Es ist eines von den Berliner Millionengräbern: das riesige Wohn- und Gewerbehaus Neues Kreuzberger Zentrum (NKZ) am Kottbusser Tor. 52 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln sind seit der Baufertigstellung im Jahr 1974 in das NKZ geflossen. Weil im November nun die öffentliche Wohnungsbauförderung ausläuft, muss das Parlament entscheiden, wie es weitergeht und ob das NKZ in die Insolvenz geschickt werden muss. Denn noch immer arbeitet das Zentrum nicht wirtschaftlich, fehlt das Geld für die Instandsetzung und zur umfassenden Tilgung der Schulden.Der Rechnungshof, der im Auftrag des Hauptausschusses einen Bericht zum NKZ erstellt hat, lehnt weitere Finanzspritzen ab. "In Anbetracht der Haushaltsnotlage Berlins" sei es nicht vertretbar, noch weitere öffentliche Mittel bereitzustellen, heißt es in dem vertraulichen Bericht des Rechnungshofes, der der Berliner Zeitung vorliegt. Auch beim Kulturhaus Tempodrom, das mit 30 Millionen Euro fast ausschließlich öffentlich finanziert wurde, hatte der Rechnungshof gewarnt.Nach Einschätzung der Rechnungsprüfer ist bei dem 1972 begonnenen Bau von Anfang an falsch kalkuliert worden. Die Wohnungen seien zwar vermietet, die Gewerberäume jedoch nicht. "Die Planung der Gewerbeflächen wies von Anfang an Mängel auf", heißt es in dem Bericht. Ein Teil der Flächen ist von Laufkundschaft kaum zu erreichen. Auch auf Grund der sozialen Situation rund um das Kottbusser Tor mit vielen Drogenabhängigen hat sich die Situation bis heute nicht verbessert. Derzeit stehen 24 Prozent der Gewerbeflächen leer, erwirtschaftet werden nur rund 1,27 Millionen Euro im Jahr. Durch die Wohnungen nimmt die NKZ-Gesellschaft, deren Geschäftsführer Peter Ackermann ist, jährlich rund 866 700 Euro ein. Nach Ansicht des Rechnungshofes ist wegen der Lage auf dem Immobilienmarkt nicht mit einer nennenswerten Verbesserung der Mieteinnahmen zu rechnen. Doch das ist ein Problem: Denn nach einem Gutachten der Investitionsbank Berlin (IBB) beläuft sich der Instandsetzungsbedarf auf 4,25 Millionen Euro.Am Mittwoch will der Hauptausschuss hinter verschlossenen Türen über die Zukunft des NKZ beraten. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geht in ihrer Stellungnahme an den Ausschuss davon aus, dass sich das Land Berlin nicht vollständig aus dem NKZ zurückziehen könne. "Ein weiteres Engagement", so Staatssekretärin Hella Dunger-Löper (SPD), sei beispielsweise bei größeren Instandhaltungsmaßnahmen wie einem Ausfall der Heizungsanlage erforderlich. Außerdem sei das NKZ in das Quartiersmanagement eingebunden. "Zur Stabilisierung des Quartiers könnten auch künftig finanzielle Leistungen notwendig sein", so Dunger-Löper. Es müsse im Interesse des Landes sein, die 24,9 Millionen Euro an Aufwendungsdarlehen zurückzuerhalten. Bei einer Insolvenz gingen diese für die IBB verloren."Wir wollen nicht aufgeben", sagte Geschäftsführer Ackermann. Wegen der negativen Veröffentlichungen über das NKZ seien die Gewerberäume aber nur schwer zu vermieten. Und ohne öffentliche Unterstützung könnten die notwendigen Instandhaltungsarbeiten nicht finanziert werden. "Dann ziehen die Leute weg", sagte Ackermann. Er habe keine Reserven mehr. Wenn es allerdings in den nächsten Monaten keine größeren Rückschläge gebe, könne es mit dem NKZ weitergehen - "trotz der engen Liquiditätssituation", so Ackermann.Ob es allerdings mit Ackermann als Geschäftsführer eine Zukunft für das NKZ gibt, das ist im Parlament umstritten. Die PDS-Fraktion ist nur bereit, weitere Mittel zu bewilligen, wenn Bedingungen erfüllt werden. Auch die SPD-Fraktion will genau prüfen, ob der Geschäftsführer mit seinem Sanierungskonzept vorangekommen ist. "Der Rechnungshof stützt zunächst mal unsere Position", sagte der SPD-Abgeordnete Stefan Zackenfels. Nun müsse verhandelt werden, auch mit dem Senat.------------------------------Viel Geld investiert // Das Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ) am Kottbusser Tor wurde in den Jahren 1972 bis 1974 errichtet. Es besteht aus einem drei- bis zwölfgeschossigen Wohn- und Geschäftshaus mit sechs Aufgängen und einem Parkhaus.Die Kosten für das Großprojekt beliefen sich auf 48,3 Millionen Euro (damals 94,4 Millionen Mark). Ursprünglich war man von 41,2 Millionen Euro (80,7 Millionen Mark) ausgegangen. Der Bau wurde mit Krediten von mehreren Banken finanziert und von der Wohnungsbau- Kreditanstalt Berlin (WBK, heute: Investitionsbank Berlin) gefördert. Der Konkurs drohte schon im Juni 1976, da die Mieteinnahmen hinter den Erwartungen zurückblieben und die Schulden nicht getilgt werden konnten. Zunächst wurde nur ein Zwangsverwalter eingesetzt. Doch die Situation verschlimmerte sich weiter.Im November 1978 wurde das Konkursverfahren eröffnet. Im September 1980 lag ein Sanierungskonzept vor, das vom Senat und der WBK mitgetragen wurde. Zentraler Bestandteil war die Übernahme der Schulden durch die WBK. Das Sanierungskonzept ging jedoch nicht auf. Die Schulden konnten nicht getilgt werden. Die Gewerberäume ließen sich nicht voll vermieten, die Einnahmen blieben aus. Geld für die Instandhaltung fehlte.Im Herbst 1998 übernahm der Rechtsanwalt Peter Ackermann die Geschäftsführung der NKZ-Gesellschaft. Ackermann war von Anfang an dabei - in den 70er-Jahren zunächst als Anwalt für die Kommanditgesellschaft, dann als Beiratsvorsitzender der KG. Er benannte das Objekt nun in "Zentrum Kreuzberg" um, gestaltete einige Bereiche neu und hat doch keinen Erfolg. Die Wohnungsbauförderung läuft im November dieses Jahres nach 30 Jahren endgültig aus. Der Instandhaltungsbedarf beträgt 4,25 Millionen Euro.------------------------------Foto: Das Neue Kreuzberger Zentrum liegt zwischen Skalitzer- und Adalbert-, Dresdener- und Reichenberger Straße. Nur zwei Prozent der 295 Wohnungen stehen leer. Die meisten Mieter beziehen Sozialhilfe. Von den 91 Gewerberäumen in dem großen Komplex sind 63 Einheiten vermietet.