Ja ja, der Weg ist das Ziel. Sex kann auch ohne Orgasmus schön sein. Es geht um die Nähe, den Spaß an der Sache. Stimmt alles. Aber dennoch: So ein richtig ehrlicher Orgasmus ist einfach mal das Sahnehäubchen auf dem Dessert, die Ziellinie, der – man kann es tatsächlich nicht anders sagen – der einsame Höhepunkt. Leider ist er nicht jeder Frau vergönnt, was bei beiden Geschlechtern zu Frust führen kann, möglicherweise sogar zum Erlahmen des Sexlebens. „So weit muss es nicht kommen“, sagt Sexologin Jana Welch.

Grundsätzlich gilt: „Jede und jeder ist für ihren oder seinen Orgasmus selbst verantwortlich. Nicht mein Partner oder meine Partnerin ist dafür zuständig, sondern ich“, stellt die Hamburger Expertin klar. „Die meisten Menschen glauben, das Kommen hinge vom anderen ab. Das ist ein schnell gedachter Irrglaube.“

Problem: Erlernte Muster

Wir alle haben irgendwann gelernt, Sex zu haben. Dabei haben wir gute und schlechte Erfahrungen gemacht, haben erlebt, was uns gefällt und was nicht. Das hat Vor- und Nachteile, wie Jana Welch erklärt: „Wir steigern unsere Lust und Erregung meistens nach bestimmten erlernten Mustern, machen also das, was wir schon immer gemacht haben, weil wir wissen, dass es funktioniert. Wer beispielsweise ein ganz bestimmtes sehr enges Masturbationsverhalten hat und das auf den partnerschaftlichen Sex übertragen will, hat einen engen Spielraum und meist wenig Chancen zu kommen. Denn meist reagiert der andere Körper nicht so, wie man das eben von der eigenen Hand gewohnt ist.“

Vor allem Frauen würden die Verantwortung für ihren Orgasmus am liebsten an ihren Mann outsourcen, weil sie entweder nicht genau wissen, was sie brauchen und ihnen gefällt, oder es nicht sagen. Hinzu kommt: „Wer ausschließlich mit einem Vibrator masturbiert, kommt bestimmt schnell und zielorientiert ans Ziel, nimmt sich aber auch Chancen beim Sex zu zweit. Denn wie soll ein Penis denn da mithalten. Oder kennen Sie einen, der so vibrieren kann?“, so Jana Welch.

Darum lautet der Rat der Sexologin: Verändern und erweitern Sie Ihr Masturbationsverhalten. Werden Sie experimentierfreudiger. Finden Sie heraus, was Sie sonst noch antörnt. Der weibliche Körper hat so viele erogene Zonen, doch tatsächlich werden nur die allerwenigsten im Liebesspiel aktiviert. Viele Frauen „vergessen“ in ihrem Liebesspiel mit sich selbst, die Vagina mit einzubeziehen. Aber genau das ist der Platz, wo wir nun mal penetriert werden. Ist die Vagina noch nicht erotisiert, macht penetrativer Sex einfach weniger Spaß. Je öfter diese liebevoll bespielt wird, desto mehr wird sie empfinden können.

Ganz entscheidend für ein intensives Liebesspiel, sei die Fähigkeit der Präsenz, so Jana Welch: „Damit ist die Fähigkeit gemeint, im Hier und Jetzt zu sein. Zu fühlen, was ist und sich nicht vorzustellen, was bald sein könnte und wie man dahin kommt. Geben Sie sich doch mal einem Gedankenexperiment hin: Wir können kommen, aber wir müssen nicht. Wir genießen den Reiz, denken aber nicht weiter …“

Bloß nicht vortäuschen, Ladys

Frauen täuschen Orgasmen vor. Einfach weil sie es können und es auch oft bequemer ist. Denn dann ist die Sache, die wenig Freude macht, endlich vorbei. „Viele tun das, weil sie glauben, dadurch attraktiver zu wirken oder aber, weil sie Scham empfinden, nicht kommen zu können“, resümiert Jana Welch. „Zugleich wollen sie ihrem Partner das Gefühl geben, ein guter Liebhaber zu sein. Und das Problem dabei ist: Als Mann hast du keine Chance zu merken, ob deine Partnerin den Orgasmus nur vortäuscht. Es sei denn, der Mann hat die Eier, zu fragen. Immerhin, die gute Nachricht ist: Die Frau, die einen Orgasmus vortäuscht, trainiert ihren Körper auf diesen Höhepunkt.“

Für Männer ist es außerdem wichtig, zu wissen, dass viele Frauen unsicher in Bezug auf ihr Aussehen sind – das spiegelt sich auch in ihrem Liebesverhalten. Und damit sind nicht (nur) Busen, Beine, Bauch und Po gemeint, sondern vor allem das weibliche Geschlechtsteil: „Frauen haben anders als Männer selten die Möglichkeit, ihr Genital mit anderen zu vergleichen. Deshalb ist die Vorstellung, wie eine Vulva auszusehen hat, oft von Pornos geprägt. Dort werden meist kindlich aussehende Vulven gezeigt, die mit der Realität nichts zu tun haben. Frauen haben Vulvalippen, die gerne auch größer sind und hervorschauen“, erklärt die Sexologin, die Paare auch online berät.

Kann eine Frau durch Penetration kommen?

„Nur jede dritte Frau kommt beim klassischen Geschlechtsverkehr zum Orgasmus“, weiß Jana Welch. „Ob eine Frau beim Geschlechtsverkehr kommen kann oder nicht, ist reine Übungssache. Die eine hat es meist unbewusst in ihrer Masturbation geübt, die andere eben nicht.“ Allen Männern rät die Sexologin: „Sprechen Sie mit Ihrer Partnerin über ihre Masturbation und schauen Sie einfach mal zu, wenn Ihre Frau das auch möchte. Wenn Sie beispielsweise feststellen, dass sie den Finger nicht einführt, können Sie davon ausgehen, dass die klitorale Stimulation während des Sexaktes sehr wichtig sein könnte.“

Darüber hinaus ist die Technik wichtig – und anders, als sie in Pornos, aber auch in normalen Filmen gezeigt wird: „Männer sollten aufhören, einfach nur zuzustoßen, wenn sie möchten, dass ihre Frauen Spaß an der Penetration haben. Wir spüren beim Rein-raus-Hämmern nicht besonders viel – außerdem tut es uns am Muttermund weh. Besser ist es, wenn der Mann mit seinem Becken etwas kreist, also eher rührt als stößt“, sagt Jana Welch. Überhaupt darf man als Paar beim Sex in Bewegung bleiben, das Liebesspiel wie einen Tanz gestalten. Denn durch Bewegung, Atmung und Geräusche beim Sex kann sich die Erregung im ganzen Körper verteilen.

Gibt es den G-Punkt?

Nein, sagt Jana Welch. „Aber die G-Zone, ein leicht geriffelter Bereich im Innern der Vagina. Die kann man als Frau auch wunderbar alleine stimulieren und sich davon treiben lassen. Aber auch der Mann kann und darf diesen hochsensiblen Bereich spielerisch erkunden, liebevoll erforschen und ins Sexleben integrieren. Wenn Sie sich beide mit Spaß und und kindlicher Neugier ins Bett stürzen, ist das der beste Weg für ein erfülltes Liebesleben.“