Bindungsangst, Algorithmen, Dauer-Dating: Kann man per App echte Liebe finden?

Wider die Oberflächlichkeit: Eine neue Dating-App rollt den Markt auf. Man präsentiert seine Persönlichkeit auf mehreren Ebenen. Wie funktioniert das?

Online-Dating macht Spaß, hat aber auch seine Tücken.
Online-Dating macht Spaß, hat aber auch seine Tücken.dpa/Sebastian Gollnow

In Berlin lebten im Jahr 2021 mehr als eine Million alleinstehende Menschen; das sind die aktuellsten Zahlen aus der Mikrozensus-Erhebung. Rund ein Drittel der Berlinerinnen und Berliner sind also Singles, viele von ihnen auf der Suche nach der großen Liebe oder wenigstens dem Nicht-Alleinsein.

Auch eine Studie der Dating-Plattform ElitePartner hat herausgefunden, dass in Berlin 37,6 Prozent der Menschen ohne Partner oder Partnerin leben – Spitzenwert der deutschen Städte. Bezogen auf ganz Deutschland sei jeder zweite Single unter 30 Jahre alt, so die Studie, und die absolute Mehrheit aller deutschen Alleinstehenden sind Langzeit-Singles.

Gründe für das Alleinsein sind laut ElitePartner unter anderem zu hohe Ansprüche sowie Bindungsangst und ein gewisser Hang zur Unverbindlichkeit. Viele Singles versuchen, im Internet eine Partnerin oder einen Partner zu finden, melden sich bei Vermittlungs-Portalen an, laden sich Dating-Apps herunter, chatten, swipen, daten.

Alle elf Minuten würde sich ein Single auf Parship verlieben, wirbt die Partnerbörse seit Jahren, was jedoch von verschiedenen Statistik-Fachleuten bezweifelt und widerlegt wurde. So erhielt der Werbespruch den Preis „Unstatistik des Monats“ vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Zuvor jedoch hatte Stiftung Warentest dem Vermittlungsportal ein „gut“ bescheinigt – Testsieger unter den fünf getesteten Internet-Liebesplattformen.

Warum dauert es so lange, online die Liebe zu finden?

„Das Problem bei so ziemlich allen Plattformen ist, dass der Algorithmus nicht optimal funktioniert und deshalb die Matches nicht wirklich gut sind“, sagt Felix Baur von Unlikeany, einer Dating-App, die erst im Juli dieses Jahres in Berlin gelauncht wurde. Mittlerweile haben sich mehr als 20.000 Menschen registriert, Tendenz steigend.

Bei den klassischen Plattformen wie Parship oder ElitePartner muss man zunächst lange Fragebögen ausfüllen, um sich überhaupt ein Profil anlegen zu können. Apps wie Tinder oder OkCupid hingegen setzen vorrangig auf Fotos, also auf den ersten optischen Eindruck. „Das allein sorgt schon für eine extreme Oberflächlichkeit“, findet Start-up-Gründer Felix Baur. „Vielleicht stimmt die Haarfarbe nicht, weshalb die Person aussortiert wird. Dabei würde sie von ihren Interessen her super gut zu einem passen. Das ist doch schade.“

Wenn man hauptsächlich nach dem Aussehen entscheidet und vor dem Date eine Weile chattet, um etwas mehr über die Person herauszufinden, „braucht man viel Geduld, um jemanden zu finden, der gut zu einem passt“, weiß Felix Baur. „Wenn Nutzern ständig neue Matches vorgeschlagen werden, bekommen sie leicht das Gefühl, dass es immer noch jemand Besseren gibt. Man weiß gar nicht, für wen man sich entscheiden soll.“

Außerdem könne man immer nur mit einer gewissen Anzahl von Menschen gleichzeitig schreiben, muss viel Zeit dafür aufwenden. „Die Entscheidungsfindung dauert dadurch lange, es sind viele Fehlversuche dabei“, so der App-Chef.

Auch detaillierte Fragebögen würden nicht dazu beitragen, den oder die Richtige(n) zu finden, sagt Felix Baur: „Das Abfragen von Bildungsweg, Lebenszielen, Hobbys und Interessen ist sehr statisch und lässt wenig Platz für Grautöne und Feinheiten.“ Das sei bei Unlikeany anders, weil der Algorithmus lernt und gewichtet, weil man unter anderem Texte, Lieblingsmusik, Videos posten und bewerten kann, weil Freunde über einen schreiben können, man seine Persönlichkeit auf vielfältige andere Weise ausdrücken kann als in einem Multiple-Choice-Anklick-Verfahren.

Für die Entwicklung der App haben Baur und sein Team viel Marktforschung betrieben. Eine Erkenntnis: „Die Datingszene in Berlin unterscheidet sich von denen anderer Städte, weil es hier einen sehr ausgeprägten Selbstverwirklichungsdrang gibt. Vielen Singles fällt es schwer, sich auf Kompromisse einzulassen.“ Das werde durch Dating-Apps befeuert, weil sie darauf angelegt seien, schnell und nebenbei konsumiert zu werden.

„Als Single hat man meistens ziemlich genaue Vorstellungen, wie der oder die andere zu sein hat, weshalb man dann schnell weiter klickt oder wischt. Das macht es aber umso schwieriger, jemanden zu finden, der charakterlich gut zu einem passt“, sagt der Gründer. „Dabei muss man sich in einer Beziehung ja auch anpassen, man lernt dazu und verändert sich. Im Online-Dating-Prozess ist das jedoch nicht vorgesehen.“

Was braucht man, um per App die große Liebe zu finden?

Es mag banal klingen, aber um eine Partnerin oder Partner zu finden, sollte man offen sein, sich nicht auf einzelne Merkmale wie eine bestimmte Größe oder das Nichtrauchen versteifen. „Im wahren Leben sortieren wir Menschen ja auch nicht sofort aus, weil irgendein Detail nicht stimmt, sondern lernen sie kennen und manchmal auch lieben, obwohl sie eigentlich gar nicht so perfekt zu einem passen“, sagt Felix Baur.

Der Algorithmus von Unlikeany – übersetzt: nicht wie jede oder jeder – rankt individuell, nicht nach einem festen Schema. Das persönliche Profil wird im Laufe der Zeit erstellt und immer feiner justiert, je nachdem, was man postet, wie man etwas bewertet. „Zwischendrin stellt die App Fragen, beispielsweise wie man sich eine Beziehung vorstellt“, erklärt der App-Chef. „Oder auch: Reist du gerne nach Skandinavien? Magst du lieber Stockholm oder Kopenhagen?“

Oder: Magst du es, bis zum Morgengrauen tanzen zu gehen? Ist es okay für dich, wenn dein Schatz mehr verdient als du? Was ist deine geheime Superkraft? Die Antworten werden mit jenen von anderen Userinnen und Usern abgeglichen.

In einem Feed werden einem zudem Elemente von anderen eingespielt, ein Lieblingslied beispielsweise oder eine Sprachnachricht, in der vom guilty pleasure berichtet wird, ohne dass man aber weiß, von wem das gepostet wurde. „Und je nachdem, wie Sie das bewerten, kann der Algorithmus erkennen, ob die andere Person gut zu Ihnen passen würde“, so Felix Baur. „Deshalb sieht auch nicht jedes Profil für jeden Menschen gleich aus. Das System hebt jene Profilstellen hervor, die Ihre Gemeinsamkeiten betonen, es werden also spezifische Gemeinsamkeiten angezeigt.“

Das kann bei einem Match die Vorliebe für Sonnenuntergänge sein, bei anderen ein Hang zu ausgedehnten Sauna-Aufenthalten, oder auch die Freude am Gärtnern. Deshalb rät der App-Profi auch: „Verstellen Sie sich bloß nicht, sondern seien Sie authentisch. Das erhöht die Chancen enorm, jemanden zu finden, der Ihre Interessen teilt.“

Möglicherweise haben Sie dann weniger Matches, dafür aber passendere. Und noch eines ist der Erfahrung des App-Gründers nach wichtig: „Kommunizieren Sie von Anfang an klar Ihre Intention: Suchen Sie eine feste Beziehung oder eher etwas Lockeres? Worauf kommt es Ihnen an? Gehen Sie nicht davon aus, dass sich das irgendwie finden wird und Sie Ihr Gegenüber umstimmen können. Das sorgt meist für Enttäuschungen.“