Frau Reim, warum beschäftigen Sie einen Mörder?Wer soll das sein?Eine Boulevardzeitung schrieb, Ihr Fernsehdirektor Gabriel Heim will den Sandmann töten. Soweit ich weiß, ist Herr Heim ein unbescholtener Bürger. Und Todesfälle werden mir sofort angezeigt. Muss der Sandmann sterben?Es ist noch keine Entscheidung gefallen. Er überlebt aber in jedem Fall: im Kinderkanal. Wir entwickeln ein neues Fernsehprogramm. Ein großes Projekt. Alles steht auf dem Prüfstand. Es gibt zwei Ausnahmen, das sind die Regionalmagazine "Brandenburg aktuell" und "Abendschau". Wussten Sie, dass der durchschnittliche Zuschauer in Brandenburg 64 Jahre alt ist und der in Berlin 58? Da ist es heuchlerisch zu behaupten, wir seien kinderfeindlich. Was hat Sie am meisten überrascht, seit Sie nach Berlin gekommen sind?Überrascht hat mich, dass mir viele Menschen die Entfernung zwischen Berlin-Charlottenburg und Potsdam-Babelsberg sehr viel größer dargestellt haben als sie in der Realität ist. Wenn wir keinen Stau auf der Avus haben, brauche ich 16 Minuten. Aus Berichten, die ich in den ersten Tagen entgegengenommen habe, kam es mir vor, als müsste man bei Nowosibirsk links abbiegen. Positiv überrascht haben mich viele Zeichen der Sympathie und des Aufbruchwillens von Mitarbeitern.Muss man in Berlin und Brandenburg andere Programme machen als anderswo?Es wohnt jedem Anfang ein Zauber inne, sagt Hermann Hesse, und das gilt hier im besonderen Maße. Der SFB war ein traditionsreicher, 50 Jahre alter Sender. Der ORB war ein junger Sender, der zwölf Jahre alt geworden ist. Diese Erfahrungen zu verbinden finde ich spannend. Unsere Untersuchungen zeigen aber, dass sich die Erwartungen des Publikums in Berlin und Brandenburg nicht grundlegend unterscheiden. In Ostdeutschland werden aber vor allem Privatsender gesehen.Das Erste Programm hat im Osten ein Problem, das ZDF ein viel größeres. Das stimmt. Aber man sieht dafür sehr stark die Dritten Programme der ARD. Der MDR ist das beliebteste Dritte Programm. Viele sagen, das ist so eine verlängerte Ostalgie-Show. Ist das eine Konkurrenz für Sie?Nein. Jeder muss seinen Weg finden. Sie werden bei uns im RBB keine Ostalgie-Show finden.Weil Sie das grundsätzlich ablehnen?Ich habe damit ein Problem, weil gerade in einem Sender wie unserem Menschen tätig sind, die einen sehr, sehr ernsthaften Blick zurückwerfen, weil sie in einer Zeit und in einer Republik gelebt haben, in der sie unter dem System gelitten haben. Ich würde mich sehr unwohl dabei fühlen, diese Leute zu bitten, eine Show mit rosa Soße herzustellen. Haben Sie im Haus schon alle Schlangengruben und Intrigen kennen gelernt, die früher sprichwörtlich waren?Die Arbeit an der Spitze eines Unternehmens hat einen Vorteil: Latrinen-, Flur- und Kantinengerüchte erreichen den, der da oben sitzt, als Allerletzten. Ich bin fest entschlossen, dies für einen Vorteil zu halten. Wie oft sind Sie in Berlin und wie oft in Babelsberg?Ich versuche meine Zeit möglichst gleichmäßig aufzuteilen. Wir haben die innere Einheit des RBB geschafft, wenn keiner mehr mit der Stechuhr misst, wann ich wo bin. Welche Unterschiede bei den Belegschaften haben Sie ausgemacht?Ich kann die Unterschiede nicht wirklich erkennen. Wir hatten schon vor der Fusion mehrere kooperierte Programme, Radio Eins, Inforadio, Fritz, Radiokultur. Wenn ich diese Kollegen besuche, weiß ich nie, wer woher kommt. Eines unserer Ziele ist, dass wir die Teams möglichst schnell mischen. Die Gehälter sind aber noch nicht angeglichen?Wir haben unterschiedliche Gehälter, wir haben unterschiedliche Urlaubszeiten, wir haben unterschiedliche Arbeitszeiten. Wenn es nach mir ginge, würde ich sagen, alles sofort auf das höhere SFB-Niveau. Da das Geld aber nicht auf den Bäumen wächst, kann ich das nicht machen. Wir müssen stufenweise angleichen. Nach nur vier Monaten Amtszeit haben Sie das Thema Stasi auf dem Tisch. Haben Sie damit gerechnet?Ich hatte gehofft, dass es uns im Jahr 14 der deutschen Einheit nicht mehr unmittelbar tangieren würde. Das war ein Irrtum. Nehmen Sie die aktuelle Rosenholz-Datei. In dem Moment, wo etwas auf dem Tisch ist, müssen sie sich dazu verhalten können. Wir müssen deshalb klären, wie wir damit im RBB umgehen wollen.Und wie wollen Sie es machen?Ich habe mit den Vorsitzenden von Rundfunkrat und Verwaltungsrat darüber gesprochen. In der Sitzung des Rundfunkrats am Montag will ich einen Vorschlag machen. Deswegen kann ich es nicht am Samstag in der Berliner Zeitung veröffentlichen.Antenne Brandenburg hat Lutz Bertram wieder beschäftigt. Sie haben weitere Auftritte untersagt. Warum?Die Entscheidung des Chefredakteurs von Antenne Brandenburg war falsch, weil sie nicht abgesprochen war. Im ORB gab es eine Entscheidung des Intendanten. Sie gilt.Können Sie die Aufregung der Belegschaft nach Ihrer Ankündigung verstehen, auch die West-Mitarbeiter auf Stasi-Kontakte prüfen zu lassen?Es gibt keine Aufregung der Belegschaft. Ich habe mit Kolleginnen und Kollegen gesprochen, die mir gesagt haben, wir bedauern es sehr und finden es illoyal, dass immer wieder dieselben Mitarbeiter nach draußen gehen und behaupten, die Belegschaft sei empört. Die Vorsitzenden der Personalräte haben leider eine Einladung zum Gespräch nicht angenommen. Gemeinsam mit den Vorsitzenden von Rundfunkrat und Verwaltungsrat sollte das Vorgehen beraten werden. Das Gespräch sollte am Donnerstag stattfinden. Warum die Absage?Die Personalräte sagen, sie seien nicht hinreichend informiert worden. Aber das Gespräch diente doch gerade der Information. Und dann sagen Sie, Sie hätten keine Schlangengrube bemerkt .Das ist keine. Man müsste die Kollegen lediglich fragen, warum sie das denn so schrecklich fänden, wenn es eine Überprüfung gäbe.Kommen wir zum Fernsehprogramm. Sie haben Grundzüge veröffentlicht. Können Sie konkreter werden? Welche Sendungen fallen weg?Das kann ich noch nicht sagen. Wir arbeiten mit Hochdruck, und irgendwann kommt der Moment der Wahrheit. Aber ich bin sicher, das Publikum wird nicht verlieren, sondern gewinnen. Es gibt mehr Eigenproduktionen und zahlreiche neue Angebote.Wird es den Scheibenwischer nach dem Ausscheiden von Dieter Hildebrandt weiter geben?Wir wollen dem Ersten einen Nachfolger des Scheibenwischers auch mit neuen und anderen Kabarettfarben anbieten.Wie modern kann das neue RBB-Programm werden mit den zur Verfügung stehenden Mitteln?Unsere Zuschauer sind nicht 17. Wenn man jung ist, sieht man ProSieben und RTL 2. Und wenn die Tage schattiger werden, kommt man zu ARD und ZDF. Modern muss man ja nicht mit Jugendlichkeit gleichsetzen.Richtig. Modern ist auch so etwas wie das Schwarzwaldhaus. Auf solche genialen Ideen unserer Programmmacher hoffe ich. Der finanzielle Rahmen ist eng. Aber: auch Arme dürfen gute Ideen haben.Sie wollen dem Rundfunkrat ein Konzept für das neue Kulturradio vorstellen, das am 1. Dezember startet. Es gibt Aufregung unter den Mitarbeitern, denen das Konzept nicht gefällt.Das bisherige Berliner Kulturradio von SFB und ORB hat ein Problem: keine Zuhörer. Es hat auf der einen Seite des Flusses 0,7 und auf der anderen 0,8 Prozent Marktanteil. Das ist tief in der Fehlermarge der Messung, die beim Radio zwei Prozent beträgt. Es könnte im schlimmsten Fall also sein, dass außer dem Moderator, seiner Gattin und deren Friseur keiner zuhört. Das ist Anlass genug, etwas Anderes zu versuchen.Was?Ein spannendes, kontroverses, intellektuell funkelndes Kulturradio, das in diese Hörlandschaft des 21. Jahrhunderts passt. Für einige Lobbyisten droht jetzt allerdings der Untergang des Abendlandes.Enttäuscht Sie das?Nein, ich kenne das ja. Ich habe in meinem Leben schon viele konservative Menschen kennen gelernt. Ein Kulturprogramm ist teuer. Das bedeutet nicht, dass wir es auf den Quotenstrich schicken. Das ist ein Angebot für kleine Minderheiten. Aber in dieser sehr kleinen Minderheit muss das Angebot eine Rolle spielen. Seit ich in dieser Region lebe, frage ich meine Gesprächspartner, ob sie unser Kulturradio kennen. Die Antworten sind erschütternd.Bei der Zusammenlegung der Programme wird auch Personal freigesetzt. Wie wollen Sie da vorgehen?Wir werden sehen, wie viele Mitarbeiter wir brauchen und was wir uns leisten können. Wir sind jetzt bei 1 750. Ich möchte betriebsbedingte Kündigungen vermeiden.Und nicht jeder Freie wird weiterbeschäftigt werden?Nein, nicht jeder. Täuscht es, dass Berlin von dieser Fusion bisher noch relativ unbeeindruckt geblieben ist?Jetzt muss ich eine Gegenfrage stellen: Was nimmt Berlin wirklich zur Kenntnis?Nichts.Gut. Dann sehen wir es lieber so, dass die Fusion geräuschlos vonstatten geht. Wann, glauben Sie, wird die Fusion abgeschlossen sein?In der Sache selbst werden wir schnell vorankommen. Für die innere Einheit indes braucht es Zeit. Ist das eine Lebensaufgabe?Machen Sie mich nicht fertig! Es ist schon schlimm genug, dass wir bis 67 arbeiten sollen. Das Gespräch führte Ralph Kotsch.Senderchefin im zweiten Anlauf // Dagmar Reim (Jahrgang 51) studierte Geschichte, Germanistik und Publizistik. 1975 ging sie zum Bayerischen Rundfunk, danach zum WDR, später zum NDR, wo sie Pressesprecherin, Chefredakteurin des Hörfunks und Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Hamburg war.Nachdem sie sich 2001 erfolglos als Intendantin des ZDF beworben hatte, wurde sie im März 2003 zur Intendantin des RBB gewählt, der aus SFB und ORB entstand. Am 1. Mai trat sie ihr Amt an.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN (2) Dagmar Reim soll aus zwei Sendern einen zu machen. Bei ihren Mitarbeitern hat sie überwiegend Aufbruchswillen festgestellt.