Laub im August: Warum fallen jetzt schon Blätter von den Bäumen?

Egal, wo man hinguckt: überall Laub in der Stadt. Und das Ende August. Ist das normal? Was ist los mit den Stadtbäumen? Ein Fachmann erklärt das Phänomen.

Miniermotte? Blattnekrosen? Stadtbäumen wie der Kastanie geht es derzeit nicht gut.
Miniermotte? Blattnekrosen? Stadtbäumen wie der Kastanie geht es derzeit nicht gut.dpa/Bernd Weisbrod

Ist denn jetzt schon Herbst? Sind die Blätter in den letzten Jahren auch um diese Zeit schon abgefallen? Wer momentan durch die Stadt geht, wundert sich über die vielen gelben Blätter auf dem Boden. Und man fragt sich unweigerlich, ob das normal ist.

Der Wildtier- und Stadtnaturexperte Derk Ehlert von der Senatsumweltverwaltung blickt mit Sorge auf den optischen Herbstbeginn: „Das ist gut einen Monat zu früh. Normalerweise werfen die Bäume erst ab Ende September ihre Blätter ab.“

Warum fallen die Blätter jetzt von den Bäumen?

Unsere Stadtbäume sind extrem gestresst – und das Abwerfen der Blätter ist eine typische Überlebensstrategie. „Bäume ziehen Feuchtigkeit und darin gelöste Nährstoffe aus dem Boden und versorgen damit ihre Blätter, Zweige und Äste. Aufgrund der lang anhaltenden Trockenheit haben die Bäume keine Möglichkeit mehr, sich zu versorgen“, erklärt Ehlert. „Und um zu überleben, trennen sie sich zunächst von den Blättern. Damit wird die Verdunstung reduziert und die Pflanze erhöht ihre Chance, zu überleben.“

Dabei sind Blätter sehr wichtig für die Bäume, weil sie Fotosynthese durchführen und den Baum so am Leben erhalten. „Derzeit stehen die Bäume aber sozusagen vor der Entscheidung, durch das Abwerfen der Blätter einen Mangel zu erleiden oder aber zu sterben. Und da setzt die Natur ganz klar aufs Überleben“, so der Fachmann.

Betroffen sind Pappeln, Birken, Eschen und Spitzahorn, aber auch Kastanien. „Der verfrühte Blattverlust ist ein überdeutliches Zeichen für einen Mangel, den der Baum erlitten hat“, weiß Derk Ehlert. „Nicht nur die Dürre setzt den Bäumen zu, sondern auch die Strahlungsintensität. An vielen Blättern sieht man Verbrennungen. Besonders stark leiden Flachwurzler wie die Birke. Der Boden ist so trocken und aufgeheizt, dass die Wurzeln nicht mehr atmen können.“

Experte warnt: Astbruch könnte zunehmen

Die geschwächten Bäume, die über Wochen kaum Flüssigkeit und Nährstoffe aufnehmen konnten, starten also ziemlich schlecht gewappnet in den Herbst. Der Regen, der gerade fiel, kann kaum etwas retten, weil ein Großteil auf dem hart gewordenen Boden abläuft und nicht versickert. Und selbst wenn, schafft das Wasser es derzeit nicht oder nicht ausreichend, bis zu den Wurzeln vorzudringen.

Ein Baum ist wie jedes Lebewesen aufs Überleben programmiert. Dafür ist zunächst der Stamm wichtig. Wenn es in Trockenperioden begrenzte Ressourcen gibt, werden Äste im Zweifel nicht mehr ausreichend versorgt. Die Folge: „Äste können leichter abbrechen, auch unabhängig von Sturm und Gewittern“, so Derk Ehlert. „Das kann auch noch Monate oder Jahre später passieren.“

Ganz klar: „Die Bäume versuchen momentan alles, um zu überleben. Ein Mangel ist besser als der Tod. Das, was gerade passiert, schwächt die Bäume, weil sie sich ohne die Blätter nicht mehr gut mit Nährstoffen versorgen können, aber letztlich ist es eine Überlebensstrategie“, fasst der Stadtnatur-Experte zusammen.

Wie schlimm steht es um die Bäume?

Muss man sich sorgen, dass unsere Stadtbäume sterben? Einige werden es wohl nicht schaffen. Wir müssen damit rechnen, dass Bäume sterben. Aber: „Bäume können sich auch erholen. 2021 war ein gutes Jahr, in dem es ausreichend geregnet hat, weshalb die Bäume durchaus Reserven hatten, bevor sie in dieses Hitzejahr gestartet sind. Sie hatten Nährstoffe gespeichert, von denen sie bis zum Frühling gezehrt haben“, so Derk Ehlert.

Bleibt zu hoffen, dass 2023 nicht wieder so ein Extrem-Sommer-Jahr wird. Einzelne Dürreperioden können Bäume auf lange Sicht verkraften. Doch wenn sich derartige Phänomene häufen, geht ihnen irgendwann die Kraft aus. Deshalb rät Derk Ehlert auch, junge Stadtbäume möglichst regelmäßig zu wässern: 100 Liter pro Wassergabe, je nach Witterung zwei- bis dreimal pro Monat.