Herr Staadt, die Linke wird nach zehn Jahren nicht mehr an der Regierung in der Hauptstadt beteiligt sein. Woran liegt das?

Die Linke hatte es nicht leicht. Sie musste regieren, obwohl ein hoher Anteil ihrer Wähler lieber ein anderes Gesellschaftsmodell hätte oder der DDR nachtrauert. Und die Partei selbst favorisiert in Teilen auch ein anderes Gesellschaftsmodell. Da passt das Regieren auch nicht wirklich dazu.

Im Ostteil der Stadt kommt die Linke immer noch auf mehr als 20 Prozent.

Das sind vor allem jene älteren Herrschaften, die in den Regierungsinstitutionen der DDR gearbeitet haben. 1990 waren das ungefähr 150 000 Männer und Frauen. Viele sind zwar gestorben, aber für über 20 Prozent reicht das immer noch. Mich wundert eher, dass es die Linke nicht geschafft, stärker zu bleiben.

Wie kommt das?

Im Senat haben die Linken eine relativ sachbezogene, pragmatische Politik gemacht.

Sind aber trotzdem bestraft worden.

Das lässt sich mit dem Erfolg der Piraten erklären. Berlin ist immer eine Stadt gewesen, in der notorische Protestwähler zu Hause waren. Früher war das die Alternative Liste, später war das die PDS. Die hat den Menschen suggeriert, sie mache alles anders. Dann hat die Linke regiert und musste jetzt feststellen, dass die Protestwähler sie nicht mehr attraktiv finden. Die sind lieber zu den Piraten gegangen.

Zu Beginn der rot-roten Koalitionsära 2001 hieß es noch, die Regierungsbeteiligung der Linken helfe, die Teilung der Stadt zu überwinden. Ist das Projekt gescheitert?

Das Projekt ist gescheitert, daran hat auch die Regierungsbeteiligung nichts entscheidend verändert. Mental ist die Teilung der Stadt noch nicht überwunden. Das sieht man an den höchst unterschiedlichen Wahlergebnissen für die Linken im Westen und im Osten. Ich glaube übrigens auch nicht, dass die Linken-Wähler im Osten diese Partei wählen, weil sie dadurch die Teilung der Stadt schneller überwinden wollen.

Wir dachten schon, Berlin sei geeinter, als wir ahnen.

Das wäre schön, aber das wird leider noch dauern. Die Annäherung zwischen West und Ost ist wesentlich langsamer verlaufen, als wir 1990 gehofft hatten. Ich denke, eine neue Regierungskoalition, die sich nicht mehr in Kategorien von Ost und West aufteilen lässt, kann sogar sehr gut sein. Denn die Fragen, die die Menschen in Berlin bewegen, lassen sich schließlich auch nicht zwischen Ost und West aufteilen.

Berliner Zeitung, 19.09.2011