Tempelhof-Schöneberg: Promi-Heimat und ganz viel Geschichte

Katakomben im Flughafen, die Wohnung von David Bowie, Weltklasse-Burger: In unserer Wochenend-Serie entdecken Sie den Bezirk neu.

Schöne Ecke in Schöneberg: der Viktoria-Luise-Platz.
Schöne Ecke in Schöneberg: der Viktoria-Luise-Platz.imago

Berlin ist ein Dorf. Sagt man so, und es stimmt auch, wenn man genauer hinguckt. Aber wer tut das schon? Wer fährt einfach mal in einen anderen Kiez, um zu gucken, was da so los ist? Das wollen wir ändern. In der Bezirke-Serie stellen wir alle zwölf Berliner Bezirke vor, lassen Einheimische zu Wort kommen, verraten Geheimtipps, tauchen ein in die Vielfalt der Möglichkeiten. Heute: Tempelhof-Schöneberg.

Der West-Berliner Bezirk zieht sich von Mitte aus bis an den südlichen Stadtrand und grenzt dort an Blankenfelde-Mahlow (Landkreis Teltow-Fläming). Die Bezirksgrenze zu Mitte (also Tiergarten) verläuft übrigens an der Kurfürstenstraße, die unter anderem für ihren Straßenstrich bekannt ist.

Das Viertel rund um die Motz- und Fuggerstraße wiederum kennt man als bunten, toleranten Regenbogenkiez. Hier zeigt sich Berlin weltoffen und egalitär. Vom schwulenfreundlichen Fitnesscenter über Szenekneipen bis hin zum Fetischladen findet man hier vieles, was es anderswo nicht gibt. Auch Heteros sind willkommen, logisch.

Insgesamt leben etwa 348.500 Menschen in Tempelhof-Schöneberg, das mit dem St.-Joseph-Krankenhaus die geburtenstärkste Klinik Deutschlands hat. Weil Tempelhof größer ist als Schöneberg und auch mehr Einwohner hat, entschied man sich im Bezirk dazu, Schöneberg im Namen hintanzustellen, als beide Berliner Bezirke im Zuge der Verwaltungsreform im Januar 2001 zusammengelegt wurden.

Haben Sie Lust, auch die anderen Bezirke kennen zu lernen? Dann folgen Sie uns doch nach Pankow, Neukölln, Mitte, Spandau, Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinickendorf, Friedrichshain-Kreuzberg, Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und Steglitz-Zehlendorf.

Was macht Tempelhof-Schöneberg so besonders?

Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann (Grüne): „Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg begegnen sich Großstadt und Idylle. Am Wittenbergplatz trägt der Bezirk die Züge einer Metropole mit attraktiven Geschäften und Lokalen als Besuchermagnet. Menschen aus weiten Teilen Berlins, Brandenburgs und vielen Ländern weltweit kommen nach Schöneberg, um das Flair der Großstadt zu genießen.“

Ganz anders zeige sich der Bezirk in seinen südlichen Teilen, so der Politiker: „In Lichtenrade, Mariendorf und Marienfelde sind rund um die Dorfkirchen die jahrhundertealten Ortslagen teilweise noch erhalten. Wer Ruhe, Idylle und eine historische Kulisse sucht, wird im Süden unseres Bezirks beschauliche Orte finden.“

Und weiter: „Die Stadtteile Tempelhof und Friedenau runden das vielseitige Gesamtbild des Bezirks ab: Friedenau hat sich einen Namen als beliebter Wohn- und Schaffensort einiger der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller und Schriftstellerinnen gemacht – von Herta Müller über Max Frisch, Günter Grass und Erich Kästner bis hin zu Kurt Tucholsky. Und auch der Stadtteil Tempelhof bietet Anwohnenden und Besuchern eine hohe Lebens- und Aufenthaltsqualität, nicht nur auf dem Tempelhofer Feld und in den vier Parks rund um das Rathaus Tempelhof.“

Ach, kiek an: berühmte Bezirks-Promis

Sowohl Klaus Wowereit als auch Michael Müller, beide SPD, beide Ex-Bürgermeister, sind Tempelhofer, aber auch der unlängst verstorbene legendäre Playboy Rolf Eden, dessen Disco Big Eden am Kudamm (sowie dessen Vorgänger, Nachfolger und Parallel-Betriebe) jahrzehntelang das West-Berliner Nachtleben prägten.

Über die Grenzen Deutschlands hinaus berühmt war und ist Marlene Dietrich. Sie ist Schönebergerin, wurde in der Leberstraße 65 geboren, wohnte später in der Potsdamer Straße 116. Begraben wurde sie auf dem Friedhof in Friedenau (Stubenrauchstraße 43–45), wo auch Helmut Newton begraben wurde. Beide liegen fast nebeneinander. Der Friedhof ist einladend schön, um zu schlendern und die Großstadthektik kurz zu vergessen.

In Schöneberg lebte auch die Londoner Musik-Legende David Bowie, dessen Album „Heroes“ hier entstand. Zwei Jahre lang, von 1976 bis 1978, wohnte Bowie im ersten Stock der Hauptstraße 155; und eine Zeit lang lebte Musik-Kumpel Iggy Pop auch in einem der sieben Zimmer.

Über Bowie läuft gerade ein schillerndes Biopic im Kino. Tipp: Schauen Sie sich den Streifen ganz in der Nähe von Bowies früherem Zuhause an, im Schöneberger Odeon Kino (Hauptstr. 116), einem kleinen, charmanten Filmpalast aus den 1950ern. Es war das erste Kino Berlins, das Filme nur in Originalfassung mit Untertiteln gezeigt hat.

Einer der berühmtesten Schöneberg-Besucher ist der damalige US-Präsident John F. Kennedy, der 1963 vor dem Rathaus seine für uns wohl berühmtesten Worte sagte: „Isch bin ein Berliner!“ Seinerzeit war das Schöneberger Rathaus auch Sitz des Bürgermeisters von Berlin und Tagungsort des Abgeordnetenhauses.

Steinerne Berühmtheit: der Flughafen Tempelhof

Der Flughafen Tempelhof inmitten der Großstadt war eine Besonderheit. Wo gibt es das schon, dass man zum Airport zu Fuß laufen kann? Für viele Anwohner war das möglich, wenngleich die Zeiten der ganz großen Weit-weg-Flüge nach der Wende bald vorbei waren. Bis zur Schließung von THF 2008 startete hier auch eine ganz besondere Rundflug-Maschine: Ein ausgemusterter Rosinenbomber hob in Tempelhof ab, um Runden über der Stadt zu drehen.

Diese Rundflüge gibt es heute nicht mehr. Sie können aber von Schönefeld aus mit einem Helikopter über Berlin fliegen. Doch zurück zum Rosinenbomber: Die Propellermaschinen versorgten 1948/49 die Berlinerinnen und Berliner mittels Luftbrücke mit Lebensmitteln, nachdem die sowjetische Besatzungsmacht im Rahmen der Berlin-Blockade alle Land- und Wasserwege abgeschnitten hatte. Am Platz der Luftbrücke erinnert ein 20 Meter hohes monumentales Kunstwerk an jene entbehrungsreiche Zeit. Es soll ein stilisierter Brückenpfeiler sein – ein Symbol also für die Luftbrücke.

Heutzutage werden Gebäude und Tempelhofer Feld ganz anders genutzt als ursprünglich geplant und lange praktiziert; einen Teil des Komplexes nutzt beispielsweise die Berliner Polizei, unter anderem hat die Pressestelle hier ihren Sitz. Falls Sie (noch mal) einen Blick in die schöne Abfertigungshalle mit dem Kofferdrehband werfen wollen, buchen Sie eine Führung im alten Flughafen. Sie können die unterirdischen Geschosse ebenso besichtigen wie auch die Luftschutzbunker und die Sporthalle, die von den US-Kräften genutzt wurde.

Davor oder danach sollten Sie sich auf dem Tempelhofer Feld umtun. Seit 2010 kann man hier auf mehr als 300 Hektar Drachen steigen lassen, skaten, picknicken oder was immer Sie gern tun, wenn Sie viel Platz und frische Luft zur Verfügung haben.

Essen und Spaß für die ganze Familie

Burgerläden gibt es Berlin wie Sand am Meer. Ein besonders guter befindet sich unweit des Nollendorfplatzes: Das Zsa Zsa Burger (Motzstr. 28) lässt die Brötchen extra backen, sie sind also keine Massenware. Zudem werden die Menüs immer mit Coleslaw serviert. Das ist aber nicht der Grund, weshalb man einmal im Leben hier gewesen sein muss. Vielmehr ist Zsa Zsa Burger ein Geheimtipp, weil es hier Burger aus aller Welt gibt, der Besuch gleichsam eine kulinarische Weltreise ist.

So wird der Schweizer Burger beispielsweise mit Raclettekäse belegt, beim Irischen gibt’s Cheddar und Speck dazu, in der Ägypten-Variante bekommt man Feigen und Thymian-Honig aufs Fleisch gelegt. Natürlich gibt es auch vegetarische und vegane Alternativen sowie Suppen, Salate und Desserts.

Ein bisschen ab vom Schuss, aber die Anreise absolut wert ist das Brewdog in Marienfelde (Im Marienpark 23). Hier gibt es einen richtig schönen Biergarten und feinstes Craftbeer, aber nicht nur das. Pizzen, Salate, Burger sind zunächst eine gute Grundlage, um hier den Rest des Tages zu verbringen.

Denn in der 2500 Quadratmeter großen Industrie-Backsteinhalle sind auch Shuffleboards, Flipperautomaten und Kegelbahnen untergebracht. Das macht alles so viel Spaß, dass man die Zeit vergisst und mehr Geld ausgibt, als man eigentlich vorhatte.

Falls Ihnen eher nach kostenneutralen Unternehmungen zumute ist, besuchen Sie doch mal das Jugendmuseum (Hauptstraße 40/42), wo der Eintritt frei ist. In der Villa dreht sich alles um den Blickwinkel der Kinder. Hier wird ihnen die Stadt erklärt, sie entdecken die verschiedenen Epochen, ein besonderes Augenmerk wird auf Migrationsthemen gelegt. Es gibt Schatzkisten, Werkstätten, Theaterfundus und eine Druckerei – Anfassen und Mitmachen sind nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht.

Anders, aber auch schön ist das Kindermuseum unterm Dach in Lichtenrade (Steinstraße 41). In der Dauerausstellung „Iss dich schlau, alles von Apfel bis Zimt“ lernen (nicht nur) Kinder alles übers Essen und Trinken. In Koch-Workshops kann der Nachwuchs sich selbst ausprobieren.

Es gibt ein Gewächshaus sowie ein Labor, in dem man hinter die Kulissen gucken kann. Viele interaktive Elemente sorgen für Spaß und Begeisterung. Derzeit findet eine Sonderausstellung zum Thema Meeresverschmutzung statt, bei der die Kinder am Ende einen gestempelten Meeresschützer-Ausweis erhalten.

Geschichte hautnah erleben in Tempelhof-Schöneberg

Oder mögen Sie sich lieber an der frischen Luft bewegen? Und dabei auch noch etwas über die Berliner Geschichte lernen? Dann wäre der Geschichtsparcours vielleicht etwas für Sie. Erkunden Sie 14 Stationen auf dem früheren Militärgelände an der General-Pape-Straße, wo sich auch das ehemalige SA-Gefängnis befindet. Bei der Geschichtstour geht es um die Nazizeit; behandelt werden aber auch der Kolonialismus, die Industrialisierung sowie der Kalte Krieg. Sie können sich den Plan und das Begleitheft downloaden oder eine Führung buchen.

Ein beeindruckendes, aber kaum bekanntes Architektur-Relikt befindet sich direkt ums Eck, und zwar an der General-Pape-Straße Ecke Loewenhardtdamm. Von außen sieht es aus wie ein überdimensionierter runder Koloss (Durchmesser: 21 Meter). Tatsächlich ist das 14 Meter hohe Ungetüm ein sogenannter Schwerbelastungskörper. Er diente dazu, den Grund auf seine Tragfähigkeit hin zu überprüfen.

Hitler hatte geplant, aus Berlin die Hauptstadt Germania zu formen. Hierfür wollte er zwei mächtige Hauptstraßen anlegen, eine Ost-West- sowie eine Nord-Süd-Achse. Für letztere diente jener 12.000 Tonnen schwere Schwerbelastungskörper. Er kann von April bis Oktober kostenfrei besichtigt werden; es gibt einen Aussichtsturm, und drei Stelen informieren über die Geschichte des Ortes.