Egal, was ich auch mache: Meiner Frau ist es nie recht!

Typisch Paar: Je länger man zusammen ist, desto häufiger streitet man über die gleichen Sachen. Psychologin Anja Wermann erklärt Ursachen und Lösungen. 

Wenn Paare sich nichts mehr zu sagen haben, gehen sie zur Therapie (Symbolfoto). Das sei viel zu spät, sagt die Expertin.
Wenn Paare sich nichts mehr zu sagen haben, gehen sie zur Therapie (Symbolfoto). Das sei viel zu spät, sagt die Expertin.imago

Berlin-Wo gehobelt wird, fallen Späne, sagt man. Und wo Paare zusammen leben, entstehen Konflikte. Manchmal große, manchmal kleine, oft bleiben Dinge unausgesprochen, aber nicht selten brechen sie plötzlich hervor und es kracht. In der heterosexuellen Partnerschaft sind Frauen von anderen Dingen genervt als Männer. Doch eins steht fest: Meist sind es Banalitäten, die für Zündstoff sorgen.

Die Kreuzberger Psychologin Anja Wermann weiß, worum Paare im Alltag streiten. Sie sagt: „In der Regel sind das, zumindest nüchtern betrachtet, Kleinigkeiten, die aber für etwas anderes stehen, etwas Grundsätzlicheres. Da muss man genau hinschauen, damit man sich nicht verbeißt.“

Für die Berliner Zeitung analysiert die Paartherapeutin in zwei verschiedenen Artikeln die jeweils sieben häufigsten Beschwerden von Männern über ihre Partnerinnen, und von Frauen über ihre Partner.

Ich kann es meiner Frau einfach nicht recht machen, an allem hat sie was zu nörgeln…

Wermann: Da würde ich direkt fragen: Kommt Ihnen das bekannt vor? Oftmals gibt es bei solchen Problemen bereits eine entsprechende Geschichte mit der eigenen Mutter. Denken Sie mal drüber nach. Und fragen Sie sich selbst, warum Sie es Ihrer Frau immer recht machen wollen. Wieso ist Ihnen das wichtig? Viele Männer passen sich total an die Frau an und werden darüber unglücklich.

Grundsätzlich gilt: Sie können es Ihrer Frau nicht recht machen. Das werden Sie nie schaffen. Je mehr Sie es versuchen, desto frustrierender wird es für Sie. Der Schlüssel ist, aus dieser Dynamik auszusteigen und sich Hilfe von außen zu suchen. Sie beide müssen lernen, mehr auf sich selbst und nicht so sehr auf den anderen zu schauen. Wenden Sie sich mehr sich selbst zu. Was macht Sie zufrieden? Zwischen Sie beide muss mehr Luft kommen. Gönnen Sie sich Zeit allein.

Meine Partnerin weist mich vor unserem Kind zurecht, was ich gerade falsch mache. Wie reagiere ich darauf?

Wermann: Das ist nicht schön und macht wütend. Ganz wichtig ist, dass Sie in der Situation Contenance bewahren und nicht zurückpflaumen. Dann sind Sie nämlich auch nicht besser. Sagen Sie in gefasstem Ton: „Schatz, können wir das bitte nachher unter vier Augen besprechen?“ Machen Sie sich eine mental note und sprechen Sie mit Ihrer Partnerin, wenn das Kind schläft.

Dieses Vorgehen ist vor allem für das Kind wichtig, das durch Beobachten lernt und sich von Ihnen abguckt, wie man mit Konflikten umgeht. Als Paar sollten Sie dann eine gemeinsame Vereinbarung treffen, wie Sie künftig miteinander in Bezug auf Ihr Kind umgehen wollen. Fragen Sie Ihre Frau, warum sie glaubt, dass nur sie es richtig weiß und macht? Oftmals gibt es mehrere Arten, Dinge zu lösen oder auf Situationen zu reagieren. Und das ist vollkommen in Ordnung. Sie sind zwei verschiedene Menschen und haben eben auch verschiedene Herangehensweisen. Solange Sie Ihr Kind nicht in Gefahr bringen, sollte Ihre Partnerin sich nicht einmischen.

Wenn ich die Wäsche nicht aufhänge, sagt meine Frau, alles müsse sie immer machen. Hänge ich die Wäsche aber doch auf, mache ich es in ihren Augen verkehrt. Was nun?

Wermann: Immer! Das Totschlagswort. Danach bleibt eigentlich nichts mehr zu sagen. Versuchen Sie, das als Hilferuf zu verstehen, auch wenn es schwerfällt.

Sie scheinen in einer sehr verfahrenen Situation zu sein, in der Ihre Frau sich erstens überfordert fühlt und zweitens als einzige Könnerin empfindet. Das ist tückisch. Darum würde ich zu einem Experiment raten: Jeder von Ihnen beiden muss drei Beispiele finden, wo er oder sie etwas gut gemacht, sich gekümmert, Dinge erledigt hat. Und dann listen Sie drei Dinge auf, die Ihr Gegenüber heute toll gelöst hat.

Unser Verstand ist wie ein Spürhund. Wenn man den Negatives suchen lässt, findet er auch nur schlechtes. Schickt man den Spürhund aber los, um Positives zu finden, wird er ebenso schnell fündig werden. Das heißt: Wir haben es selbst in der Hand, ob wir die guten oder die schlechten Dinge im Leben wahrnehmen. Das ist total spannend.

Nutzen Sie also Ihren inneren Spürhund, um einander gutzutun. Denn wenn Ihre Frau tatsächlich der Meinung ist, sie wäre mit allem allein, ist das ja auch schrecklich. Zeigen Sie Ihr, dass das so nicht ist. Sie wird erleichtert sein, wenn sie feststellt, was Sie eben doch alles machen. Nur sind das womöglich nur Sachen, die sie nicht so sehr wahrnimmt.

Außerdem rate ich allen Paaren, unabhängig davon, wie bei ihnen gerade die Stimmung ist, sich jeden Abend hinzusetzen, und jeder schreibt für sich eine kleine Liste: Was hast Du heute gut gemacht? Wofür bin ich dankbar? Was habe ich zu unserem Glück beigetragen?

Das ist so wertvoll für das Miteinander. Viele Paare verbeißen sich in ihr Leid und verlieren sich in dem Gedanken, wie schlimm alles ist und wie gemein der oder die andere. Der Ausweg führt nur übers Loben: sich selbst und sein Gegenüber.

Jedes Mal, wenn ich die Spülmaschine einräume, geht meine Frau ans Gerät und sortiert alles neu, um mir danach zu erklären, dass ja noch so viel Platz gewesen wäre. Ich finde, es ist egal, ob da noch drei Teller mehr reingepasst hätten.

Wermann: Vermutlich haben Sie Recht. Fragen Sie trotzdem wohlwollend nach: „Warum ist es Dir so wichtig, dass das auf eine bestimmte Weise einsortiert ist? Warum kann das nicht draußen stehen bleiben?“ Zeigen Sie ehrliches Interesse. Keine Ironie, kein Vorwurf. Hören Sie ihr zu und versuchen Sie, sie zu verstehen. Sie wird ja Gründe haben, und möglicherweise sind die sinnvoll. Prüfen Sie ihre Argumente mit liebevoller Zuwendung.

Wenn Sie besser verstehen, wie Ihre Frau tickt, fällt es Ihnen leichter, eine Lösung zu finden, die für Sie beide gangbar ist.

Allerdings gibt es auch Beziehungen, in denen eine Person der anderen ihre Art und Weise aufzwingt, weil das als einzig richtiger Maßstab angesehen wird. Das ist schwierig, denn man kann und sollte niemanden ändern. In einer gesunden Beziehung bleibt man sich selbst treu – und der oder die andere sieht keinen Anlass, sich darüber zu wundern.

Wir haben viel zu selten Sex!

Wermann: Ein Klassiker. Und zugleich ein Klischee. Aber tatsächlich ist das Realität in vielen heterosexuellen Paarbeziehungen: Meistens will der Mann häufiger Sex, die Frau nicht. Umgekehrt gibt es das aber auch nicht selten, zumindest erlebe ich das in der Praxis immer wieder.

Fakt ist: Es geht hier nicht nur um Sex, sondern um Bestätigung. Der zugrunde liegende Gedanke ist die Frage: Bin ich attraktiv für Dich? Bin ich noch gewollt? Es ist die Angst, nicht mehr begehrt zu sein. Eine Unsicherheit, die wirklich schwer wiegt.

Genau das sollte man als Paar thematisieren, nicht den Mangel an Sex. Natürlich fehlt der auch, aber er ist nicht das alleinige Problem. Wenn Sie sich über die emotionale Ebene austauschen, werden Sie sich auch körperlich wieder annähern können. Ganz bestimmt ist Ihrer Partnerin nicht bewusst, wie Sie sich fühlen. Erklären Sie es ihr.

Sie denkt, ich gehe fremd. Aber das stimmt nicht, und ich kann es ihr nicht begreiflich machen.

Wermann: Eifersucht hat viel mit einem mangelnden Selbstwertgefühl zu tun. Sie müssen wissen, dass Sie das Problem nicht lösen können. Sie können machen, was Sie wollen – Ihrer Frau sämtliche Chatverläufe zeigen, Passwörter verraten, den Computer entsperren – Sie wird Ihnen nicht glauben.

Es wäre wichtig, dass Ihre Frau sich um sich selbst kümmert, Stichwort Selbstfürsorge, und ihre Verlustängste thematisiert. Offenbar hat sie ja das Gefühl, nicht genug oder nicht gut genug zu sein. Daran kann sie arbeiten, aber Sie als Partner lösen das sicher nicht. Ratsam wäre, eine Therapie zu beginnen. Das sollten Sie behutsam anmoderieren, ohne Ihre Frau als Problem abzustempeln. Sie könnten sie in den Arm nehmen und sagen: „Schatz, das ist ein Thema, das uns so lange schon beschäftigt und Kräfte raubt. Ich würde gern versuchen, das mit Dir gemeinsam zu lösen. Was hältst Du davon, wenn wir zu einer Beratung gehen?“

Ich vermisse meine Freunde, das Weggehen, das Alleinsein. Irgendwie fehlt mir der Freiraum in unserer Beziehung.

Wermann: Versuchen Sie zunächst, Verständnis für Ihre Partnerin zu haben. Sehen Sie es so: Es ist doch toll, dass sie so gern Zeit mit mir verbringt. Vereinbaren Sie mit ihr einen festen Abend, an dem nur Sie beide Zeit füreinander haben, wo nichts und niemand sie stört. Diese Pärchenzeit ist zum Auftanken da.

Zugleich gestehen Sie einander jeweils einen Abend zu, an dem jeder etwas für sich tut. Egal, ob Sport oder Freunde treffen. Vielleicht ist es ja auch möglich, dass jeder ein Wochenende weg fährt. Gucken Sie, was in Ihrem Alltag möglich ist und planen Sie entsprechend. Paare, die immer nur im gleichen Saft schmoren, haben sich irgendwann nichts mehr zu sagen. Es braucht Impulse von außen, neue Erfahrungen.

Problematisch wird es, wenn Ihre Beziehung für Ihre Frau der einzige Lebensinhalt ist, wenn nichts anderes sie interessiert. Dann hat sie streng genommen kein ausgefülltes Leben mehr und weiß nicht, was ihr sonst so guttut. Als Partner können Sie diese innere Leere nicht füllen. Ihre Frau muss sich fragen, worauf sie außerhalb Ihrer Beziehung Lust hätte und das dann in die Tat umsetzen. Das wird sie entspannen und Ihre Beziehung ebenso. Fragen Sie Ihre Frau, was ihre Interessen sind. Sollte sie das nicht wissen, fragen Sie sie, was sie denn früher gern gemacht hat und ob sie das nicht wieder aufnehmen will.