Geistig und körperlich fit bis ins hohe Alter: Warum Gärtnern uns jung hält

Was kann ich tun, um alt zu werden und gesund zu bleiben? Ein Mediziner erklärt, was man essen und welchen Sport man treiben sollte und welche Hobbys guttun.

An der frischen Luft, verbunden mit Bewegung und Sozialkontakten: Gärtnern hält fit.
An der frischen Luft, verbunden mit Bewegung und Sozialkontakten: Gärtnern hält fit.imago stock&people

Wenn wir an sehr alte Menschen denken, haben wir Bilder von grauen Haaren und Rollatoren vor Augen, von Falten und vielleicht auch Krankheit. Wir fürchten uns vor der eigenen Gebrechlichkeit, dem Kontrollverlust und der Fremdbestimmtheit. Die Wahrheit ist jedoch: Das hohe Alter muss einen nicht ängstigen, wie aktuelle Studien belegen.

In verschiedenen Hundertjährigen-Studien wurde nachgewiesen, dass die Alten zunehmend selbstständig bleiben, also weniger häufig auf fremde Hilfe angewiesen sind, beispielsweise alleine essen können. Die absolute Mehrheit der 100-Jährigen – je nach Untersuchung 80 Prozent oder mehr – gab an, zufrieden mit ihrem Leben zu sein. Und: Die meisten von ihnen waren positiver gestimmt als Vergleichsgruppen zwischen 80 und 95 Jahren.

Wir werden also nicht nur immer älter, sondern auch immer glücklicher. Das läge vor allem daran, dass „ältere Menschen eher auf kognitive Strategien (setzen), mit denen sie ein Problem umbewerten. Sie konzentrieren sich nicht auf ihren Gesundheitszustand, sondern eher darauf, dass sie am Leben sind – und schätzen dies“, wird Prof. Daniela Jopp von der Universität Lausanne von der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) zitiert.

Aber es ist nicht nur die psychische Einstellung, die uns zufriedener altern lässt, sondern auch die Umstände, wie wir unser Leben führen. Tatsächlich kann man die richtigen Weichen stellen, um gesund alt zu werden. Das Tollste daran ist: Man ist nie zu alt, um damit zu beginnen, noch ein paar schöne Jahre mehr rauszuholen.

Wie wird man gut alt?

Um ein hohes Lebensalter zu erreichen und dabei möglichst fit zu sein, sollte man selbstverständlich normalgewichtig sein und Sport treiben, nicht rauchen und auch sonst keine Rauschmittel (im Übermaß) konsumieren. Alkohol ist Gift für den Körper – auch wenn er schmeckt, locker macht, Liebeskummer betäubt, in gewissen Situationen (vermeintlich) dazugehört.

Im Schnitt könne man sein „Leben um elf Jahre verlängern, wenn man nicht raucht und nicht übergewichtig ist“, so Prof. Dr. Rainer Wirth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie und Klinikdirektor für Altersmedizin am Marien-Hospital Herne (NRW). Wer regelmäßig Alkohol trinkt, kann schneller dick werden oder eine Fettleber entwickeln. Übergewicht begünstigt viele Folgeerkrankungen, die potenziell das Leben verkürzen können, etwa Bluthochdruck, Diabetes oder Gefäßverkalkungen.

„Viele Tipps, so wahr sie auch sein mögen, sind heutzutage fast schon Allgemeinplätze“, weiß auch Rainer Wirth. „Aber die Studienlage ist eindeutig, und das eben schon seit Jahrzehnten. Man hat relativ kongruent festgestellt, dass eben nur bestimmte Bevölkerungsgruppen sehr alt werden und dabei besonders fit bleiben.“

Das trifft beispielsweise auf Menschen zu, die auf Sardinien leben oder auf Okinawa, einer japanischen Inselgruppe. „Der bei uns sogenannte mediterrane Lebensstil hat maßgeblichen Einfluss aufs Altwerden“, sagt Wirth. „Das heißt: wenig rotes Fleisch, dafür aber viel Gemüse und ungesättigte Fettsäuren, die in Fischen enthalten sind.“

Unsere moderne Ernährungsweise sei zwar praktisch, so der Experte, aber eben nicht so gesund. Besonders die Fertiggerichte und fleischlastige Ernährung trügen dazu bei, dass es tendenziell gesundheitsschädlich ist.

Hinzu kommt, dass man festgestellt hat, dass jene Menschen, die sehr alt werden, in familiäre oder familienähnliche Strukturen eingebunden sind, dass sie bis ins hohe Alter Aufgaben hatten, sich nützlich und gebraucht fühlten. „Es scheint ein wichtiger Faktor zu sein, dass man altersgemäß bis ins hohe Alter etwas zu tun hat und voll ins Leben eingebunden ist, sodass man sich nicht einsam und nutzlos fühlt“, so der Facharzt für Innere Medizin, Geriatrie und Ernährungsmedizin. „Das A und O ist – neben der Ernährung – also die geistige und körperliche Aktivität.“

Fit bis ins hohe Alter!
Fit bis ins hohe Alter!Imago

Was muss ich tun, um alt zu werden und gesund zu bleiben?

Ein Aspekt, der im Zusammenhang mit dem Altern viel zu oft nicht mitgedacht wird, ist das Risikobewusstsein von Menschen. Frauen werden älter als Männer, das ist eine statistische Gewissheit. Das liegt aber nicht nur an einer prinzipiell gesünderen Lebensweise von Frauen, die gesünder essen und seltener rauchen, sondern auch an einer geringeren Risikobereitschaft.

„Man geht davon aus, dass Männer aufgrund ihres höheren Testosteronspiegels eher dazu neigen, riskantes Verhalten an den Tag zu legen“, so Prof. Dr. Rainer Wirth. Hierbei geht es jedoch nicht nur ums Rasen auf der kurvenreichen Landstraße, sondern auch um vermeintlich banale Gesundheitsprobleme, die ignoriert werden: „Wer beispielsweise schwerhörig ist und kein Hörgerät trägt, hat ein erhöhtes Risiko, an Demenz zu erkranken“, sagt der DGG-Präsident.

Was die Hörgeräte mit Demenz zu tun haben? Nun, es geht ums Verschleppen: „Wer sich um seine Gesundheit sorgt, Beschwerden und Probleme ernst nimmt, anstatt sie zu ignorieren, hat eben ein Risikobewusstsein, in dessen Rahmen man gut auf sich achtet und wahrscheinlich länger gesund bleibt und eben auch älter wird“, resümiert Wirth.

Ein Gehirn-Scan.
Ein Gehirn-Scan.Imago

Wie wichtig ist Sport, wenn man alt werden will?

Beweglichkeit ist wichtig, wenn man gesund alt werden möchte, sowohl die geistige als auch die körperliche. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt 150 Minuten körperliche Bewegung pro Woche. „Damit ist aber strammes Spazierengehen gemeint, sodass auch das Herz-Kreislauf-System gefordert wird“, so Wirth. „Ausdaueraktivitäten können bis ins hohe Alter betrieben werden und senken das Risiko für Gefäßverkalkungen.“

Zudem beugt regelmäßige körperliche Ertüchtigung dem Muskelabbau vor – und das schützt beispielsweise vor Stürzen, hilft aber natürlich auch dabei, selbstständig zu bleiben. Wer kräftig ist, braucht keine Unterstützung. „Man sollte auch beim Sport darauf achten, seinen Geist herauszufordern“, empfiehlt der Fachmann. „Die Kombination aus beidem ist ideal, um bis ins hohe Alter fit zu bleiben.“

Wandern beispielsweise ist eine optimale Bewegungsart, weil es nicht nur die Muskulatur fordert, sondern auch das Hirn trainiert: Wir müssen uns orientieren, anpassen, verschiedene Bodenuntergründe ausbalancieren, das Gleichgewicht halten. Beim Wandern machen wir vielfältige neue Erfahrungen, die unsere Sinne anregen und im Hirn für Bewegung sorgen.

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Beim Wandern machen wir vielfältige neue Erfahrungen.Volker Hohlfeld/Imago

Ebenso das Musizieren: Wer anfängt, ein neues Instrument zu lernen, tut sich im Sinne des guten Altwerdens einen riesigen Gefallen. „Das ist eine körperliche Herausforderung, aber eben auch eine für den Geist, weil viel Koordinationsfähigkeit gefragt ist. Natürlich ist das keine Lebensversicherung, aber tatsächlich werden viele Musizierende gut alt“, sagt Prof. Dr. Rainer Wirth.

Bleibt man durch Sudoku und Kreuzworträtsel geistig fit?

Einseitige Tätigkeiten sind nicht optimal. Sie können sich im Sportstudio aufs Laufband stellen, Ihre Beinmuskulatur trainieren und dabei den Kopf komplett ausschalten. Oder aber Sie puzzeln stundenlang, kniffeln Seiten voller Sudokus oder lösen jedes Kreuzworträtsel. „Natürlich sorgt das für eine gewisse Herausforderung, aber besonders bei Sudokus und Kreuzworträtseln setzt irgendwann ein gewisser Gewöhnungseffekt ein, sodass man routinierter zu den Lösungen kommt“, so der DGG-Präsident. „Und dann ist es eben für das Hirn eher langweilig, für die Muskulatur sowieso.“

Darum ist das Gärtnern so gut, wenn man alt werden möchte

Der Experte rät ganz klar: „Suchen Sie sich eine sinnvolle, komplexe Tätigkeit, die Sie kontinuierlich fordert und in den Alltag integriert werden kann.“ Gärtnern zum Beispiel. Man ist an der frischen Luft, bewegt sich auf unterschiedlichste Weise, muss ständig aufs Wetter und den Bedarf unterschiedlichster Pflanzen reagieren: Warum sind da plötzlich Flecken an den Blättern? Wie oft muss der Rasen gemäht, gegossen und gedüngt werden?

Gerade in Berlin wird viel in Schrebergärten gegärtnert, wo es ein Vereinsleben gibt, in das man integriert ist. „Soziale Kontakte sind ein wichtiger Baustein beim Altwerden“, weiß Wirth. „Wer einsam lebt, hat eine schlechtere Lebenserwartung. Es geht letztlich aber auch nicht um die absolute Zahl an Sozialkontakten, sondern um die Qualität.“

So können auch wenige Freundschaften, die dafür aber gepflegt werden, einen Beitrag leisten, alt zu werden und fit zu bleiben. Besonders Gärtnerinnen und Gärtner tauschen sich aus, plaudern am Gartenzaun.

Denken Sie über ein neues Hobby oder ein Ehrenamt nach

Falls Sie keinen Garten haben oder wollen, ist das aber nicht schlimm – schon gar nicht in Berlin, wo man mit den Enkelkindern zum Beispiel in ein tolles Museum gehen kann. „Wenn man offen ist und sich von den Jüngeren etwas erklären lässt, also etwas lernen möchte, ist das toll“, sagt der Fachmann.

Oder haben Sie Lust, tanzen zu lernen? Reiten? Rudern? Tun Sie’s, es ist sicher nie zu spät, damit zu beginnen und neue Talente zu entdecken. Sie können auch mit 55 Jahren anfangen, Sport zu treiben und zum Fitness-Junkie werden. „Wichtig ist, dass Sie Ihre Fähigkeiten dann immer weiter ausbauen, um Ihren Geist zu fordern“, empfiehlt Prof. Dr. Rainer Wirth.

Insbesondere ein Ehrenamt ist sinnstiftend und trägt dazu bei, sich gebraucht zu fühlen. „Anderen zu helfen, ist ein Mehrwert“, so der Experte. „Wer die Zeit hat, sich ehrenamtlich zu engagieren, sollte sich etwas suchen, das zu seinen Interessen passt.“ In Berlin gibt es unzählige Möglichkeiten, sich einzubringen, unter anderem gibt es in jedem Bezirk Freiwilligenagenturen. Aber vielleicht reicht es ja auch schon, wenn Sie mit dem Hund der berufstätigen Nachbarn tagsüber mal Gassi gehen?

Und was tut der Experte, um gesund alt zu werden?

Prof. Dr. Rainer Wirth: „Ich achte sehr darauf, mich mindestens 150 Minuten pro Woche zu bewegen, was mir nicht schwerfällt, weil ich mit unserem Hund rausgehe und ein bis zwei Mal pro Woche jogge. Darüber hinaus arbeite ich gern im Garten, was eine schöne Abwechslung zu meinem herausfordernden Beruf ist. Der lässt nämlich mein Gehirn niemals stillstehen.“

Der Ernährungsmediziner achtet selbstverständlich auch auf eine vernünftige Ernährung – „aber nicht sklavisch. Man muss gewisse Dinge halt nur in Maßen genießen. Ich bin dankbar, wenn ich Neues lernen kann, und habe eine wohlwollende und positive Grundhaltung.“