Berliner Schlüsselerlebnisse: Wie Plastikkarten und Heißklebepistolen helfen

Mit Schlüsseln für Wohnungstüren oder Briefkästen kann man verdammt viel erleben, findet unsere Autorin. Und ab und an fast ein bisschen kriminell werden.

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geheimnis,öffnen,verschlossen *** secret,opening,locked 14l-fh7imago /Shotshop

Auf Post muss man manchmal warten, aber Ferien macht sie nicht. Das Arrangement im Fall einer eigenen Abwesenheit ist so einfach wie vielfach bewährt: Eine Nachbarin leert den Kasten alle paar Tage und legt die Sendungen auf den Küchentisch. So auch in diesem Sommer. Nach meiner Rückkehr ist es erst einmal schwierig mit einem Treffen, deshalb schlägt sie vor, den Schlüssel in den Briefkasten zu werfen. Einverstanden.

Den Gedankenfehler, also meinen, den kann sie nicht kennen. Dass sie den einzigen Briefkastenschlüssel hat, merke ich, als ich keinen eigenen habe, um ihn herauszuholen. So verknotet wie dieser Satz schaue ich auf die Metallkiste an der Treppenhauswand. Jetzt durchatmen. Eine magnetische Angel bräuchte ich. Was sich zeigt: Ein verbogener Kleiderbügel tut es auch. Als die Luft rein ist, das Treppenhaus leer. Trotzdem fühle ich mich ein wenig kriminell, als ich nach dem Schlüssel stochere. Und denke, ihn kurz darauf in der Hand haltend: Erschreckend, wie einfach es ist.

Den gleichen Gedanken hatte ich an einem Abend in der Kur, während der sich die Nachbarin um die Post kümmerte. Spät abends, das Kind schlief, ging ich noch einmal in den Garten. Als ich zurück ins Gebäude wollte, waren alle Türen verschlossen beziehungsweise nur von innen zu öffnen. Dachte ich.

Panisch rief ich die einzige Kur-Teilnehmerin an, deren Nummer ich zu diesem frühen Zeitpunkt hatte: „Kannst du mir aufmachen? Ich habe mich ausgesperrt.“ Bevor sie „Ja“ sagen konnte, hörte ich Schritte. Geraschel. Eine mir bis dato fremde Frau hatte auch nach Abendluft gesucht. Gefunden hat sie mich. Und ich jemanden, der weniger Knoten im Kopf hat. Sie wies mich darauf hin, dass mein Zimmerschlüssel in die Hintertür passt. Hätte ich auch draufkommen können.

Wochen vorher waren das Kind und ich zu Gast bei Freunden, und deren kleines Kind versuchte, mit dem Kellerschlüssel das Haus aufzuschließen. Der Schlüssel brach ab und alle Fenster waren zu. Mit einem Magneten wären wir nicht weit gekommen. Mein Kind, ein passionierter Lifehacks-Konsument, schlug vor, die abgebrochene Schlüsselspitze mit einer Heißklebepistole herauszuziehen. Die befand sich in der Wohnung. Die also mit einer Plastikkarte geöffnet wurde, inklusive Einbrechergefühl. Und dann feierten wir das Kind nach der gelungenen Heißkleberoperation. So geht das also, dachte wohl nicht nur ich.

Drei Erkenntnisse, drei offene Türen. Ich verstehe nun viel besser, warum man von „Schlüsselerlebnissen“ spricht.