In den Geschäftsstellen im Moabiter Kriminalgericht stapeln sich die Akten meterhoch. Bearbeitungs-Rückstände von einem Monat sind keine Ausnahme. Besonders, was die Ausstattung des größten deutschen Gerichts betrifft, hinkt Moabit dem technischen Fortschritt um Jahre hinterher. Im Zeitalter der Computer sind Aktenwagen noch immer Haupttransportmittel. Die 350 Staatsanwälte verfügen über gerade mal 90 PCs. Es gibt nur ein knappes Dutzend Faxgeräte, so dass ein Brief noch immer schneller vor Ort ist als ein Fax. Und es gibt gerade mal vier Internet-Anschlüsse zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Kinderpornografie im Netz. Die Misere ist nicht neu. Geändert hat sich vor gut einem Jahr nur die Zuständigkeit. Weil sich die Koalitionsparteien nach der Wahl 1999 nicht auf die Zahl der Kabinettsposten einigen konnten, opferten sie das eigenständige Justizressort und ordneten es dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) zu. Seitdem hagelt es Kritik. Richter-, Staatsanwalts- und Rechtsanwaltsvereinigungen sprechen von einer "politischen Fehlleistung" und von einer Herabsetzung der Justiz, die "quasi nebenbei als Feierabendressort" geführt wird. Die Vorsitzende der Vereinigung der Berliner Staatsanwälte, Vera Junker, hält Diepgen für überfordert. Weil er sich als Regierender noch um andere Dinge als um die Justiz kümmern muss. Im Grunde ist die Bedeutung eines eigenständigen Justizressorts auch Diepgen klar. Zumindest lässt er es vorsichtig anklingen. "Ich halte die Begrenzung der Senatorenzahl für falsch", sagte er gestern bei seiner Jahrespressekonferenz als Justizsenator. Und fügte aber gleich hinzu: "Im Augenblick sehe ich für die Berliner Justiz keine aktuellen Probleme." Von einer Schieflage, so Diepgen, könne keine Rede sein. Die Mängel in Moabit sieht Diepgen auch. Die technische Ausstattung sei "erheblich verbesserungswürdig", sagt er. Und kündigt zur Verbesserung noch in dieser Legislaturperiode ein Sonderprogramm an. In welchem Umfang in Technik investiert werden soll, ist offen. "Zahlen nenne ich nicht", sagt Diepgen. Nach Einschätzung der Vereinigung der Berliner Staatsanwälte fehlt es aber vor allem an Personal. Allein 160 Mitarbeiter würden in den Geschäftsstellen, den Kanzleien und als Wachtmeister fehlen, sagt Vorsitzende Junker. Bei der Staatsanwaltschaft am Landgericht fehlten 60 Staatsanwälte. Die Folge: Komplizierte Verfahren blieben lange liegen. Besonders bei Wirtschaftsstrafsachen sei ein Drittel der Verfahren älter als ein Jahr. "Es gibt zu wenig Wirtschaftsreferenten, die zum Beispiel Steuerunterlagen prüfen", sagt Junker. Mehr Personal will Diepgen nicht bewilligen. "Ich sehe keine Möglichkeiten für eine Aufstockung." Stattdessen erwägt er die Einrichtung eines zweiten Landgerichts, um effizienter arbeiten zu können. "Darüber werden wir im kommenden Jahr intensiv diskutieren." Er spricht von einer Betreuungsstelle für Zeugen, die Opfer einer Straftat wurden. Sie soll bereits im kommenden Monat im Moabiter Kriminalgericht eingerichtet werden. Und zur Entlastung der übervollen Haftanstalten wird ab April ein ehemaliges Asylbewerberheim in Spandau als offener Vollzug für 170 Häftlinge genutzt. Nach Ansicht der Grünen hat Diepgen als Justizsenator versagt. Seine "unausgegorenen Ideen" lösten die Probleme mangelhafter Ausstattung nicht, sagt Grünen-Fraktionschef Wolfgang Wieland. Er fordert erneut ein eigenständiges Justizressort. In seiner Doppelfunktion als Regierender und Justizsenator zugleich müsse Diepgen ja quasi in Selbstgesprächen Verhandlungen führen."Ein eigenständiger Senator setzt sich nur für sein Ressort ein. " Vera Junker, Staatsanwältin