Gluten: Habe ich eine Unverträglichkeit? Wird man die Intoleranz wieder los?

Zöliakie, Weizenintoleranz, Glutenunverträglichkeit. Was ist das? Woran merke ich, dass ich es habe? Und was tut man gegen Beschwerden? Eine Expertin klärt auf.

Wer eine Glutenunverträglichkeit hat, muss nicht nur auf Mehl verzichten, sondern auch Küchengeräte austauschen.
Wer eine Glutenunverträglichkeit hat, muss nicht nur auf Mehl verzichten, sondern auch Küchengeräte austauschen.dpa/Annette Riedl

Die Glutenunverträglichkeit ist heutzutage ein sehr präsentes Phänomen: kein Supermarkt, keine Drogerie ohne Spezialprodukte. Die einen bespötteln das als Lifestyle-Gehabe, andere kaufen aus Vorsicht glutenfreie Nahrungsmittel – und kaum einer weiß so recht, was es wirklich bedeutet, Gluten nicht zu vertragen.

„Früher hatten wir so was auch nicht“, heißt es oft. Dass das so nicht stimmt, weiß die Oecotrophologin Tamara Wittenburg von Free From Hero, einer Plattform, die zu Lebensmittelunverträglichkeiten aufklärt, berät und unterstützt. „Weil die Beschwerden in der Regel uneindeutig sind, vermutet man häufig zunächst andere Ursachen. Aber anhaltende Verdauungsstörungen gibt es schon lange, nur konnte man sie früher vielleicht nicht so diagnostizieren wie heute, weshalb die Leute einfach damit lebten, dass sie ständig Symptome wie Bauchkrämpfe oder Verstopfungen hatten“, sagt die Expertin.

Nach Aussagen der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft (DZG) leidet etwa ein Prozent der Deutschen an der Glutenunverträglichkeit Zöliakie. „Allerdings ist die Dunkelziffer der nicht erkannten Zöliakie-Fälle sehr hoch und dürfte zwischen 80 und 90 Prozent liegen“, teilt der Verein mit. Zudem würden die meisten Betroffenen nichts von ihrer Erkrankung wissen, weil sie keine schlimmen Symptome hätten. Allerdings können bei einer sogenannten stillen Zöliakie auch ohne Diagnose und Behandlung langfristige gesundheitliche Folgen und Schäden auftreten.

Was ist Glutenunverträglichkeit?

Grob gesagt gibt es drei verschiedene Formen der Glutenunverträglichkeit: erstens die Zöliakie, zweitens die Weizenallergie und drittens die Nicht-Zöliakie-Weizen-Sensitivität. Die Zöliakie ist wohl die bekannteste Form und geht oft einher mit häufigem Bauchgrummeln und Durchfall, aber auch Nerven- und Kopfschmerzen sind nicht unüblich. „Oftmals fühlen Betroffene sich auch chronisch erschöpft, weil sie einen Nährstoffmangel entwickelt haben“, sagt die Oecotrophologin.

Das wiederum liegt daran, dass die Dünndarmzotten, die für die Resorption der Nährstoffe zuständig sind, durch eine Autoimmunreaktion angegriffen sind, teilweise sogar zerstört. „Die können dann schlicht nichts mehr aufnehmen“, weiß die Expertin.

Die Zöliakie ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise auf das Gluten reagiert und eigentlich harmlose körperliche Vorgänge torpediert. „Wie es dazu kommt, ist zum Teil noch unklar“, sagt Tamara Wittenburg. „Als gesichert gilt, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen. Etwa ein Drittel aller Menschen hat eine entsprechende Veranlagung, aber bei nur zwei Prozent von denen bricht die Krankheit tatsächlich aus.

Bei der Weizenallergie „ist der Verursacher nicht das Gluten, sondern andere Eiweiße, die im Weizen vorkommen“, so Tamara Wittenburg. „Und es ist auch keine Autoimmunerkrankung, sondern eine Allergie. Das heißt, dass eigentlich harmlose Stoffe vom Körper als gefährlich erkannt werden, in diesem Fall die Proteine des Weizens.“ Der Körper beurteilt diese als fremd und leitet eine Immunreaktion ein.

Die Symptome einer Weizenallergie reichen von Ausschlägen und Schwellungen im Mund-Rachen-Bereich bis hin zu Atemnot und, im schlimmsten Fall, einem anaphylaktischen Schock – dann besteht Lebensgefahr. „Auftreten kann die Weizenallergie zu jedem Zeitpunkt im Laufe eines Lebens, meistens jedoch bereits in der Kindheit“, sagt Tamara Wittenburg. „Jedoch können sich Nahrungsmittelallergien auch wieder zurückbilden.“

Übrigens: Die Symptome einer Weizenallergie treten meist unmittelbar auf, also direkt nach dem Essen, wohingegen sich die Zöliakie erst nach und nach bemerkbar machen kann, sich über Monate entwickelt, eher schleichend schlimmer wird. Es können Jahre vergehen, bis Symptome überhaupt auftreten oder bemerkt werden.

Wie es zu einer Nicht-Zöliakie-Weizen-Sensitivität kommt, sei für die Wissenschaft bislang „ein großes Rätsel“, sagt die Expertin. „Man hat die Symptome wie bei einer Zöliakie, aber eben nicht die speziellen Antikörper und nicht die charakteristischen Dünndarmveränderungen.“ Es sei auch nicht klar, ob die Sensitivität tatsächlich mit dem Gluten zusammenhängt, oder welche anderen Faktoren eine entscheidende Rolle spielen.

Wie wird Zöliakie diagnostiziert? Wann geht es mir besser?

Um Verstopfungen, Blähbauch, Übelkeit und all die anderen Beschwerden – die Zöliakie ist ja nicht nur ein reines Verdauungsproblem – loszuwerden, muss man die Ursachen, sprich: alle glutenhaltigen Getreidesorten und daraus oder damit hergestellten Lebensmittel, vom Speiseplan streichen. Und das klingt leichter, als es ist.

„Allerdings muss man ganz dringend davon abraten, einfach auf Verdacht bestimmte Lebensmittelgruppen wegzulassen“, warnt Tamara Wittenburg. „An erster Stelle muss zwingend eine ärztliche Diagnose gestellt werden. Das heißt: Bei dauerhaftem Problem sollte man zum Hausarzt oder zur Hausärztin gehen, um sich ordentlich untersuchen zu lassen.“ Diese sind jedoch die erste Anlaufstelle. Sie können auch direkt zu einem Gastroenterologen oder einer Gastroenterologin gehen.

Meistens sind das Blutuntersuchungen sowie eine ausführliche Befragung zu Häufigkeit, Dauer, Zeitpunkt und Art der Beschwerden, ebenso wird nach der familiären Krankheitsgeschichte gefragt. Bei Verdacht auf Zöliakie muss zwingend eine Dünndarmbiopsie angefertigt werden: „Die wird im Rahmen einer Magenspiegelung durchgeführt, und dann werden an sechs verschiedenen Stellen Proben entnommen. So wird überprüft, ob es an der Schleimhaut Veränderungen gibt“, so die Fachfrau.

Sodann kann die Therapie starten. „Diese sollte im Idealfall durch eine Ernährungsfachkraft betreut werden, damit Sie keinen Nährstoffmangel aufbauen“, rät die Oecotrophologin. „Denn man muss seinen Lebensstil stark umstellen, weil es keine Medikamente gegen die Unverträglichkeit gibt.“

Wie ernährt man sich glutenfrei?

Bei einer Allergie oder einer Intoleranz reicht es nicht, alle gluten- beziehungsweise weizenhaltigen Produkte (Brot, Nudeln, Bier, Couscous) wegzulassen. „Man muss auch im Alltag darauf achten, dass die glutenfreien Produkte nicht kontaminiert sind“, warnt Tamara Wittenburg. „Das fängt beispielsweise beim Toaster an: Wenn Sie Ihr glutenfreies Toast hineinstecken und zuvor aber normales Toastbrot drinnen war, besteht die Gefahr, dass an Ihrem Toast Gluten anhaftet.“

Insofern ist eine gluten- oder weizenfreie Ernährung nicht nur eine Essens-, sondern auch eine Lebensumstellung. „Das kann man kaum alleine stemmen, weil es so viel zu bedenken gilt“, findet Tamara Wittenburg und hat ein weiteres Beispiel parat: Mixer. „Wenn Sie einen Teig mit dem Handrührgerät kneten, gelangt immer Mehlstaub ins Mahlwerk. Und es rieselt auch wieder runter. Für Menschen mit einer Unverträglichkeit kann das verheerend sein.“

Deshalb sollte man als Erstes seinen Haushalt systematisch durchgehen: Sortieren Sie alle Lebensmittel aus, von denen Sie wissen, dass sie glutenhaltig sind. Auch Sandwichmaker, Brotbackautomaten und andere Geräte sollten Sie entweder sehr gut reinigen oder nur für sich neu kaufen.

Beim Einkauf müssen Sie künftig die Zutatenlisten lesen, sofern nicht explizit auf der Verpackung steht, dass es glutenfrei ist. Auch Produkten, die eigentlich kein Weizen enthalten, kann Gluten beigemischt sein. „Wie man solche Listen liest und worauf man achten soll, lernt man mit der Zeit“, weiß Tamara Wittenburg. Allerdings bietet Free From Hero auch entsprechende Hilfen an sowie ein jährlich stattfindendes Festival.

„Die Ernährungs- und Lebensumstellung ist nicht einfach und klappt nicht von heute auf morgen. Das Ganze ist ein Lernprozess, der aber einfacher wird, wenn man nicht alleine ist“, so die Expertin. „Derzeit ist das tatsächlich die einzige wirksame Therapie.“

Wie lange dauert es, bis es mir besser geht?

Je nachdem wie ausgeprägt Ihr Beschwerdebild ist und wie streng Sie sich an die Umstellung halten, kann es schon nach zwei Wochen zu einer spürbaren Besserung kommen. „Allerdings müssen Sie für immer am Ball bleiben, bis zum Ende Ihres Lebens, weil der Dünndarm geschädigt wird, wenn Sie sich nicht an Ihre Diät halten“, warnt Tamara Wittenburg. „Darüber hinaus sollten Sie die Zutatenlisten stets im Auge behalten, weil manchmal die Produktzusammensetzungen geändert werden.“

Anfangs müssen auch regelmäßig die Blutwerte kontrolliert werden; bis sich die Antikörperwerte normalisiert haben, kann bis zu einem Jahr vergehen. Danach reicht eine jährliche Kontrolle. Der Dünndarm kann und wird mit der Zeit heilen – allerdings dauert auch das ziemlich lange. Werden Sie nicht ungeduldig, auch wenn die Beschwerden zunächst anhalten.

„Sofern die glutenfreie Ernährung strikt eingehalten wird, wird es besser, versprochen“, sagt Tamara Wittenburg. „Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe selbst Zöliakie. Und mittlerweile lebe ich sehr gut damit. Im Alltag vergesse ich sie sogar oft und empfinde die Erkrankung nicht mehr als hinderlich.“