtrausch, Herr über Leben und Tod“, erklärt Dr. Christian Lüdke. Die Tatsache, dass der Amokläufer sich ungeliebt fühlt, kehrt sich quasi um: Wenn ihr mich schon nicht liebt, dann sollt ihr mich wenigstens hassen. Und ihr sollt mich endlich ernst nehmen!

Wie kommt es zum Amoklauf?

Letztlich führt eine mangelnde Impulskontrolle zum Amoklauf. Bis zu diesem Moment hat der Täter aber drei verschiedene Stadien durchlaufen beziehungsweise die Amoktat ist von drei unterschiedlichen Beweggründen getrieben:

Die Ursache der Amoktat ist normalerweise in der Ursprungsfamilie des Täters zu suchen. „Menschen, die Böses tun, haben keine starken Bindungen aufgebaut, fühlten und fühlen sich als Person nicht wahrgenommen und haben nie die Erfahrung gemacht, bedingungslos geliebt zu werden“, sagt Dr. Christian Lüdke.

Die Motive für den Amoklauf entwickeln sich im Laufe der Zeit. Der Täter erlebt immer wieder neue Kränkungen und entwickelt daraus ein Narrativ, wonach er unerwünscht sei: Egal wie sehr ich mich bemühe, es bringt ja sowieso nichts. Genau das ist eigentlich eine kindliche Angst: nicht gewollt sein, nicht geliebt oder gar abgelehnt zu werden. Diese Angst führt irgendwann zu einer Aggression, die sich gegen die Menschheit allgemein richtet. Weil niemand gut (zu ihm) ist.

Der Auslöser „ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, der Moment, in dem die Impulskontrolle versagt“, so der Therapeut. „Das kann der Streit mit der Freundin sein, eine Kündigung oder ähnliche zwar ärgerliche, aber dennoch eher alltägliche Dinge. Solch ein Ereignis führt quasi unmittelbar zur Tat: Der Angst-Aggressionen-Komplex entlädt sich.“

In der Wahrnehmung des Täters wiederholen sich gewisse Muster. Er fühlt sich zu Unrecht niedergemacht und unverstanden. „Daraus baut sich ein massiver innerer Konflikt auf, der in der Wahrnehmung des Täters nur durch Gewalt zu lösen ist. Um die Wut also loszuwerden, greift der Täter andere Menschen an“, sagt Dr. Christian Lüdke. „Und dann ist er wie in einem Rausch und nicht zu stoppen.“

Warum wird ein Mensch böse?

Die Erfahrung, nicht geliebt und nicht als Mensch wahrgenommen zu werden, schädigt Kinder nachhaltig und lässt sich auch nicht wiedergutmachen. Nun wird natürlich nicht jeder Mensch, der eine furchtbare Kindheit hatte, zum Amoktäter, aber die Wurzeln sind hier zu suchen.

„Diese Erlebnisse führen schließlich zu der Annahme, dass alle Menschen böse sind. Und das möchte der Täter ihnen heimzahlen“, sagt der Therapeut. „Die einzige Konfliktlösungsstrategie, die sie haben, ist Gewalt.“

Es gibt drei Warnsignale, bei denen man hellhörig werden und sich dringend um Hilfe für das Kind bemühen sollte: Wenn ein Kind, das älter als 11 Jahre ist, plötzlich wieder einnässt. Wenn das Kind mit Feuer spielt. Wenn das Kind Tiere quält. Lehrerinnen und Erzieher, Tagesmütter und Betreuer, Familienmitglieder oder Eltern von Freunden sollten es also nicht abtun, wenn ein Kind immer wieder zündelt oder Tiere, vor allem Wirbeltiere, brutal behandelt, sie tötet – und dann nicht einmal ein Unrechtsbewusstsein hat.

„Schon eines dieser Verhaltensweisen gibt Anlass zur Sorge. Aber sobald alle drei auftreten, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass dieses Kind eine Gewaltkarriere einschlagen wird“, sagt der Experte. „Dem kann man therapeutisch begegnen und durch engmaschige, wohlwollende Unterstützung von mehreren Seiten das Schlimmste verhindern.“

Oftmals werden solch verhaltensauffällige Kinder in Wohngruppen untergebracht, wo sie erstmals in ihrem Leben Zuwendung erfahren, Struktur, eine normale Streitkultur, wo sie vor allem auch mal gelobt werden und erfahren, dass sie Dinge können und dass das anerkannt wird.

Dr. Christian Lüdke hat zusammen mit seiner Frau Dr. Kerstin Lüdke ein Buch zum Thema geschrieben: Profile des Bösen: und wie man sie erkennt – eine Anleitung, Springer Buchverlag, 296 Seiten, ca. 25 Euro.