Immer wieder liest man verzweifelte Aufrufe für Stammzellspenden: Menschen, die schwer an Leukämie erkrankt sind, brauchen dringend eine Transplantation, um weiter leben zu können. Doch das sind nur die ‚lauten‘ Fälle, die an die Öffentlichkeit dringen. Es ist die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs. Pro Jahr erkranken im Schnitt rund 12.000 bis 14.000 Menschen in Deutschland an Leukämie, Männer sind stärker betroffen als Frauen. Das mittlere Sterbealter liegt bei Ende 70, die 5-Jahres-Überlebensrate bei knapp 50 Prozent. Etwa 8000 Menschen sterben jedes Jahr an ihrer Leukämie-Erkrankung.

Jede Zahl ist ein Schicksal, ein Mensch, ein Leben. Und jeden Tag kämpfen Ärztinnen und Ärzte gegen den Krebs. Sie behandeln und forschen, sie therapieren und trösten. Einer von ihnen ist Prof. Dr. Lars Bullinger vom Virchow-Klinikum, das zur Charité gehört. Der Mediziner ist Facharzt für Hämatologie und internistische Onkologie und als solcher spezialisiert auf Leukämie. Zudem ist er im Beirat der Berliner Krebsgesellschaft, die anlässlich des Weltkrebstages am 4. Februar die Berliner Zeitung bei der Realisierung dieser sechsteiligen Serie unterstützt hat.

Bisher erschienen sind von Medizinern geprüfte Artikel zum Brustkrebs, zum Prostatakrebs sowie zum Lungenkrebs.

Was ist Leukämie?

„Vereinfacht ausgedrückt ist die Leukämie eine bösartige Erkrankung jener Zellen, die das Blut erneuern – der blutbildenden Stammzellen. Diese befinden sich im Knochenmark, also im Inneren der Knochen, und produzieren sowohl die Blutplättchen, als auch die roten und weißen Blutkörperchen“ erklärt Prof. Dr. Lars Bullinger. „Nun kann es aber passieren, dass sozusagen die Sicherungen durchbrennen und zu viele weiße Blutkörperchen gebildet werden.“ Daher auch der Name: Der Begriff Leukämie kommt aus dem Griechischen und bedeutet ‚weißes Blut‘: leukos weiß, haima Blut.

Normalerweise ist die Produktion der Blutbestandteile – Blutplättchen zum Wundverschluss, weiße Blutkörperchen für die Immunabwehr, rote Blutkörperchen für den Sauerstofftransport – flexibel: Wenn wir eine Verletzung haben, müssen mehr Blutplättchen erzeugt werden. Wenn wir Sport treiben, brauchen wir mehr Sauerstoff. Und wenn wir krank sind, arbeitet die Immunabwehr auf Hochtouren. „Wenn der zugrunde liegende Mechanismus aber klemmt, kann der Körper die Produktion der weißen Blutkörperchen nicht mehr stoppen kann“, so der Experte. „Es gibt aber noch eine weitere Sicherung, die durchbrennen kann. Wenn nämlich die Blutzellen nicht mehr ausreifen und auf einem frühen Entwicklungsstadium stehenbleiben. Kommen beide Mechanismen zusammen, entwickelt sich daraus Krebs. Zu viele unreife weiße Blutkörperchen verdrängen die gesunden Blutzellen, sodass es immer weniger rote Blutkörperchen, Blutplättchen und funktionsfähige weiße Blutkörperchen gibt.“

In der Folge bedeutet das, dass weniger Sauerstoff transportiert werden kann, und das führt zu den klassischen Symptomen einer Leukämie: Erschöpfung, Müdigkeit, Blässe, Konzentrationsstörungen. Der Mangel der übrigen Blutbestandteile kann zu Blutungen und Infektanfälligkeit führen. Das Blut ist krank und kann seine vielfältigen wichtigen Funktionen nicht erfüllen.

Grob gesagt gibt es zwei verschiedene Arten der Leukämie: Die akute, von der Kinder und Erwachsene betroffen sind, sowie die chronische, die eher Erwachsene trifft. „Diese Form ist in der Regel dadurch gekennzeichnet, dass vor allem zu viele reife Leukozyten, also funktionsfähige weiße Blutkörperchen, vorhanden sind. Oftmals ist die chronische Leukämie ein Zufallsbefund ohne Symptome, und man kann sie gut medikamentös behandeln, sodass Betroffene damit alt werden können.“ Bei der akuten Leukämie hingegen ist der Verlauf häufig drastisch, binnen Tagen geht es den Betroffenen sehr schnell sehr schlecht. Deshalb ist hier dann auch dringend Handlung geboten.

Außerdem gibt es noch die Einteilung in myeloische Leukämie, bei der die sogenannten Fresszellen betroffen sind. Und es gibt die lymphatische Leukämie, bei der die Lymphozyten bösartig verändert sind. Diese gehören zur Gruppe der weißen Blutkörperchen, genau wie die Fresszellen, und spielen eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr. Die akute myeloische Form kommt eher bei Erwachsenen vor, die lymphatische eher bei Kindern. Wenn Kinder an Leukämie erkranken, trifft es sie meistens im Kindergartenalter. Danach fällt die Wahrscheinlichkeit, Leukämie zu bekommen, ab, um ab etwa 20 Jahren wieder langsam anzusteigen. Ab 60 Jahren steigt das Risiko deutlich an.

Gewisse Leukämien können erblich bedingt sein. Wenn bekannt ist, dass beispielsweise ein Elternteil in der Kindheit an Leukämie erkrankt war, kann man sich prophylaktisch testen lassen. „Bei akut erkrankten jungen Menschen erfragen wir so etwas aber auch und testen gegebenenfalls“, so Prof. Dr. Lars Bullinger. Wenn nämlich eine genetisch bedingte Leukämie vorliegt, sind Geschwister oftmals nicht als Stammzellspender geeignet, weil sie das Gen ebenfalls in sich tragen können. Das müssen wir dann testen.“ Die Kosten für diesen Bluttest übernehmen die Krankenkassen, sofern man eine entsprechende familiäre Vorbelastung hat.

Welche Therapien gibt es?

Bei der chronischen Leukämie können verschiedene Tabletten zum Einsatz kommen; in der Regel reicht die Einnahme von einer Tablette pro Tag. Deren Wirkstoff sind sogenannte Kinase-Inhibitoren. Kinasen sind Proteine, die jene Signalwege aktivieren, die beispielsweise für die Zellteilung zuständig sind – sie sind folglich häufig bei Leukämien mit ursächlich am Werk, insbesondere bei chronischen Leukämien. Inhibitoren können diese Kinasen wieder abschalten. „Darum haben Patientinnen und Patienten mit einer chronischen Leukämie, für die es bereits Kinase-Inhibitoren gibt, auch eine fast normale Lebenserwartung. Das ist wie nach einem Herzinfarkt: Da muss man auch mehrere Tabletten täglich schlucken, um gesund zu bleiben“, resümiert Prof. Dr. Lars Bullinger.

Zudem kommt bei einer chronischen Leukämie eine Antikörpertherapie in Frage. Die Ausgangslage ist folgende: Unsere Blutbestandteile werden permanent erneuert. Das heißt, etwas vereinfacht ausgedrückt, dass sich die Zellen in einem ständigen Teilungsprozess befinden, um sich zu vermehren. Beim Teilen erschaffen die Zellen Klone ihrer selbst. „Allerdings kann dabei viel schieflaufen, sodass Fehler entstehen und die Zellen krankhaft werden“, so der Mediziner. „In uns entstehen jeden Tag tausende Zellen, die Krebs werden könnten. Aber die werden vom Immunsystem eliminiert.“

Das ist der Regelfall. Doch manchmal entkommen einige der kranken Zellen und verursachen eine Leukämie. Diese können heute im Rahmen der Antikörpertherapie markiert werden, sodass das Immunsystem sie wieder als „feindlich“ erkennen und vernichten kann. Die Therapie erfolgt über Infusionen, die – je nach Krankheitsbild – etwa alle zwei bis vier Wochen ambulant gegeben werden. Insgesamt kann die Behandlung mehrere Monate, bisweilen sogar Jahre dauern, wobei die Erkrankung dadurch aber auch effektiv in Schach gehalten und oft auch geheilt werden kann.

Eine weitere Möglichkeit, eine Leukämie zu behandeln, ist eine weitere Form der Immuntherapie, die meistens bei der lymphatischen Verlaufsform eingesetzt wird. „Hierbei wird das Immunsystem so programmiert, dass es die Tumorzellen wieder attackieren kann. Das funktioniert, indem man die sogenannten T-Zellen aus dem Blut isoliert, diese dann mit gentechnischen Verfahren neu programmiert und dem oder der Erkrankten dann wieder einsetzt“, erklärt der Experte. „Damit können wir sogar Menschen heilen, die nur wenig Überlebenschancen hätten. Leider können wir noch nicht alle retten, aber mittlerweile ist es möglich, rund die Hälfte jener Menschen zu heilen, die früher an der lymphatischen Leukämie verstorben wäre.“

Die Chemotherapie

Bei der akuten Leukämie ist das Problem, dass es sehr viele Sicherungen gibt, die betroffen sein können, nicht nur eine oder zwei. „Man muss also als erstes herausfinden, wo genau die Ursachen sind und danach schauen, ob man überhaupt Therapien dafür zur Verfügung hat“, fasst Prof. Dr. Lars Bullinger die schwierige Lage zusammen. Vieles habe sich entwickelt, sodass immer mehr Möglichkeiten zur Verfügung stünden. Aber alles sei noch nicht erforscht. Hinzu kommt, dass man bei einer Akuterkrankung keine Zeit für lange Diagnosen hat, sondern schnelle Entscheidungen gefragt sind.

Klassischerweise bekommen Menschen, die an akuter Leukämie leiden, eine Chemotherapie. Das sind Infusionen mit Wirkmitteln, die den Krebs zerstören sollen. „Die Gabe erfolgt in mehreren Zyklen, zwischen den Pausen von einigen Wochen liegen“, so Prof. Dr. Lars Bullinger. „Wenn man weiß, dass zu viele Sicherungen versagt haben, kann man die Antikörpertherapie ergänzend einsetzen.“ Die Chemotherapie ist für den menschlichen Körper eine extreme Belastung, die oftmals mit heftigen Nebenwirkungen einher geht. Diese können wiederum durch andere Medikamente gelindert werden. „Aber manchmal ist die Chemotherapie der einzige Weg, den Krebs zu besiegen“, weiß der Mediziner.

Bestrahlungen sind ebenso möglich. Diese zielen darauf ab, die Tumorzellen zu schrumpfen. Da die Leukämie eine systemische Erkrankung ist, werden bei der Therapie auch immer andere Organe und Gewebestrukturen in Mitleidenschaft gezogen. Man kann nicht nur einen bestimmten Körperteil bestrahlen, und auch die Chemotherapie wirkt im ganzen Körper – das Blut ist ja schließlich auch überall. Und selbstverständlich will man alle Tumorzellen, die mit dem Blut durch den Körper schwimmen, vernichten.

Alles auf Neu: Die Stammzellspende

Eine bewährte Form der Therapie ist die Stammzellspende. Hierbei muss ein für die Oberflächenmerkmale von Zellen ‚genetischer Zwilling‘ der betroffenen Person gefunden werden, weil die Stammzellen des Spenders oder der Spenderin auf den oder die Erkrankte transplantiert werden. Die neuen Zellen müssen mit dem Rest des Körpers kompatibel sein, weil mit den frischen Stammzellen auch ein neues Immunsystem installiert wird. Dieses könnte, sofern keine genetische Übereinstimmung vorliegt, den Körper angreifen.

Allerdings muss der Krebs vor der Transplantation komplett zerstört worden sein und normalerweise auch das Knochenmark, das ja das Blut bildet. Das geschieht in der Regel mit einer hoch dosierten Chemotherapie, manchmal in Kombination mit einer Bestrahlung. Die neuen Stammzellen übernehmen dann die Blutproduktion, und das neue Immunsystem kann wirksam ein Wiederkehren der Erkrankung verhindern. Die Suche nach einer passenden Spenderin oder einem passenden Spender geschieht weltweit; allein in Europa sind rund 80 Millionen Menschen in einer Datenbank gelistet. Und doch reicht es nicht aus. „Die Wahrscheinlichkeit, die richtige Person für eine Übertragung zu finden, liegt zwischen 1:80.000 und 1:3 Millionen“, so der Mediziner.

Besonders kritisch ist die Situation für Menschen, die selbst oder deren Vorfahren aus Afrika oder Asien stammen. „Dort gibt es vielfach keine Stammzell-Datenbanken, sodass es deutlich schwieriger ist, für diese Personengruppe geeignete Spender zu finden“, sagt Prof. Dr. Lars Bullinger. „In unseren Datenbanken haben wir viel zu wenige Menschen, deren Wurzeln in Afrika oder Asien liegen. Es wäre schön, wenn sich das ändert.“

Bei der Stammzell-OP werden unter Vollnarkose Stammzellen aus den Beckenknochen entnommen, weil hier die meisten Blutzellen gebildet werden, und nicht aus der Wirbelsäule, wie häufig fälschlicherweise angenommen wird. Alternativ gibt es die periphere Blutstammzelltransplantation. Da bekommt der Gebende ein Hormon unter die Haut gespritzt, das die Produktion der weißen Blutkörperchen anregt. In der Folge werden Stammzellen mit ins Blut gespült. „Und die kann man dann über eine Vene extrahieren“, so der Experte. „Das geschieht wie bei einer Blutentnahme, ohne Narkose, und bedeutet vor allem für Menschen, die Angst vor einer Operation haben: Auch Sie können sich für eine Stammzellspende registrieren und Leben retten.“