Wie ein Profi: Das sollten Sie beachten, wenn Sie glücklich im Job werden wollen

In unserer Serie erklären Expertinnen und Experten, wie sie ihren Job privat umsetzen können. Heute: Das rät der Karriere-Coach.

Karriere machen, Geld verdienen, glücklich sein im Job: Das zu erreichen, ist nicht unbedingt leicht, aber auch nicht unmöglich.
Karriere machen, Geld verdienen, glücklich sein im Job: Das zu erreichen, ist nicht unbedingt leicht, aber auch nicht unmöglich.dpa-tmn

Sind Sie zufrieden in Ihrem Job? Oder träumen Sie davon, sich etwas Neues zu suchen, vielleicht sogar etwas ganz anderes auszuprobieren? Stockt die Karriere? Möchten Sie zugleich mehr Geld verdienen und glücklich mit Ihrer Arbeit sein? Womöglich klingt das nach einer Utopie für Sie. Doch der Karriere-Coach Jürgen Hesse weiß es besser. Er selbst hat einen langen, nicht geradlinigen, oftmals beschwerlichen Weg hinter sich.

Heute weiß der Fachmann genau, worauf man bei Job-Wahl und Arbeitsalltag achten sollte und welche Fehler sich vermeiden lassen. Sein Wissen hat der gebürtige Moabiter in mehr als 250 Büchern* aufgeschrieben und bietet auch private Beratungen zum Thema an. Für die Berliner Zeitung erläutert er seine Erfahrungen und daraus resultierenden Ratschläge.

Wir haben gefragt, wie Fachleute wie er das hinkriegen, wie sie sich motivieren, welche Alltagstipps sie beherzigen. Denn egal, worum es im Leben geht: Mit den guten Vorsätzen ist es wie mit guten Ratschlägen – sie klingen total einfach, lassen sich aber für die meisten von uns nicht so leicht in den Alltag integrieren. Wir wissen, dass wir dieses tun und jenes lassen sollten, um gesund und glücklich zu sein – allein: Es ist so schwer!

In unserer fünfteiligen „Wie ein Profi“-Serie geht es darum, wie sich eine Ärztin ernährt und vor Erkältungen schützt, was ein Sportwissenschaftler für seine Fitness tut, worauf eine Energieberaterin achtet und was eine Hauswirtschafterin macht, damit ihr Zuhause sauber und ordentlich bleibt. Heute soll es aber um die Karriere gehen und wie man im Job Erfüllung findet.

Tipp 1: Setzen Sie auf Ihre Stärken

„Eigentlich wollte ich nach dem Abi Musik machen“, erinnert sich Karriere-Coach Jürgen Hesse. „Das hat aber nicht geklappt, weil sich alle meine Bandkollegen für einen Studienplatz eingeschrieben hatten. Und dann stand ich da …“

Schließlich ergatterte der Moabiter doch noch einen Studienplatz an der Freien Uni (FU), jobbte nebenbei und ging auch seinen anderen Interessen nach. „Ich habe gemerkt, dass das Studieren allein mich nicht glücklich macht“, so der Experte. „Ich fand Geldverdienen auch wichtig, also habe ich angefangen, mit Musikinstrumenten zu handeln, was sehr schnell sehr erfolgreich war.“

Hesse hat sich in vielem ausprobiert und schon früh auf sein Herz gehört. „In der Schule habe ich an der Theater-AG teilgenommen, weil mich das interessiert hat. Da habe ich gemerkt, dass es toll ist, auf der Bühne zu stehen. Und im Laufe der Jahre wurde mir klar, dass kreative Dinge mir liegen.“

Irgendwann kam der Punkt, an dem der Moabiter festgestellt hat, „dass andere besser im Musikmachen sind“, weshalb er diese Karriereambitionen aufgab. Zugleich stellte er fest, dass er gut und schnell schreiben kann, dass ihm das Erklären liegt: „Deshalb sage ich ganz klar: Wer was erreichen will, sollte sich auf eine Sache konzentrieren. Setzen Sie auf das, was Ihnen liegt, auf Ihre Stärken und bauen diese aus, spezialisieren Sie sich so gut es geht. Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten ist ein wichtiger Karriere-Baustein.“

Das heißt aber auch: Verabschieden Sie sich von dem Gedanken, in allem gut sein zu müssen. „Machen Sie das, was Sie gut können und werden Sie besser exakt darin“, rät der Experte. „Ein Marathonläufer muss nicht auch den Stabhochsprung beherrschen, ein Maler muss kein Auto reparieren können und wer hervorragende Eintöpfe kocht, muss nicht notwendigerweise auch am Grill ein Meister sein.“

Tipp 2: Lassen Sie sich nicht entmutigen

Hesse hatte mit einer Abi-Note von 2,5 nicht die besten Voraussetzungen für ein Psychologie-Studium an der FU. „Geklappt hat es trotzdem, und ich bin dankbar, dass ich das trotz etlicher Widrigkeiten durchgezogen habe“, sagt Jürgen Hesse. „Und dabei war ich schon in der Schule nicht wirklich gut, hatte große Probleme mit der Rechtschreibung, bekam viele Jahre Nachhilfe, bin einmal sitzen geblieben.“

Doch sowohl die Grundschullehrerin als auch die Eltern glaubten an ihn. „Ich brauchte eben nur etwas länger“, erzählt er. „Und das ist okay. Niemand muss alles gut können und schon gar nicht sofort. Es ist in Ordnung, sich Zeit zu nehmen, um sich auszuprobieren, Fehler zu machen und zu wachsen.“ Für das Studium brauchte Hesse 18 Semester, neun ganze Jahre.

„Nach dem Studium war ich nicht mehr der Jüngste, und um an einen Job zu kommen, waren damals Intelligenztests schwer angesagt“, so der Moabiter. „So entstand die Idee, ein Test-Knacker-Buch zu schreiben. Davon gab es bereits mehrere auf dem Markt. Mein Kumpel Hans Christian Schrader und ich wollten es dennoch versuchen. Das Schreiben und Erklären lag mir, er ist gut im Strukturieren.“

Anfangs war das Buch ein Flop, entwickelte sich aber schnell zum Bestseller – mit mehr als einer Million verkauften Exemplaren. In den folgenden Jahren schrieb das Autoren-Duo über die Berliner Telefonseelsorge, ein Buch zur 750-Jahr-Feier Berlins mit Porträts aus Ost und West und auch die ersten Bewerbungsratgeber. „Nicht jedes Buch war ein Erfolg, aber das gehört zum Leben dazu. Man kann nicht immer gewinnen“, ist eine der wichtigsten Erkenntnisse für Hesse.

Und noch etwas: „Man muss Risiken eingehen und über sich hinauswachsen wollen. Ich schrieb ja schon immer gern, auch Gedichte. Als ich 15 Jahre alt war, gab es in der Hansa-Bibliothek einen Vorlesewettbewerb. Da wollte ich hin, aber es fiel mir so schwer, weil ich unsicher war und nicht wusste, wie die Leute reagieren würden“, berichtet der Coach. „Am Ende machte ich den ersten Platz.“

Tipp 3: Holen Sie sich Feedback

Mit seinem Schul- und Studienfreund Hans Christian Schrader hat Jürgen Hesse neben den Dutzenden von Büchern auch eine eigene Firma gegründet. Die beiden sind wohl das, was man als Dream-Team bezeichnet. „Wir funktionieren hervorragend zusammen und ergänzen einander“, so der Experte. „Zugleich ist er mein ehrlichster Kritiker. Ohne ihn hätte ich mein Studium nicht geschafft und er sein Vordiplom nicht ohne mich.“

Es ist wichtig, Menschen zu haben, die einen bestärken, aber auch welche, die einen bremsen, wenn nötig. „Ich hatte diesbezüglich schon tolle Chefs, die mich gefördert und mit kritischen Fragen zum Nachdenken gebracht haben“, so Jürgen Hesse. „Es ist gerade in der Arbeitswelt unerlässlich, dass man sein Tun gespiegelt bekommt, und das möglichst direkt.“

Deshalb rät der Coach dazu, sich mit einer Handvoll Menschen zu umgeben, die einem zwar zugewandt, aber nicht unkritisch sind. „Das Reflektieren der eigenen Fähigkeiten und der Austausch darüber hilft, vorwärtszukommen. Ich selbst bin oft ungeduldig und wenig ausdauernd. Es hilft, wenn es Menschen gibt, die mich an der richtigen Stelle daran erinnern, mich bremsen oder motivieren.“

Tipp 4: Planen Sie nur schrittweise

Etwas, das Hesse wohl intuitiv richtig gemacht hat, ist, nicht die große Karriere zu planen. Als junger Mann hatte er tausend Ideen und Träume. Aber den Plan, Bestsellerautor und selbstständiger Karriere-Coach mit eigener Firma zu werden, den gab es nicht. Das ergab sich im Laufe der Jahre. Stattdessen macht er einen Schritt nach dem anderen, blieb offen für Nachjustierungen und Neuorientierungen.

„Wer gleich nach den Sternen greifen will, kann eigentlich nur scheitern“, so Jürgen Hesse. „Deshalb kann man zwar den Wunsch haben, eines Tages sein eigener Chef zu sein, doch der Weg dahin besteht aus tausend kleinen Schritten, auch Rückschritten, die nacheinander gemacht werden müssen. Wer vier Stufen auf einmal nehmen möchte, wird sehr wahrscheinlich stolpern.“

Die Grundfrage lautet: Wie kann ich den nächsten logischen Schritt gehen, ohne dabei eine Enttäuschung zu erleben? „Überlegen Sie also, was Sie tun können, um ein Stück voranzukommen. Was konkret könnte Ihr Beitrag sein? Mit welchen Eventualitäten müssen Sie rechnen? Welche Alternativen gibt es?“, gibt der Coach zu bedenken. „Passen Sie auf, dass Sie sich nicht in eine schwierige Situation bringen.“

So kann es zum Beispiel eine extreme Herausforderung sein, zwar endlich die ersehnte Beförderung zu bekommen, aber dann plötzlich eine große Personalverantwortung zu haben, ohne in diese Aufgabe hineingewachsen zu sein. Im Job muss man sich an vieles erst herantasten, sich ausprobieren. „Und da gehören auch Misserfolge dazu. Daraus lernt man. Und die echten Erfolge bestärken, lassen einen wachsen. Es braucht beides, um Karriere zu machen“, resümiert Jürgen Hesse.

Deshalb kann er es auch gelassen sehen, dass nicht jedes seiner Bücher ein Verkaufsschlager geworden ist. Was zählt, ist, es überhaupt versucht zu haben. Hätte ja klappen können. „Danach plane ich trotzdem das nächste Buch. Und das ist mein Naturell: So wie ich das Studium von Semester zu Semester absolviert habe, von Klausur zu Klausur, ohne lange an das große Diplom am Ende zu denken, so habe ich mir auch Stück für Stück die Selbstständigkeit aufgebaut. Der Erfolg kam nicht über Nacht, sondern ist das Ergebnis harter Arbeit.“

*Jürgen Hesse, Hans Christian Schrader: Mein Chef ist irre, Ihrer auch? Warum Psychopathen Führungskräfte werden und wie Sie das überleben, Econ-Verlag, 368 Seiten, circa 18 Euro.