Hausarrest, Handyverbot, WLAN-Sperre: Warum Strafen nichts bringen

Kinder finden Strafen wie Taschengeldentzug oder Fernsehverbot ätzend. Eltern glauben, solch erzieherische Maßnahmen seien sinnvoll. Was sagt ein Therapeut dazu?

Klar, dass Kinder mit Strafen nicht einverstanden sind. Aber auch Eltern sollten sie vermeiden.
Klar, dass Kinder mit Strafen nicht einverstanden sind. Aber auch Eltern sollten sie vermeiden.Imago

Früher hieß es Stubenarrest und Fernsehverbot, heute wird zur Strafe das Handy konfisziert oder das WLAN-Passwort heimlich geändert: Um Kinder zu bestrafen, werden Eltern durchaus kreativ. Für viele Eltern gehören Bestrafungen wie das Wegnehmen der Videospiele oder das Verbot, am Nachmittag noch Freunde zu treffen, zur Erziehung dazu.

Wer das in seiner eigenen Kindheit erlebt hat, denkt mit Sicherheit nicht mit Freude daran zurück. Da unser Gedächtnis jedoch gnädig ist, bewerten wir im Nachhinein Dinge oft positiver, als sie in der konkreten Situation tatsächlich waren. In diesem Fall nach dem Motto: Geschadet hat’s mir ja nicht …

Aber stimmt das wirklich? Schaden erzieherische Bestrafungen oder nicht? Nützen sie? Was bewirken sie beim Kind? Der Kinder- und Jugendtherapeut Dr. Christian Lüdke weiß es, sowohl aus der täglichen Praxis als auch aus verschiedenen Studien und Untersuchungen. Er sagt ganz klar: „Bestrafungen führen zu keiner tatsächlichen Verhaltensänderung.“

Vielmehr sei es so, dass Kinder und Jugendliche sich kurzfristig anpassen, was Eltern als Erfolg ihrer Maßnahme missdeuten. „Es ist aber wissenschaftlich belegt, dass Strafen, die nichts mit dem vermeintlichen Vergehen zu tun haben, nichts bringen“, sagt Dr. Christian Lüdke. „Sie erzielen damit keine Verhaltensänderung. Strafen bringen nichts außer Frust.“

Verhaltenspsychologie: Strafen führen zu keiner Änderung

Wenn Sie sich über Ihr Kind ärgern und wütend sind, sollten Sie einmal kurz innehalten und sich fragen: Was will ich erreichen? Möchte ich, dass es in einer vergleichbaren künftigen Situation besser läuft? „Dann sollten Sie genau da ansetzen“, rät der Therapeut.

Ein Beispiel: Ihr Kind kommt zu spät nach Hause, deutlich später als verabredet. Sie sind sauer. Zu Recht! Also sprechen Sie kurzerhand eine Strafe aus, damit das Kind sich das merkt und beim nächsten Mal bitteschön pünktlich ist, um nicht erneut bestraft zu werden.

Dr. Christian Lüdke analysiert: „Dass Sie von Ihrem Kind enttäuscht sind, ist normal. Und genau das sollten Sie sagen: ‚Ich bin enttäuscht, dass du zu spät gekommen bist, ich habe mir Sorgen gemacht.‘ Das wäre der erste Schritt. Der nächste wäre, herauszufinden, woran es lag, damit Sie und Ihr Kind es beim nächsten Mal besser machen können.“

Deshalb, so der Experte, sollten Sie Ihr Kind einfach fragen, weshalb es zu spät gekommen ist. Sie könnten auch anbieten, es beim nächsten Mal abzuholen. „Wenn Sie stattdessen eine Strafe aussprechen, wird Ihr Kind wahnsinnig frustriert sein und erlebt Sie als Elternteil als wenig verständnisvoll. In der Folge könnte es sich mit Problemen nicht mehr an Sie wenden wollen. Vielmehr könnte es sein, dass Ihr Kind erst recht in die Opposition geht.“

Indem Sie also nicht nach der Ursache für das unerwünschte Verhalten Ihres Kindes suchen, verfestigen Sie es stattdessen, indem Sie strafen. „Eine Änderung kann nur durch Kommunikation, Austausch, Verständnis erreicht werden“, weiß Lüdke. „Strafen hingegen sind in der Regel eine hilflose Form der Erziehung, eine schnelle Form der Konfliktbewältigung, wobei nicht das Verhalten des Kindes im Mittelpunkt steht, sondern die Gefühle der Eltern.“

Strafen dienen in keinem Fall der Entwicklung des Kindes, sondern sie sind ein sehr einfacher Weg, eine lästige Situation zu einem Ende zu bringen. Statt also in die Fehleranalyse einzusteigen, fährt man eine Basta-Politik. „Ohne aber die Ursachen zu kennen, kann man auch an den Symptomen nichts ändern“, so der Therapeut. „Kurzum: Die Strafe beendet die Kommunikation. Die jedoch ist die Grundlage, um ein gemeinsames Verständnis von Regeln und Absprachen zu entwickeln.“

Was kann man statt Strafen tun, damit sich etwas ändert?

Damit sich schwierige Situationen nicht häufen, sollten Sie auf drei Strategien setzen: Erstens sollten Sie positives Verhalten bestärken, indem Sie zeigen, dass Sie es wahrnehmen: „Ich freue mich, dass du so pünktlich bist.“

Zweitens sollten Sie unerwünschtes Verhalten kritisieren, allerdings nur das Verhalten, nicht Ihr Kind als Person. Formulieren Sie die Kritik als Ich-Botschaft, beschreiben Sie Ihre Gefühle. Dann wird es von Ihrem Kind nicht als Angriff verstanden. Sie könnten sagen: „Wir hatten das anders vereinbart. Ich bin enttäuscht, dass du dich nicht daran gehalten hast.“

Vermeiden Sie auch Worte wie: immer, nie, ständig, jedes Mal. Das impliziert eine Absolutheit, die in der Form nicht zutreffend sein kann und verletzend ist, weil sie abwertet. Stattdessen könnten Sie Ihr Kind überraschen und für etwas loben: „… aber immerhin geht es dir gut. Ich hoffe, du hattest einen schönen Abend?“ Damit wird es nicht rechnen. Es wird baff sein. Und erleichtert, dass es keine Standpauke kriegt.

In einer ruhigeren Minute, wenn die erste Wut verflogen ist, sollten Sie nochmals das Gespräch suchen, um mit Ihrem Kind zu besprechen, was wo schiefgelaufen ist, wie es zu der ärgerlichen Situation kommen konnte. Fragen Sie ruhig: „Was brauchst du denn, um pünktlich zu sein? Kann ich etwas dafür tun?“ So signalisieren Sie nicht nur Gesprächsbereitschaft, sondern auch Interesse an Ihrem Kind sowie Selbstreflexion und Kritikfähigkeit.

All diese Eigenschaften möchten Sie Ihrem Kind vielleicht auch fürs weitere Leben mitgeben. Deshalb müssen Sie es vorleben, denn durch Predigen lernen Kinder so etwas nicht – nur durch gutes Vorbild. Merken Sie sich: Druck erzeugt Gegendruck. Wenn Sie Ihr Kind an die Kandare nehmen, wird sich kein vertrauensvolles Verhältnis entwickeln können, sondern das Kind emotional von Ihnen wegtreiben.

Hinzu kommt: „Wenn Sie Ihrem Kind das Handy wegnehmen oder Treffen mit Freunden verbieten, nehmen Sie ihm einen wichtigen, für seine Entwicklung elementaren Teil der Selbstbestimmung. Es ist nötig, dass das Kind Kontakt zu Gleichaltrigen hält. Ebenso ist es vollkommen in Ordnung, wenn Ihr Kind sich manchmal einfach nur so vom Fernseher berieseln lässt“, erklärt Dr. Christian Lüdke.

Gibt es Strafen, die funktionieren?

„Kinder müssen Regeln verstehen können, sie müssen eine Einsicht in Konsequenzen haben. Es muss nachvollziehbar und kalkulierbar sein, nicht plötzlich über sie hereinbrechen“, so Lüdke. „Deshalb sollte man bei Strafen überlegen, inwiefern man diese tatsächlich an die Ursache koppeln kann und dafür Sorge tragen, dass das transparent ist.“

Im konkreten Beispiel könnte das so aussehen, dass Sie sich auf ein bestimmtes Zeitbudget verständigen, also beispielsweise pro Wochentag zwei Nachmittagsstunden Freunde-Zeit. Kommt das Kind an einem Tag zu spät, wird diese Zeit für den nächsten Tag abgezogen. Bei einer Verspätung von mehr als 15 Minuten könnten Sie die doppelte Abzugszeit vereinbaren.

Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, wie Regeln aussehen sollten und wie es gelingen kann, sich auch daran zu halten, beziehungsweise was passiert, wenn dem nicht so ist. Beziehen Sie Ihr Kind mit ein. Dann fühlt es sich ernst genommen und hat ein größeres Interesse daran, dass das so bleibt.

Starten Sie mit einem Vertrauensvorschuss! Wenn Sie signalisieren, dass Sie davon überzeugt sind, dass Ihr Kind sein Bestes gibt, ist es viel motivierter, Sie nicht zu enttäuschen, als wenn Sie mit einer Negativ-Haltung oder Drohungen in das Gespräch gehen.