Schon seit einiger Zeit gibt es immer wieder leere Regale, Lebensmittel scheinen knapp zu sein, sind schnell ausverkauft, werden gar rationiert. Dennoch – oder gerade deswegen – denken viele Menschen darüber nach, sich zu Hause einen Vorrat anzulegen, wozu auch Innenministerin Nancy Faeser erst unlängst geraten hat.

Die Frage ist jedoch: Was ist ein nötiger Vorrat? Und wo liegt die Grenze zum Hamstern? Wie viele Lebensmittel braucht man wirklich, und wie werden sie bestmöglich gelagert? Was sollte man beachten? Welche Tricks und Tipps gibt es? Die Berliner Zeitung hat mit Lena Mier von der Verbraucherzentrale Berlin gesprochen.

Die Ernährungsexpertin ist staatlich geprüfte Lebensmittelchemikerin und weiß, worauf es ankommt. „Einen gewissen Vorrat zu haben, ist eine sinnvolle Entscheidung, sofern sie auf die Bedürfnisse des Haushaltes abgestimmt ist“, sagt Lena Mier. „Das bedeutet, dass man in erster Linie darauf schauen sollte, was – gemessen an der Personenzahl im Haushalt – in einem bestimmten Zeitraum wirklich gebraucht wird beziehungsweise verbraucht werden kann.“

Was ist der Unterschied zwischen Hamsterkauf und Notvorrat?

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) stellt klar: „‚Hamstern‘ beschreibt in unserem heutigen Sprachgebrauch das Horten von Lebensmitteln oder anderen Dingen, die vermeintlich knapp werden könnten – ‚Hamsterkäufe‘ sind somit impulsiv und wenig durchdacht.“

Das heißt in der Folge: „Sollten Güter tatsächlich einmal knapp werden, ist es zudem ziemlich unsolidarisch, Produkte über den persönlichen Bedarf hinaus zu horten. Der Notvorrat hingegen wird in sicheren Zeiten ganz gezielt mit dem Nötigsten angelegt, damit man etwa zehn Tage problemlos überbrücken kann“, schreibt das BBK. Ergo: „Wenn jede und jeder Einzelne in sicheren Zeiten einen Vorrat anlegt, können Engpässe im Ernstfall gemeinschaftlich überbrückt werden. Ein Notvorrat ist daher sogar gut für die Gemeinschaft!“

Die Verbraucherzentrale Berlin rät von Hamsterkäufen ab, wie Expertin Lena Mier erklärt: „Es ist verständlich, dass Engpässe verunsichernd sind, aber in der Regel gibt es immer Alternativen im Handel, auf die man zurückgreifen kann. Dann ist es eben nicht das bekannte Lieblingsprodukt, sondern ein anderes von einem anderen Hersteller.“ Vor allem im Hinblick auf die Haltbarkeit sollte man nicht zu viel auf einmal kaufen, weil „das die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass man am Ende etwas wegschmeißen muss, sofern man es nicht so schnell aufbrauchen kann.“

Warum hamstern Menschen überhaupt?

Psychotherapeut und Arzt Dr. Alexander Brümmerhoff erklärt gegenüber der Berliner Zeitung: „Die größte Rolle bei Hamsterkäufen nimmt sicherlich das eigene Angstempfinden ein. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die genau dies zeigten. Weitere Faktoren, die zum starken Impuls der Vorratshaltung führten, schienen perfektionistische Persönlichkeitszüge zu sein. Ein Artikel widersprach darüber hinaus der landläufigen Meinung, dass es sich in erster Linie um Menschen mit egoistischen, selbstsüchtigen Zügen handelt. Perfektionistische Züge sind tatsächliche starke Impulse, egoistische Züge jedoch nicht.“

Prof. Dr. Jan Häusser, Experte für Sozialpsychologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen schreibt zu dieser komplexen Gemengelage: „Die derzeitige Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen in vielen Lebensbereichen bringen uns in eine Vielzahl von sogenannten mixed-motive-Situationen. Das sind Situationen, in denen gleichzeitig kollektive Motive (dass es allen gut geht) und persönliche Motive (dass es mir gut geht) vorliegen, die wir bei unserem Verhalten berücksichtigen müssen. Manchmal sind diese Motive miteinander vereinbar, manchmal leider nicht.“

Konkret bedeute dies, so der Wissenschaftler: „Wenn niemand Hamsterkäufe macht, ist (sehr wahrscheinlich) für alle von allem genug da, wenn nur ich hamstere, habe ich (definitiv) alles was ich brauche, wenn alle hamstern, kommt es (wie man sieht) tatsächlich zu Engpässen. Solche Situationen werden in der Sozialpsychologie und der Verhaltensökonomie untersucht und sind dort als Tragik der Allmende (benannt nach einer mittelalterlichen Wirtschaftsform) bekannt.“

Diese Erkenntnisse illustriert Prof. Dr. Jan Häusser wie folgt: „Ein klassisches Beispiel für die Tragik der Allmende ist ein Fischteich, in dem mehrere Angler regelmäßig angeln. Im Sinne des Allgemeinguts wäre es gut, wenn jeder Angler nur eine bestimmte Menge Fisch fängt. Dann bleibt genug Fisch zurück, damit dieser sich wieder vermehren kann. Jeder Angler hat aber ein Interesse daran, möglichst viel Fisch zu fangen. Wenn die Angler nun diesem persönlichen Motiv folgen, ist der Teich irgendwann leer und keiner der Angler kann mehr Fisch fangen.“

Das traurige Fazit sei, dass „hier die persönlichen Motive (die eigene Sicherheit und das eigene Wohlbefinden zu sichern) dazu führen, dass das Allgemeingut und die kollektiven Motive (genug Fisch oder Klopapier für alle) untergraben werden, was dann dazu führt, dass irgendwann auch die persönlichen Motive nicht mehr bedient werden können (der Fischteich oder das Klopapierregal sind leer).“

Die Crux sei, so der Wissenschaftler: „In solchen Situationen gibt es starke Anreize sich egoistisch zu verhalten. Wenn ich meinen Mitmenschen (oder zumindest einer kritischen Maße) unterstelle, dass diese sich wahrscheinlich egoistisch verhalten werden, muss ich mich ebenfalls egoistisch verhalten, um mein eigenes Wohlbefinden zu sichern. Das Ganze wird also ein sich selbstverstärkender Prozess.“

Und wie kommt man da wieder raus oder kann das Hamstern verhindern? Prof. Dr. Jan Häusser: „Natürlich kann auch jeder dazu beitragen, durch kooperativeres, weniger egoistisches Verhalten die Spirale zu durchbrechen. Um dabei die berechtigten persönlichen Interessen nicht zu verletzen, könnte man ja damit anfangen, zumindest ein kleines bisschen weniger zu hamstern.“

Warum sollte man einen Notvorrat zu Hause haben?

Jeder, der schon einmal in Quarantäne musste, weiß, wie nervig es sein kann, wenn plötzlich das Brot alle ist oder die Getränke zur Neige gehen. Natürlich kommt das Wasser immer noch aus dem Hahn. Aber was, wenn nicht? Überflutungen, heftige Unwetter (Sturm, Schnee, Glätte), Stromausfälle und andere unvorhersehbare Ereignisse können dazu führen, dass die Versorgung lahmgelegt wird, man entweder gar nicht mehr dazu kommt, alles Nötige einzukaufen, oder aber, dass die Regale aufgrund von Hamsterkäufen leer sind.

Bei einem großen Stromausfall beispielsweise würden auch Kühlschrank, Gefriertruhe, Mikrowelle und E-Herd ausfallen. Deshalb ist es sinnvoll, Lebensmittel zu lagern, die man nicht erhitzen muss und so verspeisen kann. Zudem sollte man daran denken, dass auch die Wasserversorgung unterbrochen sein kann, weshalb man weder etwas zum Trinken, noch zum Waschen, Kochen, Zähneputzen hat. „Hier hilft ein Lebensmittel- und Getränkevorrat, die Zeit zu überbrücken, bis die staatliche Hilfe anläuft“, schreibt das BBK.

Was sollte man im Notvorrat haben?

Nahrung und Getränke sollten für zehn Tage reichen. Kalkulieren Sie pro Person und Tag zwei Liter Wasser, also 20 Liter Wasser pro Person für zehn Tage. Das ist ziemlich viel, vor allem, wenn man nicht allein lebt, sondern beispielsweise als vierköpfige Familie. Kaum jemand kann so viel lagern; es sei denn, man hat einen geräumigen Keller. „Deshalb muss man sich auch nicht kistenweise Getränke in die Wohnung stellen“, so Verbraucherschützerin Lena Mier. „Es reicht, wenn Sie einen Vorrat für ein paar Tage haben und darauf achten, dass immer etwas da ist. Wir gehen aber davon aus, dass die Trinkwasserversorgung grundsätzlich gesichert ist.“

Grundsätzlich brauchen erwachsene Menschen im Schnitt 2200 Kalorien am Tag. Überlegen Sie, was Sie (gern) essen und wie viel in etwa. Das gibt Ihnen eine Orientierung, was Sie persönlich als Notvorrat brauchen. „Darüber hinaus empfehlen wir, sich im Vorfeld Rezepte herauszusuchen, um genau zu wissen, was man mit den gekauften Lebensmitteln kochen kann“, sagt die Expertin.

Es kann auch eine gute Idee sein, sich einen Campingkocher für den Notfall zuzulegen, ebenso wie eine Powerbank oder kleine Solarzellen, um wenigstens ein bisschen Strom generieren zu können. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat eine ausführliche Broschüre erstellt, in der genau aufgelistet ist, was sich für den Notvorrat eignet.

Dazu gehören – gerechnet pro Person und für zehn Tage – unter anderem 3,5 Kilo Kartoffeln, Reis, Nudeln, Brot sowie vier Kilo Gemüse und Hülsenfrüchte, am besten nicht getrocknet, weil die Zubereitung sonst länger dauert und dafür Wasser benötigt wird. Des Weiteren wird empfohlen, 2,6 Kilo Milch(produkte) sowie lediglich knapp 400 Gramm Öle oder Fette zu haben.

Vergessen Sie nicht, Ihre Hausapotheke zu überprüfen. Vor allem Medikamente, die Sie regelmäßig brauchen, sollten Sie stets in ausreichender Menge zu Hause haben. Darüber hinaus ist es sinnvoll, Schmerzmittel, Pflaster und Wunddesinfektion sowie Mittel gegen Erkältungen, Durchfall, Erbrechen griffbereit zu haben. Ihre Hausapotheke sollten Sie trocken, kühl und dunkel lagern, am besten (für Kinder unzugänglich) im Schlafzimmer, nicht im Bad oder der Küche.

Denken Sie ebenso an Ihre Haustiere, sofern Sie welche haben. Auch die wollen essen, trinken und brauchen vielleicht Einstreu oder Medikamente. Achten Sie darauf, immer ausreichend dazuhaben, damit Ihr Tier nicht leiden muss.

Wichtig: Falls Sie wenig Platz oder auch wenig Geld haben, um große Mengen einzukaufen, ist es besser, einen kleinen Vorrat für nur wenige Tage zu haben, als gar keinen. Sie müssen auch nicht alles auf einen Schlag kaufen, sondern nehmen am besten bei jedem Einkauf zwei, drei Artikel mehr mit und bauen sich so nach und nach einen Vorrat auf.

Wie lagere ich den Notvorrat richtig?

Verstecken Sie den Notvorrat nicht in der hintersten Ecke, sondern nutzen ihn regelmäßig und erneuern das, was Sie verbrauchen. Bezeichnet wird dieses Vorgehen als „lebender Vorrat“: „Versuchen Sie, Ihren Vorrat in Ihren alltäglichen Lebensmittelverbrauch zu integrieren. So wird er immer wieder verbraucht und erneuert, ohne dass Lebensmittel verderben. Neu gekaufte Vorräte gehören nach hinten ins Regal. Brauchen Sie die älteren Lebensmittel zuerst auf“, schreibt das BBK.

So können Sie sicherstellen, dass Sie nicht irgendwann etwas wegwerfen müssen. Ansonsten lautet die Faustformel für das Lagern von Lebensmitteln: kühl (gegebenenfalls im Kühlschrank), trocken, dunkel. Nun ist das nicht immer möglich. Deshalb sollte man ungenutzte Flächen in der Wohnung ins Visier nehmen, beispielsweise auf dem Küchenschrank oder unterm Bett. „Besonders im Schlafzimmer ist es beispielsweise meistens kühler als in anderen Räumen, weshalb man dort zum Beispiel Kartoffeln gut lagern kann“, sagt Lena Mier von der Verbraucherzentrale Berlin.

Wegen ihres niedrigen Wassergehaltes sind Getreide und Getreideprodukte lange, oft auch weit über das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) hinaus haltbar. Mehl, Nudeln und andere abgepackte Lebensmittel kann man zunächst in der Verpackung belassen und nach Anbruch in ein gut verschließbares Gefäß umfüllen. „Beschriften Sie dieses dann, damit Sie wissen, was drin ist, und notieren Sie zudem das Mindesthaltbarkeitsdatum“, rät Lebensmittel-Expertin Lena Mier.

Günstig ist eine Lagerung in einem belüfteten Speiseschrank oder luftigen Vorratsraum bei einer Temperatur zwischen 15 und 20 Grad. Lagern Sie Trockenprodukte nicht in der Nähe des Herds, der Spülmaschine oder des Fensters, um Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen zu vermeiden.

Machen Sie sich ruhig eine Liste, was wie lange haltbar ist, um die Übersicht zu behalten. Das nützt Ihnen vor allem, wenn Sie eine Tiefkühltruhe haben, wie Lena Mier weiß: „Damit Sie die Tür nicht lange offenstehen lassen müssen und sich durch das Kühlgut wühlen, was eine Energieverschwendung ist, raten wir, sich eine Liste zu erstellen, auf der Sie das Produkt notieren sowie den Zeitpunkt des Einfrierens und gegebenenfalls das Mindesthaltbarkeitsdatum.“

Tipp: Falls Sie eingeschweißtes Brot oder das lange haltbare Knäcke nicht mögen, frieren Sie Ihr Lieblingsbrot scheibenweise ein. „Sie können es bei Bedarf herausnehmen und auftoasten, dann schmeckt es wie frisch gekauft“, erklärt die Verbraucher-Expertin. Ansonsten hält sich Brot am längsten, wenn man es in einem speziellen Brotkasten aufbewahrt. Nicht geeignet ist der Kühlschrank, weil die klimatischen Bedingungen schneller zu Schimmel führen können und das Brot auch schneller trocken werden lassen. „Außerdem wird Weizenbrot am schnellsten altbacken. Roggen- und Vollkornprodukte bleiben im Schnitt länger frisch.“

Für Obst und Gemüse gilt die Faustregel: „Heimische Früchte halten sich länger, wenn man sie im Kühlschrank lagert, Südfrüchte sollte man bei Raumtemperatur lagern“, so Lena Mier weiter. Vor allem Äpfel sind lagerfähig und je nach Sorte monatelang genießbar. „Wasserhaltige Gemüsesorten wie Tomaten oder Gurken mögen es nicht kalt, die sollte man nicht in den Kühlschrank legen, wohingegen Gemüse mit Blattwerk, etwa Radieschen oder Kohlrabi, sich länger hält, wenn man die Blätter entfernt und sie dann im Gemüsefach des Kühlschranks lagert.“

Auch Konserven sind zwar lange haltbar, aber nicht unbegrenzt. Daher sollten Sie ältere Konserven nach vorne stellen, damit Sie sie als Erstes aufbrauchen, und neu gekaufte Konserven stellen Sie nach hinten. Die Dosen dürfen äußerlich keine Veränderung aufweisen, etwa eine Deckelwölbung oder einen verrosteten Boden. „Wenn dies der Fall ist, sollten Sie das Produkt nicht mehr verwenden“, weiß Lena Mier.