Es ist ein natürlicher Teil des Älterwerdens und betrifft jeden Menschen, überall auf der Welt: Irgendwann werden die Haare grau. Die meisten von uns ärgert das, weil graue Haare ein eindeutiges Indiz dafür sind, dass wir eben nicht mehr ganz so jung sind, wie wir uns fühlen. Schade!

Bei den meisten Menschen geht es los, wenn Sie Anfang/Mitte 30 sind. Dann entdeckt man die ersten hellen Haare, meistens an den Schläfen oder im Nacken. Bei den Männern etwas früher, oftmals am Bart, bei Frauen im Schnitt etwas später. Und kaum jemand kann es gelassen hinnehmen und einfach so ergrauen, schon gar nicht in dem Alter. Also wird getönt und gefärbt, Frauen lassen sich Strähnchen machen, Männer reagieren manchmal mit Kahlschlag und rasieren sich eine Glatze.

Was kaum einer weiß: Die Haare sind gar nicht grau, sondern weiß beziehungsweise farblos. Weil sich diese hellen Haare aber mit der natürlichen Haarfarbe mischen, wirkt es, als hätten wir graue Haare. Tatsächlich aber sind sie farblos – was man vor allem bei Rentnerinnen und Rentnern sieht, die dann schneeweißes Haar zu haben scheinen.

Wie entsteht die Haarfarbe?

„Genau wie bei der Haut kommt das farbgebende Pigment, das Melanin, aus den Melanozyten, die in der oberen Hautschicht, oder wie bei den Haaren im Haarfollikel, enthalten sind“, sagt Dr. Max Tischler von onlinedoctor.de. „Die Melanozyten produzieren fortwährend dieses Pigment, das für unsere Haut- und Haarfarbe sorgt.“

Es gibt zwei verschiedene Melanin-Arten. Zum einen das Eumelanin, das braune und dunkle Haare macht, und zum anderen das Phäomelanin, das für eine gelbliche bis helle Färbung sorgt. „Das Verhältnis dieser beiden Pigmente zueinander entscheidet über unsere tatsächliche Haarfarbe“, so der Dermatologe. „Das individuelle Verhältnis ist in unserem Genom verankert.“

Unsere Haarfarbe entsteht letztlich durch ein festes Programm, das stets nach dem gleichen Schema abläuft. „Die Follikelzelle, also die Haarwurzel, produziert das Melanin, das in die Hornschicht übertragen und in den Haarschaft eingelagert wird. Dieser wächst dann heraus und nimmt, vereinfacht ausgedrückt, die eingelagerten Pigmente einfach mit“, fasst Dr. Max Tischler zusammen.

Woher kommen graue Haare?

Leider ist es so, dass auch die Haarzellen – wie alle unsere Körperzellen – dem Alterungsprozess unterworfen sind. Je älter wird werden, desto langsamer wird unser Organismus, wenn es um Ersatzzellen geht. Junge Menschen, vor allem Kinder, haben einen zügigen Stoffwechsel. Abgestorbene Zellen werden sofort ersetzt. Bei Erwachsenen geht das nicht mehr so schnell und effektiv, was eben zur Folge hat, dass wir uns über die Jahre mit immer weniger funktionstüchtigen Zellen begnügen müssen. „Und deshalb lässt auch die Pigmentproduktion nach“, so der Hautarzt. „Weniger Melanozyten bedeuten zugleich weniger Melanin.“

Und noch ein weiterer Faktor beeinflusst, wann wir ergrauen: Es ist die Aminosäure Tyrosin. Die Melanozyten brauchen sie, um überhaupt Melanin produzieren zu können; sie sind ein elementarer Baustein. „Fehlt dem Körper Tyrosin, kann er weniger Melanin produzieren, was sich dann eben auch an zunehmend farblosen Haaren bemerkbar macht“, sagt Dr. Max Tischler.

Leider kann man das Ergrauen nicht durch die Gabe von Tyrosin stoppen, wie der Mediziner weiß: „Es gibt dazu Studien, in denen man versucht hat, die Haarpigmentproduktion wieder anzuregen, indem man Menschen Tyrosin über die Nahrung verabreicht hat. Das hat jedoch nichts gebracht, und derzeit weiß niemand, warum das so ist, ob die Aufnahme im Magen-Darm-Trakt nicht funktioniert hat oder ob beispielsweise eine spezielle Tyrosin-Abwandlung nötig ist.“

Sollte man mit grauen Haaren zum Arzt gehen?

Wenn Sie noch keine 30 Jahre alt sind, sollten Sie zu einer Dermatologin oder einem Dermatologen gehen, um herauszufinden, weshalb Sie bereits in so jungem Alter grau werden. Es kann erblich bedingt sein, durch Medikamente ausgelöst werden, eine heftige Stressreaktion sein, aber auch eine Schilddrüsen-Fehlfunktion oder eine Krebserkrankung kommen infrage. Das sollte genau abgeklärt werden.

Ebenso ist es möglich, dass Sie die Weißfleckenkrankheit Vitiligo haben, bei der die Haut an verschiedenen Stellen keine Melanozyten mehr hat und deshalb blass-weiß bleibt. Tritt solch ein Herd an der Kopfhaut auf, zeigen sich büschel- oder strähnchenweise farblose Haare. Vitiligo bereitet sonst keine Beschwerden, kann für Betroffene aber ein optisches Problem sein.

Wie kriegt man die grauen Haare wieder weg?

In der Regel bleibt es beim Färben. Momentan hat die Wissenschaft noch keinen Weg gefunden, die Melanozyten anzuregen und somit die Farbproduktion in den Haarfollikeln wieder in Gang zu setzen. „Für die Ansätze kann man auch Farbsprays, Schütthaar oder Trockenshampoo verwenden“, sagt der Dermatologe.

Eine Alternative fürs Färben sind sogenannte Renaturierungsprodukte, die angeblich die natürliche Haarfarbe zurückbringen sollen, sofern man sie regelmäßig und dauerhaft anwendet. Bislang funktioniert das vornehmlich für dunklere Haarfarben. Im Internet gibt es unzählige positive Rezensionen und Kaufempfehlungen.

Das bekannteste Produkt ist Re-Nature von Schwarzkopf. Auf Nachfrage teilt der Hersteller mit, wie es wirkt: „Die Produktion von Melanozyten wird durch Re-Nature als Kosmetikprodukt nicht angeregt. Der Hauptwirkstoff (…) lässt sich als Fragment auch in natürlichem Melanin finden. Wird dieser Aktivstoff oxidiert, bildet er sozusagen eine naturidentische Farbe.“

Und weiter: „Die Oxidation (…) findet nun nicht wie bei klassischen oxidativen Haarfarben durch die Mischung mit einem Wasserstoffperoxid-haltigen Entwickler statt, sondern durch graduelle Oxidation des Aktivstoffes mit dem Sauerstoff aus der Luft. Dieser Prozess verläuft tief im Haarinneren nach und nach über wenige Tage. Falls die resultierende Farbe noch nicht dunkel oder deckend genug ist, wird nochmals appliziert! Somit können die Konsumenten:innen selbst entscheiden, wann sie mit dem Ergebnis zufrieden sind. Die Färbung ist permanent, sodass nach 4-6 Wochen eine Ansatzbehandlung durchgeführt werden kann.“

Welcher Stoff dieser Aktivstoff ist, teilt der Hersteller nicht mit. Hautarzt Dr. Max Tischler ist nicht skeptisch, was die Wirkweise von Re-Nature angeht, rät aber dennoch zur Vorsicht: „Man kann das Produkt anwenden, sollte aber erstens nicht erwarten, dass die Haarfarbe exakt so wird wie früher, und zweitens darauf achten, dass die Kopfhaut nicht gereizt wird. Andere Produkte mit oxidativen Stoffen können zu einer juckenden Kopfhaut führen, weshalb man das auch hier beim Anwenden genau beobachten sollte.“