Überfüllte Gefängnisse, langsame Prozesse, allgemeine Rechtsunsicherheit: Italiens Justiz steht vor dem Kollaps. Im Mittelpunkt der Diskussion steht der Reformplan des Justizministers Blondi, der die Gefängnisse vor allem durch großzügige Strafnachiässe leeren will.Gegen Krokodile und Schlangen müssen sich die Gefangenen des Kerkers von Tranl auf Sizilien noch nicht wehren, aber viel fehlt nicht daran: Kakerlaken und Ratten sind ständige Gäste. 474 Gefangene müssen sich Zeilen teilen, die ursprünglich für 200 Menschen ausgelegt waren. Warmwasser gibt es nicht, und Seife kann die Gefängnisleitung aus Geldmangel nicht mehr einkaufen. 20 Gefangene leben auf zehn Quadratmetern. "Das ist besonders im Sommer, bei Temperaturen um 45 Grad, ein Zustand am Rande der Folter" kommentierte die kommunistische Abgeordnete Maria Nardini, die die schiimmen Zustände aufdeckte.Das Gefängnis in Sizilien steht aber nicht allein da. Auch woanders Ist die Lage nicht viel rosiger. "Es Ist schrecklich, Ich sitze mit Rauschgiftsüchtigen und Maflosl in einer Zeile, die mich ständig bedrängen, das Es-. sen ist unerträglich, und die Enge läßt einen schier verrückt werden": Francesco De Lorenzo, ehemaliger Gesundheitsminlster und heute C,a~r in einem der übeibeleumdetsten Gefängnisse Italiens, Poggioreale, hat plötzlich die Kehrseite der guten Gesellschaft kennengelernt. Trotz des Leidensberichtes wurde sein Gesuch auf Freilassung abgeschmettert. Die Richter fanden, daß seine jetzige Gesellschaft durchaus die richtige für ihn ist, denn "der ehemalige Minister zeichnet sich durch eine extrem hohe Bereitschaft zu kriminellem Handeln aus". Er darf mithin nicht auf die Menschheit losgelassen werden, urteilten die Richter In Neapel.Immer wieder beurteilten die Berufungsgerichte die Verdächtigen als "Schwerkriminelle", die nicht aus der Untersuchungshaft entlassen werden können. Seitdem der Kampf gegen die Mafia härter geführt wird und vor allem auch der landeswelte Korruptionsskandal "Mani Pulite" geplatzt ist, hat die Anzahl der "Papa Gnädigs" unter den Richtern stark abgenommen. Italiens Justizverwaltung aber wird der Masse der Verdächtigen und der Kriminellen nicht mehr Herr.Vaterländische Galeeren Vor wenigen Jahren noch saßen nicht mehr als 25 000 Personen in den "vaterländischen Galeeren" ein, wie die Gefängnisse In Italien auch heißen. Heute drängen sich auf den offizlell 30 000 Plätzen knapp 51 000 Häftlinge, und der Großteil von ihnen slnd sozial extrem gefährliche Subjekte, Mafiosi, Killer oder Rauschgifthändler, die meist langjährige Haftstrafen zu verbüßen haben.Das Problem der überfüllten Gefängnisse zu lösen, hat sich nun die Regierung von Silvio Berlusconi vorgenommen. Ein Reformplan des Justizministers Alfredo Biondi sieht vor, daß den verurteilten Verbrechern für jedes Jahr Gefängnis mit "guter Führung" vier Monale Strafe erlassen werden. Das letzte Haft jahr der Strafzelt soll gar vollständig gut~eschrleben werden. Aber selbst die der -- Gefängisse verbracht werden können. Auf Antrag sollen dle Verurteilten entweder Sozialdienste außerhalb des Gefängnisses erfüllen oder unter "Hausarrest" gestellt werden können. Einen Hausarrest, den die überlastete Polizei praktisch nie überprüfen kann. Zu den Vorschlägen aus der Regierung Berlusconi gehört aber auch die Auflösung der "Anti-Mafla-Superkerker" auf den Inseln, wo besonders strenge !soiationshaft gilt.Doch für den Vorschlag des Justizministers fanden einzig die Berlusconl-Medlen ein paar lobende Worte. Die allererste kritische Stimme stammte direkt aus der Regierung Berlusconi:,, Das kann doch nicht der Ausweg sein. Wir leeren die Gefängnisse und füllen die Straßen mit Krimineilen!" prustete Innenminister Roberto Maroni (Lega Nord) sofort los.Mafia freut sichAuch aus Richterkrelsen kam einheilig Kritik. Der bekannte Mailänder Richter Piercamllio Davigo fragte: ~Will die Regierung Berlusconl eigentlich weniger Verbrecher Im Gefängnis oder weniger Verbrechen?" Die Richtervereinigung fragt: "Warum nicht zuerst einmal die Gefängnisse, die seit 15 Jahren im Bau sind, fertigstellen, um das Problem der Überfüllung zu lösen?"Der Reformplan Blondi gilt als totgeborenes Kind, aber Schaden hat er doch angerichtet. Innenminister Maroni: "Das Herumgerede hat der Mafla enorm genutzt." Dieser Meinung ist auch der "Hochkommisar gegen die Mafla", Bruno Siclari: "Ich bin sicher, daß die Mafiosi schon allein auf die Ankündigung einer Schließung der lsolatlonskerker für die Bosse auf den Inseln mit Champagner angestoßen haben."