Acht Wochen, nachdem die Frau ein Brustwarzen-Piercing in einem Piercing-Studio gesetzt bekam, stellt sie zwei Knötchen in der linken Brust fest. Eiteransammlungen, die ihr Frauenarzt mit Antibiotika behandelt. Doch als sich die Wunde kurz darauf vergrößert, muss die Abszesshöhle im Krankenhaus herausoperiert werden. Die schmerzhafte Erkrankung ging noch fast zwei Jahre weiter: Drei stationäre Behandlungen in Krankenhäusern folgten, weil inzwischen Brust und Milchdrüse massiv bakteriell entzündet waren. Die Frau klagte vor dem Landgericht Koblenz erfolgreich gegen das Piercing-Studio und erhielt 10 000 Euro Schmerzensgeld (Az: 10 O 176/04).Entscheidend für die Richter war in diesem Fall nicht, ob der Betreiber des Piercing-Studios fachgerecht gearbeitet oder die Hygienestandards eingehalten hat. Dann würde der Kundin ohnehin ein Anspruch auf Schadenersatz zustehen, wie schon das Oberlandesgericht Nürnberg 2003 urteilte (Az: 3 U 1663/03). Vielmehr hatte der Piercer die Kundin nicht detailliert genug über die verschiedenen Risiken des Eingriffs aufgeklärt, sondern nur eine Einverständniserklärung unterschreiben lassen. Darin stand lapidar: "Es handelt sich um einen Eingriff in die Unversehrtheit, der zu gesundheitlichen Schäden führen kann." Auch wenn die Koblenzer Richter an die Aufklärungspflicht von Piercern nicht so hohe Anforderungen stellen wie an die von Ärzten, müssen diese zumindest über bekannte Risiken wie Infektionskrankheiten informieren -egal ob mündlich oder schriftlich. Die Richter folgten der Geschädigten auch bei der Einschätzung, dass sie sich die Brustwarze bei genauerer Erklärung nicht hätte durchstechen lassen.Piercing ist eine Körperverletzung, für die man seine Einwilligung geben muss. Bei Minderjährigen unter 18 Jahren müssen die Eltern oder ein gesetzlicher Vertreter wie das Jugendamt ihr Einverständnis schriftlich erklären. Sonst riskiert der Piercer eine Haftstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung. 2006 hat das Düsseldorfer Landgericht einen 42-jährigen Tätowierer zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt, der einem 14-jährigen Mädchen ohne Einwilligung der Eltern ein Bauchnabelpiercing verpasst hatte.Aus gesetzlicher Sicht befindet sich das Piercen in einer Grauzone. Eine Regelung, wer den Schmuck stechen darf, gibt es nicht. Und so bieten Friseure, Juweliere, Tätowier- und Piercingstudios ihre Dienste an. Das Hessische Oberverwaltungsgericht stellte dazu immerhin fest, dass zumindest dann das Fachwissen eines Arztes oder Heilpraktikers erforderlich ist, wenn die durchstochene Hautstelle örtlich betäubt wird (Az: 8 TG 713/99).Mehr als fünf Millionen Deutsche tragen ein Piercing, stellte die Universität Leipzig 2009 fest -traditionelle Ohrlöcher für Ohrringe gar nicht mitgezählt. Eine zuvor veröffentlichte Studie aus dem Regensburger Raum fand heraus, dass die Hälfte der Befragten zum Zeitpunkt des Stechens jünger als 18 Jahre alt war. Die am häufigsten durchstochene Körperstelle ist die Ohrmuschel, gefolgt vom Bauchnabel und den Nasenflügeln. Zwei von hundert Personen tragen solchen Körperschmuck an ihren Geschlechtsteilen.Die Gepiercten berichteten von häufigen Komplikationen: Ein Drittel der Personen reagierte allergisch gegen das Nickel, das im Schmuck enthalten ist, fast jeder Fünfte litt an einer vorübergehenden Hautreizung, und bei jedem Siebten hat sich die Piercing-Stelle eitrig entzündet. "Komplikationen aufgrund von Piercings müssen meist operativ behandelt werden", sagte Ernst Klar, Chirurg am Universitätsklinikum Rostock, auf einem Fachkongress im vergangenen Jahr. "Beim Piercing im Gesicht sind ab der Unterlippe aufwärts sogar Todesfälle zu beklagen, aufgrund von zum Gehirn aufsteigender Infektionen", warnte er.Die Liste der medizinischen Probleme ist lang. Dazu kommt, dass die Betroffenen die Heilkosten teilweise selbst tragen müssen. Denn der Gesetzgeber hat 2007 geregelt, dass die Krankenkasse die Versicherten "in angemessener Höhe" an den Folgekosten beteiligen muss, wenn die Krankheit keine medizinische Ursache hat, sondern nach einem modisch begründeten Eingriff auftritt. Zugleich wurden die Ärzte verpflichtet, Nachbehandlungen von Piercing- und Schönheits-Operationen den Krankenkassen zu melden -ein Angriff auf die ärztliche Schweigepflicht, beklagten die Ärzteverbände damals. Heute bereitet weder die Meldepflicht der Ärzte, noch dass die Patienten die Nachbehandlung selbst zahlen müssen, Probleme. Einer, der davon wissen müsste, ist Wolfgang Zöller, Patientenbeauftragter der Bundesregierung. Bei ihm melden sich Kranke, die hoffen, so zu ihrem Recht zu kommen. Doch "dass viele Piercing-Opfer mit Komplikationen bei uns anrufen, kann man nicht sagen", heißt es dazu auf Anfrage aus seinem Büro.------------------------------Foto: Metallstöpsel im Gesicht mögen dekorativ sein. Sie können aber zu Entzündungen führen. Der Piercer muss vor der Behandlung ausdrücklich darauf hinweisen.