Anklam - Was Albrecht von Hagen für ein Mensch ist, erkennt rasch, wer mit ihm in seine Scheune geht. „Meine Kathedrale“, nennt er sie, und so hoch und breit ist sie tatsächlich. Nur: Das Dach ist löcherig, durch die Holztore pfeift der Wind, man geht auf festgestampfter Erde, es ist kalt und duster. Aber von Hagen sah diese Scheune, das war vor sechs, sieben Jahren, und im selben Moment sah er sich darin wohnen. Ein Traumhaus mit kathedralhoher Decke. Es hat am Ende nicht geklappt; die Wände waren feucht, nichts zu machen, sagte der Architekt. Aber Albrecht von Hagen sieht eben immer zuerst die Chancen, nicht die Schwierigkeiten. Und sei es in einer verfallenden Scheune in einem winzigen Dorf.

Er ist trotzdem aus Bonn nach Japenzin gezogen, ein 200-Einwohner-Ort in der vorpommerschen Leere. Nicht in die Scheune, sondern in das Bauernhaus nebenan. Auch das war ziemlich baufällig, heute ist es dem Wohntraum nahe. Fachwerkbalken durchziehen das große Wohnzimmer. Hinter dem Haus erstrecken sich Wiesen bis an den Horizont. Japenzin ist ein Idyll im Nirgendwo, wie so viele kleine Dörfer der Gegend. Albrecht von Hagen, 81 Jahre alt, Vater einer vierjährigen Tochter, findet, dass noch viel mehr Leute in seinem Alter und ein wenig jünger hierher ziehen sollten. Aus Berlin, aus Hannover, aus Köln, aus den Ballungszentren der Republik. Für alle, Dörfler und Städter, wäre das nur positiv, da ist er sicher. Als Erste will er die Berliner überzeugen.

Vorpommern leert sich, das Bundesland, dessen östlicher Teil es ist, hat seit 1990 mehr als 300.000 Einwohner verloren. 1,65 Millionen Menschen leben hier heute noch. Besonders hart trifft die Abwanderung die Mitte und den Osten. Japenzin etwa war vor dem Zweiten Weltkrieg fast doppelt so groß wie heute. Aber selbst wer nicht weg wollte, musste irgendwann nach 1990 gehen. Arbeit war kaum zu finden. So schrumpften die Dörfer, die Straßenlöcher wurden tiefer, die Einkaufswege länger. Von Hagen will das nicht hinnehmen. „Statt der Einbahnstraße aus den Dörfern in die Ballungsgebiete nur zuzusehen, sollten wir versuchen, eine Ausfallstraße aus Berlin zu uns aufzubauen“, tippte er in seinen Computer. Für die Jungen, die das Land Richtung Stadt verlassen, sollen die Alten die Stadt Richtung Land verlassen, das ist seine Idee. Er nennt sie „Generationenkarussell“ und listet ihre Vorteile in zehn Punkten auf.

Billiger Wohnraum, gesunde Luft

Auf dem Land fänden die Alten billigen Wohnraum, gesunde Luft, die Freiheit auf der eigenen Scholle. In der Stadt würden so Wohnungen frei, die Jüngeren dürften auf billigere Mieten hoffen. Auf dem Land würden die Alten die Häuser sanieren; das Mehr an Menschen würde die „Obrigkeit“ – so nennt von Hagen Kommunal- und Landespolitiker – dazu zwingen, die Straßen zu flicken, mehr Radwege zu bauen, die Substanz zu erneuern. Bislang vernachlässigten sie das sträflich – und nicht zufällig, ist von Hagen überzeugt. Der Ministerpräsident in Schwerin, ein Sozialdemokrat, vermute auf den Dörfern eben nicht seine Wähler. Was von Hagen angeht, hat er damit recht.

Junge Alte aus Marzahn, Neukölln oder Wedding aufs Land zu locken, sollte ein Leichtes sein, davon ist er überzeugt. Sein stärkstes Argument heißt „Das schwarze Loch“ – die Frage „Was nun?“, vor der jeder stehe, der von der Arbeitswelt in den Ruhestand geht. „Das ‚Was nun?‘ wird sehr häufig beantwortet werden mit: ‚Ich weiß nicht.‘ Und: ‚Wofür bin ich eigentlich noch gut und was bin ich eigentlich noch wert?‘“ Genau das soll dem Generationenkarussell Anschub geben. Denn wenn es nach von Hagen geht, heißt die Antwort auf beide Fragen: Raus aufs Land. „Wer aus mehrstöckigen Wohnungen heraus umziehen würde in ebenerdige mit Gärtchen, hat allein damit schon etwas zu tun, ob er will oder nicht.“ Aus der Langeweile leerer Tage wird Arbeit in Haus und Garten. Nachbarn ersetzen Kollegen, der Plausch am Zaun die Dienstbesprechung. „Man kriegt hier was zu tun und ist wieder was wert“, so sieht es von Hagen. Irgendwann kämen sicherlich die Jungen nach.