Die Ampel leuchtet rot, und weder Fußgänger noch Radfahrer halten an. In Frankreich ist das normal. „Ein Fußgänger, der in Paris an einer roten Ampel stehen bleibt, obwohl kein Auto kommt, ist ein Deutscher oder hat deutsche Eltern“, stellte Abel Guggenheim kürzlich fest. Für Fahrradfahrer gilt nach Meinung des Vorsitzenden diverser Radfahrverbände das Gleiche.

Und die Autofahrer? Auch sie betrachteten Frankreichs Straßenverkehrsordnung als ein Kompendium weithin unverbindlicher, wenn nicht weltfremder Ratschläge, meint Guggenheim und bemüht zum Beweis die Statistik: Nur 14 Prozent der Franzosen, die ihren Wagen an kostenpflichtigem Platz abstellen, werfen Geld in Parkuhr oder Ticketautomat. Was nicht heißt, dass der Gesetzgeber angesichts der Missachtung von Regeln nicht nachdenklich würde. Die Pariser Stadtverwaltung dachte sogar um. Die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo und ihr rot-grüner Gemeinderat erlauben nun, was nicht zu verhindern ist.

An 1805 Pariser Kreuzungen dürfen Radfahrer künftig bei Rot rechts abbiegen. Treffen Straßen t-förmig zusammen, darf man auch geradeaus fahren und dann links abbiegen – falls die Bahn frei ist. Für Fußgänger muss angehalten werden, genauso wie vor dem Linksabbiegen. Auf Radfahrer-Augenhöhe angebrachte Schilder sollen bis Ende September auf die neue Freiheit hinweisen. Für alle gilt die Regel: aufpassen und miteinander kommunizieren, statt auf freier Fahrt zu beharren, bloß weil die Ampel auf Grün steht.

Die Stadt hat bereits kreuzungsfreie Radschnellstraßen sowie diebstahlsichere Radparkplätze und wird so nicht nur fahrradfreundlicher, sie erhöht auch die Verkehrssicherheit. Drei bis fünf Radfahrer kommen auf den Pariser Straßen jährlich ums Leben. Die meisten tödlichen Unfälle ereignen sich an einer Ampel, wo Radler von anfahrenden Bussen oder Lastwagen erfasst werden.

Christophe Najdoski, Vize-Verkehrsbeauftragter der Stadt, bezweifelt, dass Ampeln entscheidend zur Verkehrssicherheit beitragen. Der Grünen-Abgeordnete verweist auf den sternförmigen Platz am Pariser Triumphbogen. Zwölf Straßen kommen dort zusammen, keine einzige Ampel regelt den Zustrom. Unfälle gibt es kaum. An der mit Ampeln bestückten Place de la Concorde hingegen seien die Unfallzahlen fünfmal so hoch.