Charlottenburg-Wilmersdorf: Loriots Grab, Stadtinsel, Protz- und Motzarchitektur

Erkunden Sie in unserer Wochenend-Serie die vielen Geheimtipps der City West, von chic bis verwunschen, mal mit Adrenalin oder auch vollkommen entspannt.

Die Pyronale im Olympiastadion ist ein Besuchermagnet. Einheimische gucken für umme von außen zu.
Die Pyronale im Olympiastadion ist ein Besuchermagnet. Einheimische gucken für umme von außen zu.imago

Berlin ist ein Dorf. Sagt man so, und stimmt auch, wenn man genauer hinguckt. Aber wer tut das schon? Wer fährt einfach mal in einen anderen Kiez, um zu gucken, was da so los ist? Das wollen wir ändern. In der Bezirke-Serie stellen wir alle zwölf Berliner Bezirke vor, lassen Einheimische zu Wort kommen, verraten Geheimtipps, tauchen ein in die Vielfalt der Möglichkeiten. Heute: Charlottenburg-Wilmersdorf.

Anders als bürgerlich und wohlsituiert kann man weder Charlottenburg noch Wilmersdorf beschreiben: 67 Prozent der Wohnlagen gelten als gut – Spitzenwert für Berlin, wo im Schnitt lediglich 19 Prozent der Wohnlagen als gut bewertet werden (Mitte: 15,6 Prozent, Pankow: 25,8 Prozent, Steglitz-Zehlendorf: 59 Prozent).

Der Bezirk gilt zudem als sehr handelsstark, was auch, aber nicht nur am Kudamm liegt. Der Prachtboulevard ist und bleibt Anziehungspunkt für Menschen aus aller Welt. Auch wenn man sich die Nobelmarken nicht leisten kann: Windowshopping und Leutegucken macht auch Spaß.

In Charlottenburg-Wilmersdorf gibt es immer noch ganze Straßenzüge und Kieze, deren Gründerzeitvillen von der einstigen Pracht Berlins zeugen. Aber es gibt auch die Nachkriegsbausünden wie die Bundesallee, die, einer Autobahn gleich, ganze Kieze zerschneidet. Oder Bauten, an denen sich die Geister scheiden. Die Schlange beispielsweise. Der riesige Gebäudekomplex an der Schlangenbader Straße überspannt sogar die Stadtautobahn.

Der frühere Regierende Bürgermeister und spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) soll über den XXL-Komplex gesagt haben: „Wenn der Teufel dieser Stadt etwas Böses antun will, lässt er noch einmal so etwas wie die ‚Schlange‘ bauen.“

Architekturfans und Touristen posten im Netz hingegen viele positive Kommentare, so wie Frank V.: „Ich mache dort regelmäßig Urlaub. Mein Cousin wohnt dort. Bin immer wieder beeindruckt, finde es super da. Eine Anlage, die seinesgleichen sucht, bin selber ja kein Hochhausfan, aber da würde ich sofort einziehen.“

Anwohnerinnen und Anwohner sind gespaltener Meinung, nicht zuletzt aufgrund der Stilllegung der Müllabsauganlage – ein Müllschlucker-Rohrsystem, dessen Sanierung der Degewo zu teuer war. Der Wohnungsbaugesellschaft gehört der denkmalgeschützte Siebzigerjahre-Bau, dessen erste Mieter 1980 einzogen: „Bis zu 46 Meter hoch ragen die sieben Wohnhügel der Schlangenbader Straße über die Stadt. Die verbundenen Wohnblocks mit über 1200 Wohneinheiten haben eine Gesamtlänge von 1,5 Kilometern“, schreibt die Degewo.

Selbst die Keller liegen hier hoch oben, nämlich im achten Stock – direkt über der Autobahn. Es gibt Hobby- und Gemeinschaftsräume, sogar Gästewohnungen und Hundetoiletten. In den Erdgeschossen sind etliche Geschäfte untergebracht, auch an Spielplätze wurde gedacht. Ganz klar: Diese Anlage ist in ihrer Gesamtheit einmalig und unvergleichlich. Muss man eigentlich gesehen haben, wenn man nach Wilmersdorf kommt (offizielle Anschrift der Schlange: Wiesbadener Straße 50).

Haben Sie Lust, auch die anderen Bezirke kennenzulernen? Dann folgen Sie uns doch nach Pankow, Neukölln, Mitte, Spandau, Lichtenberg, Reinickendorf, Friedrichshain-Kreuzberg, Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf, Tempelhof-Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf.

Was macht Charlottenburg-Wilmersdorf so besonders?

Bezirksbürgermeisterin Kirstin Bauch (Grüne): „Charlottenburg-Wilmersdorf hat diese ruhige Coolness, die sich von der hippen Extravaganz anderer Bezirke nicht beeindrucken lässt. Hier findet man die alten Berliner Eckkneipen in unmittelbarer Nähe zu eleganten Villen, schicke Boulevards zum Einkaufen sowie ein vielfältiges Kultur- und Gastronomieangebot.“

Und weiter: „Die City West ist Berliner Geschichte gepaart mit gelassener Aufbruchsstimmung: Man macht einfach – ohne großes Getöse. Wir haben als einziger Bezirk eine Messe, und wir haben das CHIC, das Charlottenburger Innovationszentrum, das in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität vielen Studierenden die Möglichkeit bietet, sich unternehmerisch auszuprobieren. Das macht uns zum Schaufenster der Zukunftsideen.“

Aber: „Es gibt auch stille Rückzugsorte wie Parks oder einfach nur eine Bank am Ufer der Spree. Ich liebe das Westkreuz-Areal, um zwischendurch ein halbes Stündchen Kraft zu tanken. Wenn man am Ende der Rönnestraße durch eine schmale Tür geht, landet man zwischen Kleingärten und Wildnis in einer Oase der Ruhe“, so die Politikerin.

Schlösser, Parks und verwunschene Ecken

Das Schloss Charlottenburg (Spandauer Damm 10–22) steht – zu Recht – in jedem Touri-Guide. Aber wussten Sie, dass man hier auch Kindergeburtstage feiern kann, dass die Kinder sich wie echte Royals verkleiden können und lernen, wie man früher tanzte, welche Geheimnisse das Schloss birgt?

Auch ohne Kinderparty sind das Schloss sowie der angrenzende Park mitsamt der Spree und dem hübschen Karpfenteich immer wieder schön. Gehen Sie dort mal spazieren. Und besuchen Sie die Ausstellung, unabhängig davon, ob Sie sie schon kennen. Geben Sie sich dem Zauber der alten Herrscher-Gemäuer hin.

Dass hier am Schloss alljährlich einer der schönsten Weihnachtsmärkte der Stadt aufgebaut wird, ist gemeinhin bekannt. Unabhängig davon sei Ihnen ein Besuch im deutsch-kroatischen Restaurant Galija am Schloss (Otto-Suhr Allee 139) empfohlen. Eine urige Atmosphäre, deftige und üppige Mahlzeiten, nette Bedienung. Tipp: Reservieren Sie eine der kleinen Nischen im hinteren Restaurantteil. Hier sind Sie ungestörter, genießen Ihr Menü bei Kerzenschein.

Weniger königlich, dafür umso nervenkitzeliger ist der Besuch im Volkspark Jungfernheide (Jungfernheideweg 60). Kein Scherz! Denn hier ist ein beeindruckender, teils schwindelerregender Hochseilgarten, der schon beim Hingucken für Adrenalinausstoß sorgt. Nebenan, am alten Wasserturm, ist der Sommergarten – ein absoluter Lieblingsplatz in Charlottenburg, wo man eine heiße Schokolade ebenso genießen kann wie einen frischen Falafel-Teller.

Falls Ihnen eher nach naturnahen Erlebnissen zumute ist, schauen Sie am besten in der Erlebniswelt Tier und Natur im Jungfernheidepark vorbei: Ein kleiner Bauernhof mit Ziegen, Kaninchen, freilaufenden Hühnern und Enten sowie Spielmöglichkeiten für Kinder. Vor Ort gibt es auch ein kleines Café.

Ein in vieler Hinsicht spannendes – und den meisten Berlinerinnen und Berlinern unbekanntes – Spaziergang-Highlight finden Sie rund um die Mierendorffinsel. Ja, es gibt in Charlottenburg eine Insel, jedoch kein kleines pittoreskes Eiland, sondern eher eine Kleinstadt mit rund 15.000 Einwohnern, die zufälligerweise vom Wasser umschlossen ist (am nördlichen Rand führt auch die Stadtautobahn entlang). Rund herum um die Insel gibt es den sogenannten Mierendorff-Rundweg.

Die Insel liegt quasi auf der Rückseite vom Schloss Charlottenburg. Auf 5,3 Kilometer Länge kann man sie entlang der Spree, dem Westhafenkanal und dem Charlottenburger Verbindungskanal umrunden. Man kreuzt dabei viele Brücken und kann sich spontan entscheiden, der Insel einen Besuch abzustatten. Sie werden auf dem Rundweg viel Natur entdecken, aber auch urbanes Flair genießen können. Mittwoch- und sonntagvormittags ist auf dem Mierendorffplatz, mitten auf der Insel, ein Wochenmarkt. Lohnt sich!

Übrigens: Wilmersdorf hat auch ein Schloss, vielmehr ein Schlösschen, also eine Fabrikantenvilla. Es ist das älteste erhaltene Haus im Ortsteil und „wurde 1765 als zweigeschossiges Bauernhaus errichtet“, schreibt das Bezirksamt über das sogenannte Schoeler Schlösschen. „Das Bauwerk und der zugehörige Garten dokumentieren das Leben vor den Toren Berlins ebenso wie die großbürgerliche Lebenskultur im Wilmersdorf des 18. und 19. Jahrhunderts. Berliner Bankiers, Unternehmer und Intellektuelle hatten hier ihren Sitz.“

Benannt ist die Villa nach dem Augenarzt Heinrich Schoeler, dem letzten privaten Besitzer des Zweigeschossers. Das Schoeler Schlösschen (Wilhelmsaue 126) kann derzeit nicht besichtigt werden, wohl aber die naturbelassene umliegende Grünanlage des Schoelerparks, wo in den 1930er-Jahren auch Wohnhäuser errichtet wurden.

Geheimtipp: Westend – ein Anwohner schwärmt

Unternehmer Lasse Walter (Smiling-Berlin-Verlag) lebt seit 2017 in Westend – und hat sich hoffnungslos in den Ortsteil verliebt. Warum? Weil Westend zu einem Drittel aus Schrebergärten bestehe, zu einem Drittel aus dem Olympiapark und sich der Rest zusammensetze aus Messe und gutbürgerlichem Wohnen.

„Westend hat den Charme eines Berliner Vorortes, obwohl Messe und Olympiapark die Welt regelmäßig einladen. Wenn nämlich gerade keine Messe oder eine Veranstaltung im Olympiastadion ist, dann genießen die 40.000 Westender die Ruhe eines Vorortes mit einer Infrastruktur, die auf mehr als das doppelte ausgelegt ist. 75.000 Besucher fasst das Olympiastadion, die großen Messen ITB oder Ifa haben 175.0000 Besucher“, weiß Lasse Walter.

Der Berliner findet: „Breite mehrspurige Straßen, endlose Parkplätze und sehr gute ÖPNV-Anbindung bieten lange Sichtachsen, Platz und Komfort. Alles dies vermittelt eine Ruhe und Geduld, die man in Berlin sonst nicht findet. Hier wohnen tatsächlich viele ältere Damen alleine in riesigen Wohnungen oder Villen. Eine Ampelphase reicht selten, um die Reichsstraße in dem Alter zu überqueren, doch niemand hupt. Alle nehmen Rücksicht, so ist das hier in Westend. Man erkennt sich im Supermarkt, grüßt sich sogar. Man trifft sich in der Preußenallee freitags zum Wochenmarkt oder an Weihnachten zu den Turmbläsern in der Eichenallee.“

Westend werde aber auch jünger, berichtet Lasse Walter: „In die großen Wohnungen der verstorbenen Witwen ziehen junge Familien ein – meist mit zwei Autos. Die wenigen Kinderspielplätze sind voll und die Parkplätze werden langsam seltener. Westend wird einen Wandel erleben und der erhält sich hoffentlich den Westend-Charme.“

Lieblingsorte des Westend-Fans sind „der liebevoll von einem Verein hergerichtete Brixpark, der tief in einem Tal einen Teich beherbergt und tolle Wege zum Spazieren“ hat. Und: „Zur Pyronale versammeln sich die Westender auf dem Olympischen Platz vor, ja: vor, dem Olympiastadion mit Campingstühlen und Getränken und schauen das Feuerwerk kostenfrei. Eine großartige Stimmung.“

Auch rund um die vielfach geschmähte Heerstraße gibt es Tolles zu entdecken, wie Lasse Walter erzählt: „Auf dem Friedhof an der Heerstraße stellen Besucher Quietscheentchen auf Loriots Grab und genießen den See des Friedhofes mit den Mandarinenten darauf. Hinter dem S-Bahnhof Heerstraße versorgt Adik’s Stehcafé seit Jahren alle Studis und Anwohner der wunderschönen Siedlung hinter dem Soldauer Platz. Zauberhafte und liebevoll hergerichtete kleine Häuschen säumen den Weg der Alleen in diesem Kiez. In der Eichkampsiedlung dahinter werden die Straßen sogar noch kleiner, dass man fast denkt, man ist in einer Schrebergartenkolonie.“

Apropos: „Die größte Schrebergartenanlage nördlich des Spandauer Damms mit unzähligen Kolonien, hat einen tollen Spazierweg eingerichtet, der die Kolonien verbindet. Im Herbst werden auch oft Äpfel an den Gartenpforten verschenkt.“

Fazit: „Westend hat etwas, das man oft in Berlin vermisst: Gelassenheit und Rücksichtnahme. Die Bewohner hier haben schon so viel erlebt, dass sie unaufgeregt den Krawall der Veranstaltungen ertragen, um danach wieder in Ruhe und gegenseitiger Rücksichtnahme das Leben zu genießen. Am Wochenende und abends nach 20 Uhr werden hier übrigens die Ampeln ausgeschaltet“, so Lasse Walter.

Lost Place, Street Art und Berliner Geschichte

Kein Insider: Den Teufelsberg (Teufelsseechaussee 10) in Grunewald kennen wir alle. Nur oben waren die meisten von uns noch nicht. Dabei bietet der Berg so viel mehr als man gemeinhin glaubt. Erstens ist der Teufelsberg ein künstlicher Hügel und wurde nach dem Weltkrieg aus Schutt und Trümmern errichtet; er ist 120 Meter hoch und somit nach den Arkenbergen ganz im Norden die zweithöchste Erhebung Berlins.

Ganz oben befindet sich, zweitens, die ehemalige Abhörstation der USA, die nach der Wende aufgegeben wurde. In den 1990ern wurde das Areal noch als Flugsicherungsradarstation genutzt. Seit 1999 steht das imposante Gebäude leer und ist ein beliebtes, etwas morbides Fotomotiv. In der Lost-Places-Szene wird die riesige Kugel aus dem Kalten Krieg immer wieder und immer noch gefeiert.

Last, not least: Das Gelände auf dem Teufelsberg ist, drittens, die wohl größte Open-Air-Galerie der Stadt. Internationale Künstlerinnen und Künstler haben sich hier verewigt, einige Werke sind Dutzende Quadratmeter groß. Das Gesamtkunstwerk wächst und verändert sich ständig.

Oben auf der Abhörstation gibt es eine Terrasse mit 360-Grad-Panorama über Berlin, Weit- und Rundumblick sozusagen. Zudem können Touren gebucht werden, wenn man mehr über die Historie dieses besonderen Berliner Ortes erfahren möchte. Tipp: Buchen Sie eine Flashlight-Führung, die im Dunkeln und mit Taschenlampen stattfindet. Ein echtes Großstadt-Abenteuer!

Man kann den Teufelsberg aber auch so besichtigen, ganz legal, jeden Tag in der Woche. Der Eintritt kostet acht Euro. Vor Ort gibt es sogar eine Bar, die jedoch nur am Wochenende geöffnet hat. Allerdings: Sonnenuntergang genießen geht hier nicht; die Betreiber schließen vorher, „damit die Besucher genug Licht haben, um nach Hause zu kommen“, wie es auf der Website heißt.

Typisch Charlottenburg-Wilmersdorf eben: immer schön aufeinander aufpassen.