Es gibt Kinder, die lernen es spät, und andere, die schon zeitig keine Lust mehr auf die Windel haben. Fakt ist aber: Das Thema Trockensein oder Trockenwerden beschäftigt alle Eltern – vor allem dann, wenn sie von anderen darauf angesprochen werden. Von Großeltern oder anderen gut meinenden Eltern. Das kann wahnsinnig nerven und verunsichernd sein. Man fragt sich: Stimmt irgendetwas nicht mit meinem Kind? Sollte ich es häufiger unten ohne laufen lassen? Ist Töpfchentraining vielleicht doch nicht das schlechteste?

„Man kann das Trockenwerden nicht trainieren. Es ist ein psychischer Entwicklungsprozess, der sich nicht beschleunigen lässt“, sagt Kindertherapeut Dr. Christian Lüdke. Natürlich kann man das Kind darauf trainieren, zu festen Zeiten aufs Töpfchen oder einen Toilettenthron zu gehen und dann sein Geschäft zu verrichten. „Das jedoch hat nichts mit dem eigentlichen Trockenwerden zu tun, sondern ist, wenn man es ganz böse formulieren möchte, eine Art Dressur.“

Wichtig für Eltern ist: Entspannt bleiben!

Normalerweise sind Kinder im Alter von vier Jahren tagsüber trocken – Ausreißer nach oben und unten sind aber auch nicht unnormal. „Pipiunfälle am Tage sind auch bis ins 6. Lebensjahr hinein kein Grund zur Sorge“, so der Experte. „Die Kinder sind dann teilweise so entspannt oder hoch konzentriert, dass sie nicht merken, dass die Blase sich entleert. Die Kontrolle über den Schließmuskel ist ein echter Meilenstein in der Entwicklung.“ Sollte Ihr Kind im letzten Kitajahr noch immer tagsüber eine Windel brauchen, sollten Sie ärztlichen Rat suchen – nicht zuletzt um zu vermeiden, dass Ihr Kind in der Schule gehänselt wird.

Wichtig für Eltern ist: Entspannt bleiben! Schimpfen Sie nicht, wenn Ihr Kind einpullert. Bleiben Sie ruhig, es ist doch wirklich kein Weltuntergang. Am besten, Sie thematisieren das gar nicht groß, sondern wischen den Fleck weg oder bitten Ihr Kind höflich, das zu übernehmen. „Und jetzt machen wir dich sauber, komm“, könnten Sie dann sagen. Ärgern Sie sich bitte nicht, denn Ihr Kind macht bestimmt nicht absichtlich in die Hosen. Falls doch, wird es dafür einen Grund geben – und es ist Ihre Aufgabe, das herauszufinden. Braucht Ihr Kind mehr Aufmerksamkeit? Ist es so wütend, dass es das auf diese Art zeigt? Beobachten Sie es, suchen Sie bestmöglich das Gespräch, fragen Sie das Kitapersonal.

„Dass es Probleme gibt, zeigt sich häufig auch beim nächtlichen Einnässen“, sagt Lüdke. „Grundsätzlich kann sich das nächtliche Trockenwerden noch bis zur Einschulung hinziehen. Sollte es auch im Alter ab neun Jahre und darüber hinaus auftreten, sollte man als Eltern sehr aufmerksam sein. Den Kindern, die deswegen zu mir in die Praxis kommen, sage ich immer: ‚Du weinst nach unten.‘ Das verstehen sie und sind erstmal erleichtert, weil sie vielfach das Gefühl haben, mit ihnen stimme etwas nicht.“

Oft führen belastende Dinge zum nächtlichen Einnässen

Ganz oft machen den Kindern nämlich Dinge zu schaffen, von denen wir Erwachsenen nichts ahnen: ein Umzug, Schulwechsel, der Wegzug von geliebten Menschen, Streit, ein neues Geschwisterchen. Aber natürlich können auch offensichtlich belastende Dinge wie der Verlust von Angehörigen oder dem Haustier beispielsweise dazu führen, dass das eigentlich trockene Kind nachts wieder einnässt. Auch hier sollten Sie Ihr Kind nicht zusätzlich verunsichern, indem Sie ihm Vorwürfe machen.

„Naheliegend ist, dass Ihr Kind seine Gefühle nicht zeigen kann, vielleicht sogar aus Angst oder Scham“, sagt Dr. Christian Lüdke. „Deshalb ist die erste und wichtigste Maßnahme: Seien Sie verständnisvoll und signalisieren Sie Ihrem Kind, dass es jederzeit und mit allem zu Ihnen kommen kann und sich vor nichts zu fürchten braucht.“ Das Kind sollte erfahren, dass man sich für seine Emotionen interessiert und nicht zu klein ist oder gar lächerlich. Jedes Gefühl darf sein und hat seinen Grund.

Das Problem: Kinder können ihre Empfindungen nicht oder nur schlecht in Worte fassen. Sie können mitunter nicht benennen, was sie genau beschäftigt. „Da müssen Eltern am Ball bleiben und benennen, etwa indem sie fragen ‚Bist du traurig? Fühlst du dich manchmal einsam?‘ So kann man herausfinden, was das Kind beschäftigt und gibt dem damit zusammenhängenden Gefühl einen Namen. Beides ist wichtig“, so der Kindertherapeut.

Nach den Pipi-Unfällen – egal, ob tags oder nachts – sollten Sie Ihr Kind positiv bestärken: „Macht nichts, beim nächsten Mal klappt’s bestimmt besser!“ Wenn sich das Einnässen nach drei Monaten nicht gibt, sollten Sie das Gespräch mit einem Kinderarzt oder der Kinderärztin suchen, um etwaige körperliche Ursachen zunächst ausschließen zu lassen.

Wenn Sie den Verdacht haben, dass das nächtliche Einnässen psychische Ursachen hat, könnten Sie sich auch mit thematisch passenden Geschichten der Sache nähern: Lesen Sie ein Buch vor, in dem es entweder ums Einpullern geht oder aber um jene Sorgen und Nöte, die Sie bei Ihrem Kind vermuten, beispielsweise ein Kinderbuch, wo es um den Tod der lieben Oma geht. Ihr Kind merkt, dass es nicht allein ist, und hat so einen Anknüpfungspunkt, um darüber zu sprechen. Hören Sie dann gut zu und stellen Sie Nachfragen. Und vergessen Sie nicht, Ihrem Kind zu versprechen, dass alles wieder gut wird, dass es nur manchmal ein kleines Weilchen dauert.