Frische Luft und neue Routen: Die Berliner Bezirke im Winter entdecken

Alte, verwinkelte Gassen, Spreeluft, Rehe füttern: Wer in Berlin spazieren geht, kann viel erleben. Und das völlig umsonst!

Blick in die Havelstraße in der Spandauer Altstadt: Jedes Haus, jeder Stein erzählt hier Geschichte.
Blick in die Havelstraße in der Spandauer Altstadt: Jedes Haus, jeder Stein erzählt hier Geschichte.Bildagentur-online

So abgedroschen der Spruch auch ist, so viel Wahrheit steckt darin: Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsche Kleidung. Insofern ist der Winter per se keine Ausrede, nicht vor die Tür zu gehen. Im Gegenteil, die Bewegung, die frische Luft und auch das Tageslicht sorgen dafür, dass es uns besser geht, unser Bio-Rhythmus besser funktioniert, der gesamte Körper im Takt bleibt.

Ziehen Sie sich also warm an und nutzen die Zeit, um einmal ganz in Ruhe durch Ihren eigenen Kiez zu schlendern – und dabei auf die klassischen Ablenkungen zu verzichten. Betrachten Sie die Häuserfassaden, zählen Sie Bäume, gucken Sie sich die anderen Menschen an. Was denken Sie dabei? Betrachten Sie den Spaziergang als Mittel zur Entschleunigung vom Alltagsstress.

Sollte Ihnen das zu langweilig sein, können Sie sich auch in andere, Ihnen vielleicht bislang unbekannte Ecken Berlins aufmachen, eine neue Seite der Stadt kennenlernen. Wir hätten da ein paar Inspirationen für Sie …

1. Pankow: Botanischer Volkspark

In den Sommermonaten kann es im Botanischen Volkspark in Pankow-Blankenfelde schon mal ziemlich trubelig werden. In der kalten Jahreszeit hingegen begegnet man mitunter kaum jemandem, kann einsam vor sich hin spazieren, die Gewächshäuser nahezu störungsfrei erkunden und die Natur der denkmalgeschützten Anlage bewundern. Mehr als 6000 Pflanzenarten gibt es zu sehen.

Während der Weltkriege diente der Park als Obst- und Gemüsegarten. Heute werden sogar Rehe dort gehalten, etwas weiter hinten im Park, im Wildtiergehege. Dort stehen auch Futterspender. Nehmen Sie also etwas Kleingeld mit, denn die Tiere kommen an den Zaun und fressen aus der Hand.

Übrigens: Falls Sie nach einer etwas urwüchsigeren Alternative im Berliner Norden suchen, sollten Sie zu den Karower Teichen beziehungsweise in den Bucher Forst fahren. Hier entdecken Sie (weitgehend) wild lebende Rinder, können sogar direkt an ihnen vorbei spazieren. Es gibt endlose Felder, umgekippte Bäume, Wassergräben, spiegelglatte Seen mit kleinen Inseln und allerhand Wasservögeln, Aussichtsplattformen, Sitzgelegenheiten fürs Picknick und auch den einen oder anderen Kletterbaum für Ihre Kinder.

2. Mitte: Einmal die Spree entlang

Wann haben Sie zuletzt Möwen schreien hören? Schon länger her? Dann auf nach Mitte. Ja, nach Mitte, genauer zum Historischen Hafen an der Fischerinsel (Märkisches Ufer), wo auch alte Schlepper und Boote ankern. Hier können Sie mit Blick auf die Mühlendammschleuse essen und samstags (14 bis 17 Uhr) sogar auf dem Kahn „Renate-Angelika“ eine Ausstellung zur Berliner Binnenschifffahrt angucken.

Von dort aus können Sie rüber zum Nikolaiviertel gehen, von wo aus Sie immer der Spree entlang Richtung Museumsinsel laufen, vorbei am Humboldt-Forum und am Berliner Dom. Dann drehen Sie entweder um und gehen auf der anderen Seite zurück zum Nikolaiviertel, wo Sie beispielsweise das bezaubernde Knoblauchhaus besuchen könnten.

Oder aber Sie setzen Ihren Spree-Spaziergang fort bis zum Regierungsviertel, vorbei am Bode-Museum und dem Bahnhof Friedrichstraße. Wenn Sie den Reichstag passieren und weiter Richtung Hauptbahnhof laufen, können Sie fast den ganzen Weg entlang immer wieder Möwen beobachten.

3. Spandau: Die historische Altstadt erkunden

Spandau, so heißt es, ist fünf Jahre älter als Berlin. Bewundern kann man Teile der Historie in der pittoresken Altstadt, die eine Fußgängerzone ist: kopfsteingepflasterte Wege, Backsteinkirchen, Fachwerkhäuser. Die kleinen Gässchen erinnern an die Grundrisse des Mittelalters, allerdings wurde die tatsächliche Bausubstanz zum Großteil während der Weltkriege, aber auch durch Brände zerstört.

Starten Sie am Bahnhof Spandau (U-Bahn, S-Bahn, Regional- und Fernverkehr). Direkt gegenüber befindet sich das imposante Rathaus, das zwischen 1910 und 1913 errichtet wurde. Hinter dem Rathaus fließt die Havel, dorthin gelangt man durch einen herrlich angelegten Park. Aber das nur am Rande, denn der eigentliche Weg soll ja in die Altstadt führen. Sie können natürlich an der Havel entlang laufen, was zwar ein paar Minuten Umweg bedeutet, aber dafür die mit Abstand schönste Strecke ist.

Der Fußweg vom Bahnhof zur Altstadt dauert auf der kürzesten Strecke lediglich zehn Minuten. Am Viktoria-Ufer, linke Hand, sind Überreste der Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert erhalten. Wenn Sie sich dann wieder nach rechts orientieren, gelangen Sie über die kleinen Straßen zum Reformationsplatz, wo die Nikolaikirche steht, ein dreischiffiger gotischer Backsteinbau aus dem 14. Jahrhundert. Ganz in der Nähe ist auch das Gotische Haus, das ein Stadtteilmuseum beherbergt.

Das Gotische Haus ist das älteste Bürgerhaus Berlins – ein faszinierendes Relikt, das es so nirgends mehr gibt. Neben der sehenswerten stadtgeschichtlichen Schau, in der 600 Jahre Alltagsleben in Spandau erzählt werden, gibt es auch immer wechselnde Kunstausstellungen.

Unweit von dieser Ecke befindet sich ein ebenso beeindruckender, historischer Teil Spandaus, nämlich der Behnitz. Überqueren Sie die Straße am Juliusturm und laufen dann zur Straße Kolk. Hier steht die hübsche Marienkirche, die von außen zwar unscheinbar wirkt, drinnen aber umso prunkvoller ist. Die Gegend gilt als ältester Siedlungsteil der Altstadt Spandau. Rundherum können Sie erahnen, wie es früher einmal gewesen sein muss.

4. Neukölln: Rund um den Gutshof Britz

Im Dezember gibt es hier einen der schönsten Weihnachtsmärkte der Stadt, aber auch zu jeder anderen Jahreszeit ist es am Gutshof Britz und der angrenzenden Parkanlage wunderschön. Vor allem für all jene Berlinerinnen und Berliner, die nur an Hipster-Läden, Gentrifizierung, Ghetto und Clans denken, wenn sie Neukölln hören, wird diese Ecke im etwas südlicher gelegenen Teil des Bezirks eine Offenbarung sein.

An der Straße Alt-Britz liegt das Schloss Britz, ein ehemaliges Herrenhaus und Teil eines früheren Ritterguts. Britz war mal ein Dorf, wie so viele Ortsteile Berlins, 1237 erstmals urkundlich erwähnt. Nach wechselvoller Geschichte – während des Zweiten Weltkriegs war beispielsweise ein Flüchtlingsheim im Schloss untergebracht – gehört das Areal nun der Stadt Berlin. Im Schloss selbst ist ein Museum über das Wohnen in der Gründerzeit, zu sehen gibt’s originale Möbel.

Unweit vom Schloss befindet sich der Gutshof mit Wirtschaftsgebäuden aus dem 19. Jahrhundert, in denen kulturelle Einrichtungen untergebracht sind. Im rund 300 Jahre alten Park selbst können Sie den uralten Baumbestand bestaunen und auf verschlungenen Wegen wandeln, die um 1890 angelegt wurden. Zu sehen gibt es neben exotischen Gewächsen auch eine Maulbeerbaum-Allee und diverse Nussgehölze.

Auf dem Gelände werden Nutztierrassen gehalten, die hier früher in der Landwirtschaft von Bedeutung waren, jedoch heute selten sind, weil sie sich für die Massentierhaltung nicht eignen. So können Sie auf dem bauernhofähnlichen Gelände Ziegen, Pferde, Kühe, Schafe und Geflügel beobachten. Es werden zudem Führungen angeboten.

5. Köpenick: Das alte Fischerdorf bestaunen

So viel ursprüngliches, und doch nicht alltägliches Berlin findet man nicht an jeder Ecke: Dort, wo die Spree in den Müggelsee fließt, liegt das über 600 Jahre alte idyllische Fischerdorf Rahnsdorf. Im Halbrund schmiegt es sich um die alte Dorfkirche mitsamt einem kleinen Friedhof. Überall Kopfsteinpflaster, schmiedeeiserne Zäune, niedliche Häuschen, mächtige Kastanien, ein kleiner Hofladen.

Hier lebt und arbeitet auch der einzige Fischer vom Müggelsee: Andreas Thamm, dessen Tochter Maria mittlerweile auch im Familienbetrieb mit arbeitet und die einzige Fischerin Berlins ist. Besonderes Highlight: Unweit von der Räucherei, in der die Thamms in den Sommermonaten Fische aus dem Müggelsee räuchern, verkehrt Berlins einzige handbetriebene Fähre.

Die F24 gehört zum BVG-Netz und pendelt zwischen der Kruggasse in Rahnsdorf und den gegenüberliegenden Müggelwiesen; offiziell heißt die Haltestelle Spreewiesen. Die Strecke von rund 36 Metern rudert der Fährmann mit eigener Muskelkraft. Von dort aus können Sie die Müggelberge entlang wandern.

Und wenn Sie stattdessen mal einen richtigen Kietz (ja: Kiez mit tz) besuchen wollen, sollten Sie in die gleichnamige Straße in der ohnehin äußerst charmanten Köpenicker Altstadt fahren. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war an dieser Stelle tatsächlich ein eigenständiges Fischerdorf, heute bekannt als Fischerkietz.

Hier stehen die ältesten Häuser Köpenicks, die zum Teil mehr als 200 Jahre alt sind. Herrlich: Einige der schmalen Gassen führen direkt runter zur Dahme, von wo aus Sie rüber zur Schlossinsel blicken können.