BERLIN, 31. Juli. Klaus Heller, Geschäftsführer der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung - zwischenstaatlich bitte mit großem Z, sagt Herr Heller - sieht die Rechtschreibreform fünf Jahre nach ihrer Einführung auf allerbestem Wege. Verwirrung kann er keine erkennen, nur gewisse Übergangsschwierigkeiten bei den Umstellern, wie er sagt. Umsteller, das sind offensichtlich alle, die älter als ein Viertklässler sind. In der Alltagspraxis habe sich die neue Rechtschreibung durchgesetzt, selbst im privaten Bereich. Zwar gebe es keine neueren Erhebungen; doch im Dritten Bericht zur Umsetzung der Rechtschreibung habe die Kommission 2002 festgestellt, dass die Hälfte der Deutschen schon der neuen Rechtschreibung folge. Jedenfalls wenn man der geringen Stichprobe von 300 unveröffentlichen Leserbriefen an zwei Zeitungen trauen könne. Schaut man sich den deutschsprachigen Buchmarkt an, dann scheint es allerdings viele Umsteller zu geben, die nicht recht umstellen wollen. "Wir lieben Kontinuität", sagt etwa Heide Grasnick, Pressesprecherin des Suhrkamp Verlags in Frankfurt am Main. Deshalb folge man der alten Rechtschreibung - es sei denn, die Autoren würden die neue Rechtschreibung wünschen. Das sei aber bisher eigentlich nicht vorgekommen. Wie Suhrkamp halten es viele Verlage: man folgt im Grundsatz einer Rechtschreibung - bei Suhrkamp und Hanser etwa der alten, bei Kiepenheuer und Witsch und Rowohlt der neuen - und lässt die literarischen Autoren selbst entscheiden, ob sie es anders haben wollen. Wenn sie überhaupt einen Wunsch äußern, dann ist es meist der nach Beibehaltung der alten Regeln. So hält etwa Rowohlt-Autor Max Goldt an der alten Rechtschreibung fest; bei Kiepenheuer und Witsch möchten das grob geschätzt ein Drittel der Autoren, sagt Viola Platte aus dem Lektorat. Da fällt es schwer, fünf Jahre nach der Reform ein eindeutiges Fazit zu ziehen. Ganz durchgesetzt hat sich die neue Rechtschreibung im Kinder- und Jugendbuch: "Wer Kinderbücher in der alten Rechtschreibung verlegt, sägt den Ast ab, auf dem er sitzt", sagt Rowohlt-Verleger Alexander Fest; und dann stelle sich natürlich die Frage, wie man mit dem Rest des Programms verfahre. Salingers "Fänger im Roggen" etwa - an dem Rowohlt die deutschen Taschenbuchrechte besitzt - ist Erwachsenenliteratur, die viel in Schulen gelesen wird. Rowohlt hat die Böll-Übersetzung des Textes für neuere Ausgaben in die neue Rechtschreibung übertragen. Beim Münchener Hanser Verlag zieht sich der Riss mitten durch den Verlag - das Kinderprogramm folgt ausschließlich der neuen, der Rest grundsätzlich der alten Rechtschreibung -, bei Suhrkamp sogar mitten durch einzelne Bücher. In den Klassikerausgaben der "Suhrkamp Basisbibliothek" folgt der kommentierte Text der alten Rechtschreibung - "tote Autoren werden nicht verändert", sagt Grasnick, "auch nicht für die Schulen" - der an Schüler gerichtete Kommentar aber der neuen.Wird Kinder- und Jugendliteratur in der neuen Schreibung verlegt, so scheint sich die an Erwachsene gerichtete Literatur in Alt- und Neuschreiber aufzuteilen. Das sieht auch Klaus Heller so, aber er sieht es ohne Sorge. 80 Prozent aller neu verlegten Bücher erscheinen in neuer Rechtschreibung, zitiert die Rechtschreibkommission in ihrem Bericht eine Umfrage des Börsenvereins. "Was viel gelesen wird, erscheint in neuer Rechtschreibung", sagt Heller. Anders sei es mit der, nun, "Höhenliteratur". Autoren wie Grass, Lenz, Kunze "fühlen sich als Wahrer der deutschen Sprache, verstehen auch die Unterscheidung von Sprache und Schreibung nicht", sagt er kämpferisch. So verläuft die Grenze zwischen alter und neuer Orthografie auf dem Buchmarkt - tendenziell - zwischen oben und unten: oben anspruchsvolle Literatur, deren Autoren und Verlage ihren Anspruch oft durch das Festhalten am Alten signalisieren, unten die Masse der Texte, die zum guten Teil der neuen Rechtschreibung folgen. Und schließlich gibt es Autoren, die ihrer ganz eigenen Orthografie folgen, wie Reinhard Jirgl oder Zé do Rock. Der hat seine eigene Reform vorgeschlagen, und eine demokratische Abstimmung dazu: "sollten di reformgegna gewinnen, wär das tema sowiso vom tish. sollten si verliren, müsste di alte sreibweise weitahin paraleel gültig sein, bis der letzte, der so sreibt, ausgestorben is."Umfrage: Kaum Ärger über den Delfin // Fast jeder zweite Deutsche kommt auch fünf Jahre nach der Rechtschreibreform nicht mit den neuen Regeln zurecht. 46 Prozent halten sie nach einer Umfrage von Polis für alles in allem unverständlich.Die höchste Zustimmung findet sich mit 55 Prozent bei den 14- bis 34-Jährigen, die niedrigste mit 42 Prozent bei den über 55-Jährigen. Zwischen Ost und West, oder Männern und Frauen gibt es keine relevanten Unterschiede.Mit der Höhe der formalen Bildung steigt auch die Zustimmungsrate: Unter den Befragten mit Hauptschulabschluss halten 42 Prozent die Reform für verständlich, unter denen mit Abitur oder Hochschulabschluss 51 Prozent.Als Ärgernis werden die Änderungen nur von einer Minderheit empfunden. Nur 33 Prozent der Befragten regten sich über Wechsel wie den von Delphin zu Delfin auf.Konsequent angewandt werden die neuen Regeln allerdings auch nur von einer Minderheit. 21 Prozent stimmten der Aussage voll und ganz zu, die Rechtschreibreform wird von mir genutzt. 29 Prozent erklärten, sie wendeten sie überhaupt nicht an.BLZ/MARKUS WÄCHTER Mit der Aktion Love Letters riefen die Post und der Aktionskünstler HA Schult 2001 zum Schreiben von Liebesbriefen auf. In dieser Form wird traditionell ein Rechtschreibfehler eher leicht verziehen, wenn der Inhalt stimmt.DDP/DANIEL SAMANNS Reform oder nicht: Manch Fehler liegt so nahe, dass er vielen Kindern unterläuft.