Rechte Vorgeschichte der Grünen: Zum hundertsten Geburtstag von Friedrich Georg Jünger: Die tödliche Perfektion der Technik

Die grüne Partei unserer Tage hat noch nicht genug Geschichte hinter sich gebracht, um ein eigenes Verhältnis zur Geschichte zu entwickeln. Insbesondere um die Technikkritik der Vergangenheit hat sie sich vor lauter Sorge um die Zukunft nicht gekümmert. Allenfalls werden einmal die spärlichen Bemerkungen von Ernst Bloch zum Thema bemüht und zu einer "Philosophie der Grünen" aufgebauscht.Ein Blick zurück in die Zeit vor der Ölkrise und der Einsicht in die "Grenzen des Wachstums" hätte unweigerlich zu einem ökologischen Manifest führen müssen, das man bezeichnenderweise nicht zu jenen Büchern zählen kann, die das Jahrhundert bewegten. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs erschien "Die Perfektion der Technik" von Friedrich Georg Jünger, der am heutigen 1. September 100 Jahre alt geworden wäre. Zu einer Zeit, da die deutschen Konservativen sich mit der Technokratie anzufreunden beginnen, entwickelte er eine fundamentale Technik- und Kapitalismuskritik von rechts, die auch einem Karl Marx illusionsbeladene Inkonsequenz, ja letztlich Naivität im Verhältnis zur Maschine attestiert.Am Anfang stand die Erfahrung der Materialschlachten des Ersten Weltkriegs, die für F. G. Jünger wie für seinen älteren Bruder Ernst vor allem eine Technikerfahrung war. Gemeinsam treten sie ein in die Welt der nationalistischen Gruppen der zwanziger Jahre, in denen sich der Jüngere sogar radikaler gebärdet. Friedrich Georg Jüngers Schreiben in diesen Jahren fehlt all das, was seinem lyrischen Spätwerk nachgesagt wird: die Heiterkeit, die Harmonie, die Wärme, die Sensibilität, die Anmut und vor allem das Maß.Zerstörte IllusionenDas gilt namentlich für die Schrift "Der Aufmarsch des Nationalismus", die mit einem Vorwort des Bruders 1926 erscheint und durch eine Rhetorik der Superlative, ein Pathos der Entschlossenheit und den bewußten Verzicht auf Differenzierungen auffällt. Hier liest man: "Rüstung ist die größte Forderung der Zeit." Gleich darauf klingt das spätere Zentralthema an: "Aber die Überschätzer des Materials seien gewarnt. Nicht die gesammelte Wucht der Maschinen entscheidet, nicht der Mechanismus in seinem gerichteten Stoß, sondern der kämpfende Mensch mit der Reinheit seines Willens zum Siege."Aber was ist, wenn der Mensch nun doch nicht die entscheidende Rolle spielt? Haben die Materialschlachten da nicht ein Machtwort gesprochen? Das Buch "Die Perfektion der Technik" sollte ursprünglich "Illusionen der Technik" heißen es geht hier auch um die Zerstörung eigener Illusionen, die man sich über Krieg und Technik gemacht hat. Eine erste Ahnung von der Antiquiertheit des Menschen steigt auf.Die politischen Arbeiten der zwanziger Jahre werden im nationalsozialistischen Lager genau beobachtet. So notiert Joseph Goebbels 1926 in sein Tagebuch, daß er sich mit dem "neuen Nationalismus" der Jünger etc. beschäftigt. Aber: "Man redet dort an den Problemen vorbei. Und dann fehlt das Letzte: die Erkenntnis der Aufgaben des Proletariats." Einige Jahre später geht die Distanzierung von der anderen Seite aus. Im Mai 1934, wenige Monate vor dem Verbot der Zeitschrift, schreibt F. G. Jünger einen Aufsatz im "Widerstand". Bei genauerem Hinsehen könne man erkennen, so die Botschaft, daß ein Scheinkönig auf dem Thron sitze, im Kostüm, eine Rolle spielend. Zur Verdeutlichung wird noch in einer Anmerkung hinzugesetzt: "Bürgerkönige sind immer nur Schauspieler des Königtums."Ebenfalls 1934 erscheint der erste Gedichtband des 36jährigen Spätentwicklers, in einer Reihe harmlos erscheinender Blumengedichte versteckt findet sich "Der Mohn", eine für Zeitgenossen unmißverständliche Absage an den Nationalsozialismus: "Widrig ist mir der Redner Geschlecht." "Feste seh ich und Feiern, ich höre Märsche, Gesänge, / Bunt ist von Fahnen die Stadt, immengleich summet der Schwarm." "Schmerzend hallt in den Ohren der Lärm mir, mich widert der Taumel, / widert das laute Geschrei, das sich Begeisterung nennt."Solche Töne verbreiten sich in einer Diktatur auf eigene Art. Sogar Thomas Mann wird darauf aufmerksam: "Las in klassizistischen Gedichten eines F. G. Jünger, die Bermann geschickt hatte, erschienen im ,Widerstandsverlag (!), darin ein Stück ,Der Mohn , von fabelhafter Aggressivität gegen die Machthaber, das ich, als die Meinen vom Theater zurückgekehrt waren, ihnen beim Abendessen zu allgemeinem Erstaunen vorlas." Der neue Dichter scheint im Hause Mann ein Unbekannter zu sein wäre man mit den derben Thomas-Mann-Polemiken der Vorjahre ("Klubsessel im Gehirn", "wilhelminischer Barock") aus seiner Feder vertraut gewesen, hätte man wohl auf die abendliche Dichterlesung verzichtet.Schon in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre bereitet sich die Kritik an einer "Perfektion der Technik" vor. So schreibt F. G. Jünger 1927: "Man beklagt die Toten des großen Krieges, aber heute schon fallen vor dem Getriebe der Motore, der Bergwerke und Fabriken, der Schiffe und Flugzeuge auf dem Erdball mehr Menschen im Jahre als in der gleichen Zeit im Kriege dahinsanken." Während Ernst Jünger in seinem vieldiskutierten Buch "Der Arbeiter" (1932) noch die Hoffnung hat, daß sich ein Typus herausbildet, der der Technik gewachsen ist, macht sein jüngerer Bruder kurz darauf in einem heute vergessenen Essay über E. T. A. Hoffmann auf das Janus-Gesicht der Technik aufmerksam. Gewöhnlich nimmt man nur die Komfortseite der Technik wahr, die andere, zunächst verborgene Seite dagegen ist durchaus unangenehm: Der Mensch hat hier seinerseits etwas zu bezahlen, er verpflichtet sich immer umfassender, er wird immer abhängiger.F. G. Jünger rechnet auch mit dem wirtschaftlichen Denken ab, in dem von Rentabilität gerade nichts zu finden sei. Vielmehr handelt es sich um Raubbau: "Der kapitalistische Kondottiere plündert die Welt aus. Er macht Fischzüge, ohne die Brut zu schonen. Er konsumiert die Schätze, er zerstört." Zerstört wird auch das Bild, das der Bürger sich von der Technik gemacht hat: Er sieht mehr und mehr, daß die technische Apparatur ein unkontrollierbares, dämonisches Eigenleben zu führen beginnt, daß sie von allen guten Geistern verlassen zu sein scheint. "Der Bürger spürt, daß ihm die Luft ausgeht, daß er selbst jetzt mechanisiert, rationalisiert, normalisiert wird."Arbeiter und BürgerF. G. Jünger hat nicht die Hoffnung auf den "Arbeiter" als einem der Technik gewachsenen "Typus". Er behält statt dessen den "Bürger" im Blick, der von seinem Bruder zwar geschichtlich bereits zu den Akten gelegt worden ist, der aber mit all seinen Nöten und Problemen nun einmal die gegenwärtige Wirklichkeit ausmacht. Deshalb hat in der "Perfektion der Technik" die Zukunft alles Grandiose verloren, denn: "Nicht der Anfang, das Ende trägt die Last." Am Ende der kolossalen Vernutzung wird die Armut stehen, bis dahin aber wird der "Konsum" kultiviert werden und das ständige Erschließen neuer Verbrauchsmöglichkeiten. Der Sozialismus ist kein Ausweg, die Alternative von Maschinenkapitalismus und Maschinensozialismus eine scheinbare. Die Maschine muß viel ernster genommen werden als die sozialen Theoretiker dies getan haben, und sie ist nicht der Freund des Arbeiters.F. G. Jünger dehnt seine Betrachtungen aus auf Film und Rundfunk, Fotografie und Sport, Freizeit und Arbeit, Reklame und Propaganda. Vieles erinnert an die "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer und Adorno, die zur gleichen Zeit entstand. Heute, aus dem Abstand eines halben Jahrhunderts, nach dem Untergang der großen Ideologien, verschwimmen viele traditionelle Kontraste der Geistesgeschichte, und an ihrer Stelle werden "unheimliche Nachbarschaften" (Helmut Lethen) sichtbar.Die Reaktionen auf die "Perfektion der Technik" waren vielfach skeptisch. Stephan Hermlin urteilte 1947: "Es ist ein tragisches Buch. Nicht als Utopie, sondern als großartig-düsteres Zerfallsprodukt einer Epoche wird es von künftigen Menschen durchblättert werden." Und Karl Jaspers hielt Jüngers Diagnose für einen zeitbedingten Irrtum: "Solche Erörterungen treffen offenbar nicht die Technik, sondern ein gerade heute erlebtes grauenhaftes Phänomen von Kriegsfolgen, das fälschlich als naturnotwendig aus der Sache der Technik begriffen wird."Ist das auch aus heutiger Sicht das letzte Wort über die "Perfektion der Technik"? Immerhin ist nach mehreren Jahrzehnten Frieden der Club of Rome in seinem Bericht über die "Grenzen des Wachstums" zum selben Ergebnis gekommen: Der Mensch treibt Raubbau. Das große Zeitalter der Ökonomie ist letztlich unökonomisch.