Eigentlich wollte Christoph Hein nur einen Essay über Kleist schreiben: ausgehend vom Prinzen von Homburg und Michael Kolhaas, den zwei Figuren, die bei Kleist mit der Staatsraison in Konflikt geraten. Die Arbeit an diesem Essay führte Hein zur Geschichte von Wolfgang Grams, der als Mitglied der RAF in den Untergrund gegangen war und 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen den Tod fand, als Beamte der GSG 9 versuchten, ihn zu verhaften. Offiziell wurde als Todesursache ein Selbstmord Grams' festgestellt. Doch insbesondere die Eltern des Verstorbenen zweifelten an dieser Theorie und kämpften jahrelang vergeblich um eine Wiederaufnahme der Ermittlungen.Die Geschichte dieses Rechtsstreits ließ Hein nicht mehr los. Er verknüpfte die juristischen Fakten mit dem fiktiven Porträt einer Familie namens Zurek, Angehörige eines zu Tode gekommenen Terroristen. Der Vater, der die politische Orientierung und Entwicklung seines Sohnes Oliver nie verstanden hat, will nur eines: nachvollziehen, was genau geschehen ist an jenem Tag, an dem er seinen Sohn verlor. Je weiter er dieser Spur folgt, desto mehr verändert er sich selbst. Die von Armin Petras inszenierte Bühnenfassung des 2005 erschienenen Romans "In seiner frühen Kindheit ein Garten" steht im Spielplan des Maxim Gorki Theaters nicht von ungefähr neben Kleists "Homburg": "Unser Recht trifft immerzu auf das Recht eines anderen, stößt sich an ihm und wird gestoßen und holt sich blutige Beulen" (Christoph Hein).Mit einem Gastspiel aus dem tiefen Süden der Republik wird das Gorki im April zur Bühne für das Werk eines weiteren großen deutschen Nachkriegsromanciers: das Theater Konstanz ist mit der Bühnenversion der Erzählung "Katz und Maus" von Günter Grass zu Besuch.Zum Abschluss der Reihe KINDER DER SONNE verwandelt sich das Gorki Studio Berlin für eine Gruppe von Autoren und Regisseuren in ein Kloster auf Zeit: Im Zeichen von Konzentration und Reduktion begeben sie sich in ihrem "Kloster der Wut" auf die Suche nach neuen Lebens- und Arbeitsformen. Ins Leben gerufen wurde das "Kloster der Wut" von Tilmann Köhler, der mit seiner Weimarer Inszenierung von Bruckners "Krankheit der Jugend" zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen ist. Die erste Premiere im Kloster ist die Bühnenadaption des Films "Die fetten Jahre sind vorbei". Frank Abt inszeniert das Stück über drei junge Leute, die nach Auswegen aus der Apathie und Schicksalsergebenheit ihrer Generation suchen. Verändert die Idee das Leben? Oder das Leben die Idee? Mit Thomas Freyer und Nora Mansmann stellt das "Kloster der Wut" zwei junge Theaterautoren vor, die vor allem durch ihre intensive Spracharbeit auffallen. In "herr tod lädt nicht ein aber wir kommen trotzdem" stellt Nora Mansmann ihre Figuren in Kontrast zu den Vor- und Leitbildern: dazu gehören "so nette linksliberale alt-68er-akademiker-öko-wichser-eltern" genauso wie Bonnie und Clyde. Regie führt Nora Schlocker. "Separatisten" (Regie: Tilmann Köhler) von Thomas Freyer erzählt von einer jungen Frau, die davon träumt, dass die Bewohner des Plattenbaus, aus dem sie stammt, den Aufstand gegen den Abriss und die eigene Lethargie wagen.Das "Kloster der Wut" versteht sich zudem als ein Ort des Gesprächs und der Konzentration. Deshalb laden die beteiligten Regisseure und Autoren regelmäßig zu Tischgesprächen ein: mit Publikum und Experten soll hier gemeinsam gegessen und diskutiert werden. Ähnlich ist die Reihe "Wunden" angelegt, in der Menschen vorgestellt werden, die ihre Wut als Energie begriffen haben und nach Artikulationsformen suchen. Ebenfalls gute Klostertradition ist die Gastfreundschaft gegenüber befreundeten Orden. Erster Gast: "Der Bettelautor". Als Medium für Autoren, die ohne Lobby arbeiten, bringt der Bettelautor im April seine Freunde zu einer Lesung mit, die sehr lange dauern wird. Im Kloster ticken die Uhren anders.------------------------------In seiner frühen Kindheit ein Garten von Christoph Hein.Regie: Armin Petras, Bühne: Katrin Frosch, Kostüme: Annette RiedelEine Übernahme vom schauspielfrankfurt. Mit Katrin Grumeth, FriederikeKammer; Andreas Leupold, Florian Stetter und Gunnar Teuber.BERLINER PREMIEREam 26. April im Maxim Gorki Theater.KLOSTER DER WUT - KINDER DER SONNE 3Die fetten Jahre sind vorbeinach dem gleichnamigen Film von Hans Weingartner.PREMIERE am 17. April im Gorki Studio, anschließend Party.Herr Tod lädt nicht ein aber wir kommen trotzdem von Nora Mansmann.URAUFFÜHRUNG am 20. April im Gorki Studio.Separatisten von Thomas Freyer.URAUFFÜHRUNG am 30. April im Gorki StudioMaxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, 10117 Berlin.Karten und Informationen unter Telefon: (030) 202 21-115 www.gorki.de------------------------------Foto: Der Fall Grams, frei nach Kleist: Katrin Grumeth, Friederike Kammer und Andreas Leupold (v.l.) in "In seiner frühen Kindheit ein Garten" von Christoph Hein.