Der mysteriöse Tod des früheren V-Mannes „Corelli“ wird den Bundestag beschäftigen. Zuletzt hatte der Spiegel über eine bereits 2006 erstellte CD mit dem Titel „NSU/NSDAP“ berichtet, auf der sich Fotos und Dokumente mit Bezug auf einen „Nationalsozialistischen Untergrund“ befinden. Die Urheberschaft einiger dieser Daten soll demnach dem V-Mann „Corelli“ zugeordnet werden können. Deutsche Sicherheitsbehörden hatten hingegen stets behauptet, dass ihnen die Begriffe „Nationalsozialistischer Untergrund“ und NSU bis November 2011 unbekannt waren. Auch habe der V-Mann angeblich mit dem NSU nichts zu tun gehabt und nicht über das Trio berichtet.

Die Linken-Obfrau im letzten NSU-Untersuchungsausschuss, Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau, äußert jetzt massive Zweifel an dieser Darstellung der Behörden. „Die aktuellen Berichte legen nahe, dass „Corelli“ als V-Mann näher am NSU-Trio dran war, als offiziell bislang eingeräumt wird“, sagte Pau. Sie forderte Bundesinnenministerium, Bundesanwaltschaft und Verfassungsschutz auf, schnellstmöglich die offenen Fragen vor dem Innenausschuss aufzuklären. Linke und Grüne hatten bereits in der Woche vor Ostern den Tod des V-Manns auf die Tagesordnung der nächsten Ausschusssitzung setzen lassen.

Thomas R., der unter dem Decknamen „Corelli“ von 1994 bis zu seiner Enttarnung im September 2012 mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) kooperierte, war Ende März leblos in seiner Wohnung aufgefunden worden. Der 39-Jährige, der als ein wichtiger Zeuge im NSU-Verfahren galt, soll nach offizieller Darstellung an den Folgen einer nichterkannten Diabetes-Erkrankung verstorben sein. R. war nach seiner Enttarnung 2012 ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen und mit einer neuen Identität versehen worden.

Wer fand "Corelli"?

Der Spiegel berichtete jetzt, dass das Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz wenige Wochen vor „Corellis“ Tod in den Besitz einer CD gekommen sei, die mit dem Titel „NSU/NSDAP“ beschriftet war. Auf der offenbar spätestens 2006 fertiggestellten CD hätten sich rund 15.000 Fotos, Zeichnungen, Plakate, Schriftstücke sowie Karikaturen mit rassistischem und antisemitischem Inhalt befunden. In einigen der Dokumente sei ausdrücklich von einem „Nationalsozialistischen Untergrund“ die Rede gewesen.

Den Datenträger, auf den sich bereits ein im November 2013 veröffentlichter Artikel eines rechtskonservativen Internetmagazins bezieht, hat das Hamburger LfV inzwischen an die Bundesanwaltschaft weitergeleitet. Die Prüfungen der Ermittler, ob der auf der CD erwähnte NSU identisch sein könnte mit der gleichnamigen Terrorgruppe, sind laut Spiegel noch nicht abgeschlossen. Dem Internet-Artikel zufolge befinden sich auf der CD mehrere Fotos von Thomas R. alias „Corelli“ sowie ein Begleittext, in dem der Datenträger als „erste umfangreiche Bilddaten-CD des Nationalsozialistischen Untergrundes der NSDAP (NSU)“ bezeichnet wird.

Unklar ist dem Spiegel zufolge auch die Frage, wer den toten V-Mann in seiner Wohnung entdeckt hatte. Demnach hätten zwar Vertreter einer Behörde „Corelli“ tot aufgefunden, als sie ihn zu der NSU-CD befragen wollten. Woher diese Beamten stammten, ist bislang aber unklar – Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt bestreiten, dass Mitarbeiter von ihnen R. aufgesucht hätten. BfV und Bundesinnenministerium haben sich bislang nicht dazu geäußert.