Überall in der Stadt beginnen zurzeit Kastanien zu blühen. Und das mitten im September. Nicht wegen des sommerlichen Wetters reagieren die Bäume so, sondern weil sie von Millionen Motten befallen sind. Experten sprechen von einer "Notreaktion", mit der die Kastanien überleben wollen. Sie halten das jedoch für aussichtslos. Sie erwarten, dass viele der etwa 60 000 Kastanien der Stadt in den kommenden Jahren wegen des Schädlingsbefalls absterben werden.Rund um den U-Bahnhof Dahlem Dorf in Zehlendorf sieht es auf den ersten Blick aus wie im April: Alle Kastanien tragen weiße Kerzen. Aber daneben hängen auch braune, verschrumpelte Blätter - Blätter, die die Pflanze nicht mehr ernähren können. "Die Bäume produzieren eine Notblüte, wenn ihnen etwas wirklich Schlimmes passiert", sagt Hartmut Balder vom Pflanzenschutzamt. Weil die Mottenlarven die Blätter aufgefressen hätten, versuchten die Bäume eine zweite Vegetationsperiode nachzuschieben. Um zu überleben und weiter Fotosynthese betreiben zu können, würden nun die Knospen, die der Baum für das kommende Frühjahr bereitgehalten hatte, zum Aufblühen gebracht. "Aber das kostet wahnsinnig viel Energie, und die fehlt dem Baum im Frühjahr. Er wird mit jedem Jahr schwächer und anfälliger für Schädlinge", sagt Balder.An dritter StelleDie Kastanie steht in der Rangliste der Berliner Bäume an dritter Stelle. Nur Linden und Ahornbäume gibt es noch zahlreicher in der Stadt. Bisher. Wenn eintritt, was Hartmut Balder befürchtet, wird es bald kaum noch Kastanien geben. "Wir beobachten den Mottenbefall jetzt das vierte Jahr. Jedes Jahr wird es schlimmer. In diesem Jahr erleben wir einen ersten Höhepunkt. Aber es wird noch viel schlimmer werden. Wenn wir kein Mittel finden, werden bald die ersten Bäume eingehen." Vielleicht noch nicht nächstes Jahr, aber in fünf Jahren bestimmt.Die Bedrohung der Kastanien durch die gefräßigen Kastanienminiermotten wird von Fachgremien in Senatsverwaltungen seit Wochen diskutiert. Bisher konnte kein Patentrezept dagegen gefunden werden. Der Schädlingsbefall wurde dokumentiert. Vor- und Nachteile von Mitteln gegen die Motte werden mit Wissenschaftlern diskutiert, Erfahrungen aus anderen Regionen eingeholt. Bereits seit 1984 beobachtet man die Motte im ehemaligen Jugoslawien. Etwas später tauchte sie in Österreich und Bayern auf. Auf Grund der Erfahrungen dort wisse man, dass die Bäume den Befall nicht ewig aushalten. In Berlin ist der Kleinschmetterling, der seine Eier auf der Oberseite von Kastanienblättern ablegt, seit 1998 bekannt. In diesem Jahr ist der Bestand erstmals flächendeckend geschädigt. Zurzeit bereitet das Pflanzenschutzamt eine Aktion vor, mit der der Schädlingsbefall im kommenden Jahr eingedämmt werden soll. Vor vier Jahren hatte die Behörde schon einmal sämtliches Kastanienlaub von Straßen und aus Privatgärten einsammeln und vernichten lassen. Denn ein Teil der Motten bleibt im Herbst im Puppenstadium auf den Blättern zurück und fällt mit dem Laub zu Boden. Im nächsten Frühjahr schlüpft daraus die neue Mottengeneration.Auch diesmal wird es wohl auf eine ähnliche Sammelaktion hinauslaufen. Denn Insektizide können erst wieder im Frühjahr sinnvoll gegen die Motten eingesetzt werden. Natürliche Feinde stehen nicht zur Verfügung. Das Verbrennen von Laub ist in Berlin nicht erlaubt. An wirksamen und umweltfreundlichen Bekämpfungsmöglichkeiten wird national und international gearbeitet. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung empfiehlt Grundstücksbesitzern, in deren Gärten Kastanien stehen, das Laub unter einer mindestens zehn Zentimeter dicken Schicht aus Erde oder Rasenschnitt zu kompostieren. So könne die 1. Generation der Kastanienminiermotte im kommenden Frühjahr zumindest geschwächt werden. Grundsätzlich verhindern lässt sich der Schädlingsbefall auf diese Weise jedoch nicht.Informationen im Internet unterwww.stadtentwicklung.berlin.de/PflanzenschutzSCHÄDLING // Die Kastanienminiermotte Cameraria ohridella hat sich in wenigen Jahren in der ganzen Stadt verbreitet. Sie befällt ausschließlich weißblühende Rosskastanien. Die rotblühende Baumvariante gilt als resistent gegen den Schädling.Die Weibchen der fünf Millimeter großen Schmetterlinge legen ihre Eier auf der Oberseite der Kastanienblätter ab. Nach dem Schlüpfen bohren sich die Larven in das Innere und fressen Gänge durch das gesamte Blatt.Befallene Blätter färben sich braun und fallen schließlich ab. Jedes Jahr schlüpfen drei bis vier Mottengenerationen. Ein Teil überdauert im Laub im Puppenstadium den Winter. Aus einem Kilogramm Laub schlüpfen im Frühjahr bis zu 4 500 Tiere. Die Hälfte sind Weibchen. Sie legen etwa 50 000 neue Eier.Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung empfiehlt Gartenbesitzern, das Laub unter mindestens zehn Zentimetern Erde zu vergraben oder mit Folien abzudecken. Geschwächte Bäume sollen im Frühjahr gedüngt und im Sommer bewässert werden. Wer neue Bäume pflanzen möchte, wird gebeten, rotblühende Kastanien auszuwählen.Wirksame Pflanzenschutzmittel zur gezielten Bekämpfung der Kastanienminiermotte sind für den Haus- und Kleingartenbereich in Deutschland nicht zugelassen. Das Aufsprühen von Gift wäre wegen der Größe der Bäume ohnehin nur schwer möglich. Gießbehandlungen, Bauminfusionen und Bodeninjektionen sind aufgrund von Gesundheits- und Umweltgefahren verboten."In ein paar Jahren werden die ersten völlig entkräfteten Bäume absterben. " H. Balder vom Pflanzenschutzamt.Foto: BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Frische Blätter, weiße Kerzen, Früchte: Auch diese Kastanie in Dahlem Dorf wehrt sich so gegen die Motten.

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