Dublin - Irland gilt – noch vor Polen und mit weitem Abstand vor Italien oder Spanien – als das katholischste Land Europas. Abtreibung ist verboten, mehr als 70 Prozent der Ehen werden von Priestern geschlossen, die katholische Kirche übt über mehr als 90 Prozent der Grundschulen ihre Schirmherrschaft aus, Homosexualität wurde als Straftatbestand erst 1993 aus den Gesetzbüchern gestrichen, als der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg es verlangte. Und ausgerechnet in Irland haben nun weltweit zum ersten Mal die Bürger per Referendum darüber abgestimmt, ob gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt werden sollen. Das Ergebnis soll an diesem Wochenende verkündet werden.

Kirche hat an Einfluss verloren

Auch in Irland scheiden sich die Geister an der Frage, ob es Menschen auch dann erlaubt sein soll, die Ehe einzugehen, wenn es sich bei ihnen nicht um einen Mann und eine Frau handelt. Die großen Parteien haben eine entsprechende Änderung der Verfassung ausnahmslos unterstützt. Das Nein-Lager um die katholische Kirche hingegen läuft Sturm gegen die Homo-Ehe. Es sieht traditionelle Werte und die Familie in Gefahr.

Doch mehrere Skandale um Kindesmissbrauch haben den Einfluss der einst in Irland übermächtigen Kirche schwinden lassen. Zahlreiche Berichte zeugten davon, wie katholische Geistliche, Nonnen und Angestellte mit brutaler Gewalt in Jugend- und Kinderheimen gehaust hatten. In vielen Fällen wurden auch kleine Jungen vergewaltigt.

Umfragen zufolge befürwortet eine deutliche Mehrheit der Stimmberechtigten die gleichgeschlechtliche Ehe. Moninne Griffith, die sich für ein Ja beim Referendum einsetzt, berichtete, sie sei sehr herzlich behandelt worden, als sie in den vergangenen Wochen von Tür zu Tür ging und ihre Landsleute zu überzeugen versuchte. „Ich habe großen Respekt vor denen, die mit Nein stimmen, aber viele, mit denen ich gesprochen habe, haben ihre Meinung geändert“, sagte die Chefin der Organisation Marriage Equality.

"Recht auf Mutter und Vater"

Eidin O'Shea, Irland-Spezialistin an der australischen Universität von Southern Queensland, verweist allerdings darauf, dass gerade Referenden oft für Überraschungen gut seien. Aus dem Nein-Lager heißt es, Gegner der Homo-Ehe trauten sich oft nicht, ihre Meinung kundzutun – aus Furcht, als rückständig zu gelten. Vor allem ältere Menschen und auf dem Land lebende Iren dürften gegen eine Verfassungsänderung sein.

Das Nein-Lager machte in den Wochen vor der Abstimmung insbesondere gegen Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Ehepaare und Leihmutterschaften Front. „Werden wir wirklich die erste Generation in der Menschheitsgeschichte sein, die sagt, dass Mütter und Väter bei der Erziehung von Kindern keine Rolle spielen?“, fragte Erzbischof Michael Neary, einer der einflussreichsten Geistlichen in Irland. Margaret Hickey, Sprecherin der Bewegung „Mothers and fathers matter“, argumentierte ebenfalls, für Kinder sei es „wichtig, einen Vater und eine Mutter zu haben – vor allem zu Beginn ihres Lebens“. Die zivilrechtliche Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare ist in Irland allerdings bereits seit 2011 vom Staat anerkannt und geschützt. Den Partnern werden Rechte wie bei heterosexuellen Eheleuten eingeräumt, einschließlich das Recht zur Adoption.

Historische Vergleiche

Das Ja-Lager hatte für seine Kampagne zuletzt zahlreiche Prominente eingespannt. In einem YouTube-Video erklärt der Schauspieler Brendan O'Carroll, der die Hauptdarstellerin in der Sitcom „Mrs. Brown's Boys“ spielt, in der Vergangenheit seien auch Ehen zwischen Katholiken und Protestanten oder zwischen Weißen und Schwarzen umstritten gewesen. „Trotzdem haben sie geheiratet, und das war nicht das Ende der Welt. Und wir sind alle ein bisschen reifer geworden“, sagte er in seiner Verkleidung als Agnes Brown.

Sollte am Sonnabend – wie erwartet – der Sieg des Ja-Lagers verkündet werden, zöge Irland mit dem großen Nachbarn Großbritannien gleich. Weltweit wäre die Inselrepublik das 18. Land, das Homosexuellen gestattet, sich offiziell das Ja-Wort zu geben. (BLZ/AFP, dpa)