Lungenkrebs ist von allen die Krebsarten die mit der höchsten Todesrate. Und es ist eine der wenigen, bei denen ein Haupt-Risikofaktor bekannt ist: das Rauchen. Aber nicht jeder Raucher bekommt Lungenkrebs; und nicht jede Nichtraucherin kann sicher sein, keinen Lungenkrebs zu bekommen. Die Diagnose ist für jeden Menschen gleichermaßen ein Schock. Und die Frage: „Wie lange noch?“ gehört für die meisten dazu. Prof. Dr. Bernd Schmidt vom DRK-Klinikum Mitte im Wedding kennt die Ängste und Sorgen von Lungenkrebs-Betroffenen. Er ist Chefarzt des dortigen Lungenkrebszentrums, das pro Jahr mehr als 320 neu diagnostizierte Patientinnen und Patienten behandelt und begleitet.

Im Schnitt erkranken jährlich mehr als 2300 Berlinerinnen und Berliner am Lungenkarzinom, wie Lungenkrebs auch genannt wird. „In ganz Deutschland sind es fast 60.000 Neuerkrankungen“, resümiert Prof. Dr. Bernd Schmidt. „Und jedes Jahr sterben rund 45.000 Deutsche daran. Die Zahl der Lungenkrebs-Sterbefälle liegt in Berlin knapp über 2000 pro Jahr.“ Im Vergleich zu den anderen Bundesländern liege Berlin im oberen Drittel der Neuerkrankungs- und Sterberaten.

Die Berliner Zeitung veröffentlicht anlässlich des Weltkrebstages am 4. Februar mit Unterstützung der Berliner Krebsgesellschaft eine Serie zum Thema Krebs. Bereits erschienen sind die Teile ‚Wie finde ich einen guten Onkologen?‘, sowie ausführliche, von Experten geprüfte Artikel zum Brustkrebs sowie Prostatakrebs.

Wen trifft Lungenkrebs am meisten?

„Die höchste Rate der Neuerkrankungen finden wir bei Frauen in der Altersklasse 70-74 Jahre und bei Männern in der Altersklasse 75-79 Jahre“, erklärt Bernd Schmidt. „Aber auch bei Menschen ab 50 finden wir immer wieder Lungenkrebs. Unter 40 Jahren gibt es so gut wie keine Lungenkrebsdiagnosen, das sind seltene Einzelfälle.“

Raucher sind am stärksten gefährdet, ein Lungenkarzinom zu entwickeln. Etwa jeder 30. Raucher beziehungsweise Raucherin erkrankt im Laufe seines Lebens an Lungenkrebs. Das Risiko ist im Vergleich zur nichtrauchenden Bevölkerung zehn bis 15 Mal erhöht. Weil im Zigarettenrauch nachweislich zahlreiche krebserregende Stoffe enthalten sind, die direkt in die Lunge eingeatmet werden, sind 90 Prozent aller Fälle von Lungenkrebs auf das Rauchen zurückzuführen. Je mehr man raucht und je länger man dem Rauchen verfallen ist, desto wahrscheinlicher, dass Krebs entsteht.

Es gibt aber auch eine Reihe von Schadstoffen, die das Entstehen von Lungenkrebs begünstigen können. Dazu zählt vor allem Asbest. Schon eine eingeatmete Faser kann ausreichen, um viele Jahre später eine Lungenkrebsdiagnose zu erhalten. Häufiger als in der Lunge selbst kommt es bei Asbest zu Krebserkrankungen des Lungen- oder Rippenfells, der dünnen Häute, die die Lunge außen und den Brustkorb innen auskleiden (sogenanntes Pleuramesotheliom).

Bei den durch Schadstoffe verursachten Lungenkarzinomen steht Asbest an erster Stelle und ist zu rund 90 Prozent dafür verantwortlich. Besonders gefährdet sind also Handwerker, aber auch Berufe der Metallverarbeitung, Gummiherstellung und Kohlegasproduktion. Ebenso fallen Schadstoffe in Gießereien an, und Menschen, die in Uranbergwerken arbeiten, sind einer erhöhten Radon-Strahlenbelastung ausgesetzt. Die krebserregenden Schadstoffe in den zuvor genannten Berufszweigen sind unter anderem Arsen, Chrom, Nickel, aromatische Kohlenwasserstoffe sowie Dieselabgase.

Ein weiterer Faktor, der das Entstehen eines Lungenkarzinoms begünstigen kann, ist eine starke Luftverschmutzung durch Dieselruß und Feinstaub. Hierdurch erhöht sich das Lungenkrebsrisiko um etwa 1,5 Prozent. Zudem ist das Risiko etwa zwei- bis dreifach erhöht, wenn man genetisch vorbelastet ist, also ein naher Angehöriger (Eltern, Geschwister) bereits Lungenkrebs hatte. Sollten Sie eine schwere Lungenkrankheit durchgemacht haben, Tuberkulose zum Beispiel, in deren Folge das Gewebe vernarbt ist, ist Ihr Risiko ebenfalls höher als bei Menschen ohne entsprechende Erkrankung. „Grundsätzlich können aus Narben bösartige Tumore entstehen, aber das ist eher selten“, sagt Prof. Dr. Bernd Schmidt.

Wie erkenne ich, ob ich Lungenkrebs habe?

„Eine Lungenkrebserkrankung wird sehr häufig erst spät erkannt“, so der Pneumologe. „Leider gibt es kein einzelnes typisches, wegweisendes Symptom zur Früherkennung. Ein Tumor in der Lunge kann unter Umständen Monate, möglicherweise auch Jahre unbemerkt wachsen, bevor Beschwerden auftreten.“ Das liege unter anderem daran, „dass das Lungengewebe keine Schmerzen kennt“, so der Experte weiter. „Erst wenn die Pleura betroffen ist, entstehen Schmerzen. Das ist das dünne ‚Lungenfell‘, eine Schleimhaut, die die Lunge nach außen begrenzt.“

Zum Arzt oder zur Ärztin sollten Sie gehen, wenn Sie Husten haben, der länger als sechs Wochen dauert, ebenso sofern Sie ungewollt stark abnehmen oder bemerken, dass Ihre Leistungsfähigkeit aus unerklärlichen Gründen nachlässt. „Sorgen sollte man sich machen, wenn Bluthusten auftritt“, sagt Prof. Dr. Bernd Schmidt. „Auch unklare Schmerzen beim Atmen oder an Knochenstrukturen, beispielsweise der Wirbelsäule sollten abgeklärt werden. Sie könnten durch Metastasen verursacht sein. Besondere Bedeutung haben die genannten Beschwerden, wenn sie bei Rauchern auftreten.“

Diagnostiziert wird ein Lungenkarzinom in der Regel durch bildgebende Verfahren (Röntgen, Computertomographie) und durch eine Spiegelung der Lunge, der sogenannten Bronchoskopie. Hierbei wird ein biegsamer Schlauch über die Nase oder den Mund in die Lungen geführt. Über eine integrierte Kamera wird das Bild auf einen Monitor übertragen, auf dem der Untersuchende Veränderungen des Lungengewebes feststellen kann. In diesem Fall wird dann über den Schlauch eine Probe entnommen, die wiederum im Labor untersucht wird. In bestimmten Fällen wird eine Gewebeprobe auch mit einer Nadel von außen, zum Beispiel in der Computertomographie gewonnen.

Die Diagnoseverfahren werden von den Krankenkassen übernommen, sofern ein Anfangsverdacht vorliegt. Als reine Präventionsmaßnahme sind sie nicht vorgesehen und müssten daher selbst bezahlt werden. Die Kosten liegen je nach Art und Umfang bei mehreren hundert Euro. Es gibt jedoch Hoffnung, dass es zukünftig Möglichkeiten der Früherkennung mittels Computertomographie bei hohem Risiko geben könnte, beispielsweise für starke Raucher.

Wie wird Lungenkrebs behandelt?

Neben der medikamentösen Therapie gibt es die Möglichkeit, ein Lungenkarzinom zu operieren oder zu bestrahlen. „Die Operation kommt insbesondere bei frühen Tumorstadien – kleiner Tumor, keine Metastasen ­– in Betracht. In Sonderfällen kann aber auch bei einzelnen Metastasen eine OP sinnvoll sein“, erklärt Prof. Dr. Bernd Schmidt. Die Entfernung eines Teils der Lunge ist ein Routineeingriff und Komplikationen sind selten. Der komplette Lungenflügel wird in der Regel nur dann herausgenommen, wenn der Lungenkrebs nur so vollständig entfernt werden kann. Maßgeblich hierfür ist die Aussicht auf dauerhaften Erfolg, dass also der Patient oder die Patientin gesund bleiben.

„Die Strahlentherapie wird ebenfalls bei lokal begrenzten Tumorstadien eingesetzt, oft auch in Kombination mit einer Chemotherapie. Zusätzlich kann die Strahlentherapie bei Metastasen, zum Beispiel im Knochen oder im Gehirn eingesetzt werden, um dort lokale Probleme zu kontrollieren“, so der Experte. Nebenwirkungen sind lokale Hautreizungen sowie Erschöpfungszustände. Sofern die Speiseröhre mit bestrahlt wird, kann diese sich entzünden, was schmerzlich ist. In Einzelfällen wurde auch eine Vernarbung der Lunge im bestrahlten Bereich beobachtet.

Die dritte Form der Therapie ist jene mit Medikamenten. Dazu gehört die klassische Chemotherapie, bei der Substanzen zum Einsatz kommen, die die Vermehrung von Zellen generell behindern. Das können Tabletten sein, aber auch Infusionen. Die Chemotherapie ist sehr effizient, aber auch reich an Nebenwirkungen, vor denen viele Menschen sich fürchten. Neben dem Haarverlust und Übelkeit sowie Erbrechen kann es zu einer Blutarmut kommen. „Magen-Darm-Probleme lassen sich mit Medikamenten aber gut kontrollieren. Einige Chemotherapien können die Nieren schädigen“, erklärt Prof. Dr. Bernd Schmidt. „Gelegentlich treten Nervenschmerzen oder -veränderungen auf, die zu Gefühlsstörungen führen.“

Eine relativ neue und innovative Behandlungsmöglichkeit ist die Immuntherapie, mit der das Immunsystem des Körpers wieder in die Lage versetzt wird, den Krebs selbst zu bekämpfen. „Wir greifen also in die Kommunikation der Tumorzellen mit dem Immunsystem ein“, so der Mediziner. „Wenn ein Krebs entsteht, bedeutet das, dass die Krebszellen es geschafft haben, das Immunsystem zu überlisten: Die Abwehrzellen empfangen das Signal, es sei alles in Ordnung und fressen die Tumorzelle nicht auf; das Immunsystem wird durch den Tumor ausgebremst. Die Immuntherapien, die beim Lungenkrebs seit 2015 schrittweise eingeführt wurden, lösen genau diese Bremse des Immunsystems. Die Abwehrzellen erkennen die Krebszelle wieder korrekt als Bedrohung nehmen den Kampf auf.“

Die Medikamente werden als Infusion über die Vene verabreicht. Je nach individuellem Krankheitsbild findet die Behandlung alle paar Wochen statt und gegebenenfalls auch über einen langen Zeitraum hinweg. Der Vorteil ist, dass es keine heftigen Nebenwirkungen wie bei der Chemotherapie gibt. Zugleich jedoch kann es sein, dass die Immunreaktion der Betroffenen überschießt, das heißt, dass sich die Abwehr gegen den eigenen Körper richtet. Das kann beispielsweise zu Störungen der Schilddrüsenfunktion führen, sehr selten sind auch andere Organe betroffen. Obwohl die Immuntherapie sehr teuer ist, übernehmen die Krankenkassen die Kosten.

Je nach Tumorart- und ort können mehrere Therapiemöglichkeiten kombiniert werden. Jede Behandlung muss individuell abgestimmt werden und das Alter des oder der Betroffenen berücksichtigen, ebenso den allgemeinen Gesundheitszustand. „Die Behandlungsoptionen entwickeln sich aktuell rasend schnell, wir sehen neue Medikamentenzulassungen in rascher Folge“, fasst der Lungen-Facharzt die derzeitige Lage zusammen. „Die Vielzahl der Möglichkeiten und Kombinationsoptionen macht Entscheidungen natürlich nicht einfacher. Deshalb sind in entsprechenden Zentren auch stets alle Behandlungs-Fachdisziplinen, bestehend aus Innerer Medizin, Pneumologie, Onkologie, Thoraxchirurgie sowie Strahlentherapie in Tumorkonferenzen beteiligt.“

So kann für jede Erkrankte und jeden Erkrankten die bestmögliche Therapie erstellt werden. Es gibt kein festes Schema. Heutzutage zielt man bei Krebstherapien nicht nur darauf ab, den Tumor zu beseitigen, sondern die Expertinnen und Experten schauen auch darauf, wie gut verträglich die Behandlung ist. „Wir versuchen immer auch die palliativen Optionen möglichst früh zu integrieren, also die auf die Linderung der Beschwerden konzentrierte Medizin. Davon profitieren die Patienten in jedem Tumorstadium sehr. Palliativmedizin ist heute viel mehr als eine Begleitung des Lebensendes“, so Prof. Dr. Bernd Schmidt.

Werde ich am Lungenkrebs sterben?

Nicht unbedingt. Die Überlebenschancen verbessern sich zunehmend. Aber rein statistisch überlebt nur eine von fünf heute diagnostizierten Personen die nächsten fünf Jahre. Das liegt daran, dass Lungenkrebs in der Regel deutlich zu spät entdeckt wird. Die meisten Menschen sterben binnen weniger Wochen nach der Diagnose. Eine Vorsorgeuntersuchung gibt es noch nicht. Das liegt unter anderem an der relativen Unzuverlässigkeit der Blutuntersuchung, aber auch an der Tatsache, dass bildgebende Verfahren nicht nur teuer sind, sondern für den Menschen auch eine nicht nebenwirkungsfreie Strahlenbelastung darstellen.

Wie erfolgreich die Therapie ist, kann man kaum vorhersagen, weil der Lungenkrebs sehr aggressiv ist. Jedoch: „Bei ganz früh erkannten Lungenkrebsfällen ist ein dauerhafter Therapieerfolg durch eine Operation, seltener auch durch eine Strahlentherapie, sehr wahrscheinlich“, so der Pneumologe. „Mit den modernen Therapieoptionen wird der Anteil der langfristig überlebenden Patienten auch im fortgeschrittenen Tumorstadium deutlich größer. Bei spezifischen Genveränderungen kann eine medikamentöse Therapie über Jahre erfolgreich sein. In diesen Fällen sehen wir die Lungenkrebserkrankung immer mehr als chronische Krankheit, die es zu kontrollieren gilt, auch wenn wir sie möglicherweise nicht heilen können.“