Friedrichshain-Kreuzberg: In diesen Kiez-Läden finden Sie das coole Berlin

Zu Friedrichshain-Kreuzberg gehört vor allem das Anderssein, das war schon immer so. Und das spürt man an jeder Ecke, wie wir in unserer Wochenendserie zeigen.

Auf der Spree an der Oberbaumbrücke kann man paddeln und rudern – oder demonstrieren, wie auf diesem Foto zu sehen.
Auf der Spree an der Oberbaumbrücke kann man paddeln und rudern – oder demonstrieren, wie auf diesem Foto zu sehen.dpa/Annette Riedl

Berlin ist ein Dorf. Sagt man so, und stimmt auch, wenn man genauer hinguckt. Aber wer tut das schon? Wer fährt einfach mal in einen anderen Kiez, um zu gucken, was da so los ist? Das wollen wir ändern. In der Bezirke-Serie stellen wir alle zwölf Berliner Bezirke vor, lassen Einheimische zu Wort kommen, verraten Geheimtipps, tauchen ein in die Vielfalt der Möglichkeiten. Heute: Friedrichshain-Kreuzberg.

Als die beiden Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg im Zuge der Verwaltungsreform im Januar 2001 zusammengelegt wurden, fragte sich halb Berlin: Wieso das denn? Gefühlt hätten Friedrichshain und Lichtenberg zusammengehört, ebenso wie Kreuzberg charakterlich irgendwie näher an Neukölln dran war (und ist). Aber es kam anders. Ost und West sollten eins werden.

Rund um die Entscheidung kam es jedes Jahr im Sommer zu spektakulären Gemüseschlachten, die offiziell als Demo angemeldet waren. Anwohnerinnen und Nachbarn beider Bezirke trafen sich auf der Oberbaumbrücke, die beide Bezirksteile miteinander verbindet, und bewarfen sich mit (faulem) Obst und Gemüse, Eiern, nutzten Wasserpistolen. Das Ziel war, die Gegenseite zurückzudrängen und die Brücke für sich zu erobern. Meist gewann der Osten, denn: Keiner ist gemeiner als der Friedrichshainer!

Mittlerweile gibt es dieses Event nicht mehr. Es ist ruhiger und beschaulicher geworden, beidseitig der Spree. Dort, wo früher Häuser besetzt waren, wohnen heute Familien in schicken Altbauwohnungen, auf langjährigen Brachflächen wurde gebaut, überall saniert und gentrifiziert. Aber irgendwie auch wieder nicht. Es gibt sie ja noch, die alten Ecken, wo es (fast) wie früher ist.

Am Urbanhafen beispielsweise kann man immer noch gänzlich unbeschwert auf dem Wiesenstreifen am Kanal sitzen, picknicken, Schwäne beobachten und die Abendsonne genießen. Und dass die Modersohnbrücke zur blauen Stunde noch immer gerappelt voll ist, hat auch seine Gründe – ja, okay, hinten am Ostbahnhof wurde wahnsinnig viel gebaut, die Sichtachsen verstellt, aber Schienen, Bahnquietschen und Sonnenuntergang sind so urban-schön wie eh und je.

Haben Sie Lust, auch die anderen Bezirke kennen zu lernen? Dann folgen Sie uns doch nach Pankow, Neukölln, Mitte, Lichtenberg, Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinickendorf, Spandau, Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf, Tempelhof-Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf.

Was macht Friedrichshain-Kreuzberg so besonders?

Bürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne): „Laut, bunt, quirlig, anders: Friedrichshain-Kreuzberg lebt die Vielfalt. Ob im Boxi-Kiez in Friedrichshain, in den Clubs oder beim Brunch auf der Bergmannstraße – bei uns kommen Menschen zusammen. Ob im Volkspark Friedrichshain, auf der Oberbaumbrücke, im Späti am Kotti – Toleranz wird bei uns gelebt. Dazu gehört auch Rücksichtnahme.“

Und weiter: „Unser Bezirk ist nicht nur ein Tourist:innen-Magnet und für sein Nachtleben, die vielfältige Kiezkultur und die Gastronomie bekannt, sondern insbesondere das Zuhause für fast 300.000 Menschen aus mehr als 180 Nationen. Außer Langeweile findet man bei uns eigentlich alles.“

Besetzte Häuser, 1. Mai: die wilde Vergangenheit

Ob man es nun gut findet oder nicht, ob legal(-isiert) oder nicht: Besetzte Häuser umweht immer eine gewisse Faszination, der Hauch des Verbotenen. Es ist ein Lebensentwurf, der den meisten von uns eher fremd ist, aber dennoch – oder gerade deswegen – neugierig macht. Vor allem nach der Wende wurden berlinweit Häuser in Beschlag genommen, die Menschen lebten teils basisdemokratisch miteinander, manche wie in einer Kommune. Irgendwann gab es echte Mietverträge, die Leute wurden älter, zogen aus, Häuser wurden verkauft. Der Markt regelte.

Von dieser romantisch verklärten Zeit ist wenig geblieben. Am Ende gab es nahezu immer heftigste Schlachten mit der Polizei, tagelange Unruhen in der ganzen Stadt. Heutzutage kennen die meisten Menschen nur noch die Rigaer Straße als Zentrum autonomen Lebens.

Die Rigaer94 ist einer der letzten Schauplätze des linksalternativen Kampfes um (günstigen) Wohnraum in Friedrichshain. In der Nachbarschaft hatten und haben die Menschen Angst vor den teils gewaltbereiten Autonomen, es brannten Autos, Scheiben gingen in Häusern zu Bruch. Der Verfassungsschutz zählt etliche Personen aus der Rigaer94 zum harten Kern der militanten linksextremen Szene.

Gänzlich in Vergessenheit geraten ist Yorck59. Der Altbau war 2005 unter großem medialen Interesse geräumt worden, knapp 250 Menschen versuchten, das mittels Sitzblockade zu verhindern. Das Haus war, wie bei Räumungen üblich, von Bewohnerinnen und Bewohnern verbarrikadiert worden. Es dauerte Stunden, bis das Gebäude leer war. Heute befinden sich dort unter anderem schicke Lofts mit freiliegenden Backsteinwänden, 4,50 Meter hohen Decken und bodentiefen Fenstern.

Vor 20 Jahren noch verrammelten am 1. Mai alle Läden an der Oranienstraße Türen, Tore und Fenster, nagelten sogar Bretter davor. Denn bevor es das MyFest gab, flogen hier nach Anbruch der Dunkelheit Steine, wurden Autos angezündet, lag Reizgas quasi überall in der Luft. Die gewalttätigen Straßenschlachten sind bis heute, nun ja, legendär. Aus den oberen Geschossen guckte die Nachbarschaft zu.

Das, was einstmals ein Charakteristikum sowohl von Kreuzberg, als auch von Friedrichshain (Mainzer Straße, Walpurgisnacht am Boxi) war, ist jetzt kein großes Aufreger-Thema mehr. Wenn am 1. Mai ein Mülleimer brennt, stehen mehr Fotografen drum herum als Vermummte. Kleinere Scharmützel gibt es zwar immer noch, aber unterm Strich bleibt es überwiegend friedlich. In diesem Jahr sprach die Berliner Polizei gar vom friedlichsten Maifeiertag seit Jahrzehnten in der Hauptstadt.

Falls sie mehr über die außerordentlich bewegte Geschichte des Bezirks erfahren wollen, sei Ihnen wärmstens das Friedrichshain-Kreuzberg-Museum, Eigenschreibweise: FHXB Museum (Adalbertstraße 95a) empfohlen. Es versteht sich als „Gedächtnis des Bezirks“, erklärt unter anderem sowohl die Industrie-, als auch die Migrationsgeschichte. Es gibt auch eine gut gepflegte Bibliothek.

Friedrichshain und Kreuzberg heute: Kleine Kinos und coole Szene-Lokale

Auch wenn die Frontstadt-Zeiten vorbei sind, hat sich der Fusions-Bezirk doch den Ruf des Andersseins erhalten können. Das sieht, riecht und spürt man an so außergewöhnlichen Orten wie dem B-ware Ladenkino (Gärtnerstr. 19, Ecke Boxhagener), das nicht nur gefühlt rund um die Uhr Filme zeigt, sondern auch eine ebenso exquisite wie riesige Auswahl an Arthouse-DVDs zum Verleih anbietet.

Genauso engagiert betrieben, wenn auch ohne Videothek, wird das fsk Kino in Kreuzberg (Segitzdamm 2, direkt am Oranienplatz), das mit Kennerblick ausgewählte Independent-Filme zeigt und darüber hinaus auch gezeigte Filme zum Streamen für zu Hause anbietet. Übrigens: Man kann die beiden Säle jeweils auch mieten, und es gibt spezielle Schulkino-Vorführungen.

Rund um den Oranienplatz gibt es eine Reihe von netten Gaststätten, Bars und Kneipen, in die Sie einkehren sollten. Falsch machen kann man hier eigentlich nichts – trotz Touri-Massen. Laufen Sie doch beispielsweise die paar Meter zum Heinrichplatz, der seit kurzem Rio-Reiser-Platz heißt, und statten dem Ele einen Besuch ab, seit den 1970ern eine Kiez-Institution. Zum Elefanten (Oranienstr. 12) ist eine Raucher-Eckkneipe, aber man kann auch draußen sitzen. Hier wurden Szenen von „Herr Lehmann“ gedreht, ebenso wie damals auch „Liebling Kreuzberg“, mit Manfred Krug in seiner Paraderolle. Der Ele ist ein echtes SO36-Original.

Gleich ums Eck finden Sie den Würgeengel (Dresdener Str. 122), seit Ewigkeiten eine Top-Cocktailbar mit echtem Kreuzberger Charme. Nicht weniger Kiez-Heimat ist die Olfe, offiziell: Möbel Olfe (Reichenberger Str. 177), im Volksmund: Trinkhalle vom Kotti; der Schriftzug prangt über dem Häuserriegel am Kotti und ist gut sichtbar, wenn man vom Moritzplatz kommend in die Dresdener Straße einbiegt. Am Ende der Stichstraße finden Sie die Raucher-Bar, in der auch immer nette Musik im Hintergrund läuft und die vor allem für die LGBTQI*-Community ein fester Anlaufpunkt ist. 

Und wenn Sie einmal in der Ecke sind, statten Sie doch dem wundervollen Kino Babylon Kreuzberg (Dresdener Str. 126) einen Besuch ab, ein gemütliches Programmkino, das sich trotz aller Widrigkeiten schon seit fast 70 Jahren behaupten kann. Filme werden in Originalsprache mit Untertitel gezeigt, die roten Samtsessel sind gemütlich, die Projektoren auf dem neuesten Stand.

Ganz in der Nähe finden Sie das Leylak (Kottbusser Straße 25), seit Generationen in Familienbesitz. In dem türkischen Bistro können Sie zusehen, wie die Speisen frisch zubereitet werden. „Über 90 Prozent der Gäste im Leylak sind Stammkunden“, wissen die Locals von Eat the world, die kulinarische Stadtführungen anbieten. „Viele Stammkunden kommen jeden Tag, kaufen ein für Frühstück, Mittag oder Abendbrot.“ Tipp: Probieren Sie eines der Böreks!

Für Friedrichshain empfehlen die Fachleute von Eat the world das Sugarclan (Grünberger Str. 85), wo Wert auf lokale Produkte gelegt wird: Gemüse vom Marktstand, Mehl aus der Spreewaldmühle und Kaffee von einer Berliner Rösterei. „Besonders nennenswert und mittlerweile ein Markenzeichen: Auf allen Pfannkuchen – außer auf den gezuckerten – ist ein Pfeil gezeichnet, wo die Füllung eingespritzt ist, damit man sich beim Reinbeißen nicht die komplette Kleidung versaut“, so Eat the world.

Das Pflaumenmus wird übrigens selbst hergestellt. Und obwohl der Name einen hemmungslosen Umgang mit Zucker suggeriert, versuchen die Macherinnen dennoch, sparsam damit umzugehen. Tipp: Probieren Sie einen der Mini-Pfannkuchen!

Was sollte man gesehen haben, wenn man nach Friedrichshain kommt?

Wenn Sie schon einmal in der Grünberger Straße sind und sich im Sugarclan gestärkt haben, ist es bis zur Knorrpromenade nur ein Katzensprung. Benannt wurde die kleine, nur knapp 150 Meter lange Straße nach Georg Knorr, dem Erfinder der Knorr-Einkammerschnellbremse (heute befindet sich das Werk in Marzahn).

Errichtet wurde die Mini-Prachtmeile um 1912. „Es ist die einzige Straße in Friedrichshain, die Vorgärten hat“, weiß man bei Eat the world. „Die vornehme Promenade wurde für höhergestellte Bürger gebaut, zeichnete sich durch komfortable Wohnungen aus. Die Straße war von Toren geschützt, die auch abends abgeschlossen wurden, um unter sich zu bleiben.“ Reste davon sind noch immer zu sehen.

„Die Kindermädchen promenierten nur auf der Knorrpromenade mit den Kinderwagen hin und her, da sie sich nicht in das ‚wilde und schmutzige Viertel‘ außen herum begeben wollten“, so die Kiez-Kenner von Eat the world.

Zum Versacken war und bleibt der Feuermelder die beste Adresse in Friedrichshain (Krossener Str. 24), der in dem wunderbaren Film „Boxhagener Platz“ eine zentrale Rolle spielt. Hier gibt’s Rockmusik – buchstäblich – ohne Ende, Billard, Darts, Flipperautomaten.

Kreuzberg: Der höchste Gipfel der Innenstadt

Der Kreuzberg, inmitten des Viktoriaparks, ist mit 66 Metern die höchste natürliche Erhebung der Berliner Innenstadt, sogar ausgestattet mit einem künstlichen Wasserfall, der viel zu oft nicht funktioniert (schönste Sichtachse: von der Großbeerenstraße aus). Aber das ist nicht schlimm, denn wild-romantisch ist es rund um den Kreuzberg auch so.

Hoch oben thront das Nationaldenkmal, das an den Sieg über Napoleon erinnert. Und an den Hängen wird sogar Wein angebaut, den man aber leider nicht kaufen kann. Der Bezirk überreicht ihn nur ausgewählten Persönlichkeiten.

Rundum finden Sie Spielplätze, einen zünftigen Biergarten, und gepflegte Rasenflächen. Schauen Sie auch mal bei der Wolfsschlucht vorbei, einer alten, etwas tümpeligen Kiesgrube unterm Laubdach. Versprochen: Der Viktoriapark ist bei jedem Wetter einen Spaziergang wert, und Sie werden immer wieder Neues und Schönes entdecken.

So tickt die Natur der Innenstadt

Berlin ist eine grüne Stadt – auch wenn es nicht überall danach aussieht. Was genau in puncto Nachhaltigkeit, Natur-, Umwelt- und Klimaschutz im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg passiert, kann man mithilfe einer interaktiven Kieznaturkarte herausfinden. Schauen Sie, wo es was zu lernen und zu erleben gibt. Zum Beispiel: Im Kinderbauernhof im Görlitzer Park oder auf dem Naturlehrpfad im Volkspark Friedrichshain.

Offiziell heißt dieser „Erlebnispfad Stadtnatur“, wie das Bezirksamt mitteilt: Kostenlos lässt sich hier „an zwölf Stationen die vielfältige Natur vor Ort beobachten und bestaunen. Der Pfad wurde gemeinsam vom Stadtnatur-Ranger-Team der Stiftung Naturschutz Berlin und der Unteren Naturschutzbehörde des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg entwickelt. Regelmäßig werden Rangertouren entlang dieses Erlebnispfades angeboten“. Für Großstadtkinder ein echtes Highlight!

Außergewöhnliche Museen in Friedrichshain und Kreuzberg

Im irgendwie coolsten Bezirk der Stadt finden sich auch einige der wirklich tollsten Museen: Berlinische Galerie, Jüdisches Museum, Technik-Museum, der Gropius-Bau. Aber auch der Checkpoint Charlie gehört zu Kreuzbergs besonderer Geschichte, ebenso wie die East Side Gallery zu Friedrichshain.

Abseits von diesen großen Berlin-Highlights gibt es ein paar weniger berühmte, aber nicht weniger gute Ausstellungen im Bezirk, beispielsweise das Computerspielemuseum (Karl-Marx-Allee 93a). Hier finden Sie seit mehr als 25 Jahren Hunderte Exponate rund um den PC, von denen viele sogar ausprobiert und bespielt werden können, vom jahrealten Klassiker bis zur aktuellen Virtual Reality. Egal, ob Sie in Erinnerungen schwelgen oder Ihren Kindern die Geschichte des Computers zeigen wollen – hier sind Sie richtig! Stichwort: Donkey Kong, Playstation 1996, Pacman, Tamagotchi.

Vom Computerspielemuseum aus ist es nicht weit bis zur Galerie im Turm, die sich im Erdgeschoss des Nordturms direkt am Frankfurter Tor befindet. Zu sehen gibt’s nischige, außergewöhnliche Kunstprojekte und Workshops, bei denen man viel Herzblut spürt und die unweigerlich den Horizont erweitern.

Doppelt spannend ist es im Kulturort Alte Feuerwache (Marchlewskistraße 6), die  tatsächlich im 19. und 20. Jahrhundert mal eine Feuerwache war: neu interpretierte Architektur meets moderne Kunst. Heute gibt es in den großen Hallen mit den geschwungenen Torbögen nämlich Ausstellungen zur Bildenden Kunst.

Es werden Fotoausstellungen gezeigt, ebenso wie Plastiken und Installationen, bevorzugt von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Bezirk. Im Obergeschoss ist eine Studiobühne, auf der ein wechselndes kreatives Programm, auch für Kinder, präsentiert wird, das Sie in der Form wohl nirgends sonst in der Stadt finden.