Kaum ein anderer französischer Regisseur hat die Frauen so demonstrativ und stilbewusst gefeiert wie François Ozon. International bekannt wurde der 1967 in Paris geborene Ozon während der Berlinale 2000 mit "Tropfen auf heiße Steine", der Kinoadaption eines Theaterstücks von Rainer Werner Fassbinder. Mit Filmen wie "8 Frauen", "Unter dem Sand", "Swimming Pool" oder auch "Fünf x Zwei", zumeist Liebes- und Familiengeschichten, stieg er innerhalb kurzer Zeit zum Regie-Star auf. François Ozons neuer Film "Angel" (Kritik siehe Seite 25) kommt morgen in die Kinos.Monsieur Ozon, bei "Angel" kommt man nicht so schnell auf die Idee, dass es sich um einen François-Ozon-Film handelt. Sie haben zum ersten Mal auf Englisch gedreht und mit der Romanvorlage von Elizabeth Taylor einen originär englischen Stoff verarbeitet.Gerade das hat mich gereizt. Außerdem war es nicht gerade leicht, die Besetzung durchzusetzen, denn jeder hat auf den Star gewartet. Aber Nicole Kidman, die ursprünglich zugesagt hatte, konnte ich unmöglich als 16-jähriges Schulmädchen einsetzen. Das wurde mir erst bei der Arbeit am Drehbuch so richtig klar. Ich brauchte eine junge Schauspielerin, die auch die ältere Angel spielen konnte. Deshalb entschied ich mich für die relativ unbekannte Romola Garai.Wie nähern Sie sich einer Figur wie "Angel", die - anders als Ihr bisheriges Filmpersonal - im 19. Jahrhundert lebt und ausgesprochen wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat?Ich folge nur der Figur. Ich versuche, diese Frau und ihren Geschmack zu verstehen. Für mich hat sie einen schlechten Geschmack, sie ist sehr romantisch und voller Klischees. Mit einem klassischen Kostümfilm wäre ich einer derart exzentrischen Figur nicht gerecht geworden. Deshalb haben wir, Kostümbildner, Set-Designer und ich, beschlossen, für Angel eine ganz und gar eigene Fantasiewelt zu erschaffen. So wie sich der Bayernkönig Ludwig II. in seinen Schlössern erfunden hat.Sie äußerten einmal, dass Sie bei Ihrer Angel auch an Scarlett O'Hara aus "Vom Winde verweht" dachten.Das stimmt. Im Roman von Elizabeth Taylor ist Angel völlig anders beschrieben als in meinem Film: Sie ist dort eine merkwürdige Erscheinung, groß, überhaupt nicht hübsch, beinahe grotesk. Ich habe mir hingegen von Anfang an eine attraktive und aufregende Frau vorgestellt. Aber es ist der gleiche Frauentyp, sehr Ich-bezogen: eine Frau, die in die Idee der Liebe verliebt ist, so wie Scarlett ihren Ashley anbetet und nicht merkt, dass Rhett Butler der wahre Mann ist. Scarlett belügt sich selbst. Und Angel ist ihr darin sehr ähnlich.Dabei ist aber viel Ironie im Spiel ...Durchaus, aber ich liebe das ja auch. Ich stehe auf Seiten der Verlegergattin Hermione (Charlotte Rampling). Am Anfang ist sie schockiert und kann Angel nicht leiden, doch am Ende hat sie ihre Meinung geändert: Hermione lehnt Angel als Schriftstellerin ab, bewundert sie jedoch als Frau, ihre Durchsetzungskraft. Angel hat alles bekommen, was sie wollte - zu einer Zeit, als Frauen völlig rechtlos waren. Sie hat für ihre Träume gekämpft, aber am Ende bringen die Träume sie um. Dieses tragische Moment war mir sehr wichtig. Sie wird zum Opfer ihrer selbst.Wie nah steht Ihnen diese Angel?Sehr nah. Wenn man wie hier ein Porträt dreht, muss man hinter der Figur stehen, auch wenn sie abartige Seiten hat. Wenn man sehr erfolgreich ist, wenn man alles hat, will man die Welt kontrollieren. Das ist mir nicht fremd. Man wird ein kleiner Diktator. Angel warnt mich: Pass auf, dass Du nicht wie ich wirst. Abheben - das kann tödlich ausgehen. Wenn Angel am Ende zur Realität zurückfindet, wird ihr klar, dass sie die falschen Entscheidungen getroffen hat.Warum sind Sie so fasziniert von der 'Englishness' der Romanvorlage?In England gibt es noch ein Klassensystem. Man kann am Akzent genau erkennen, woher die Leute stammen. In Frankreich gibt es das nicht mehr; man setzt das auch nicht dramaturgisch ein. Ich habe deshalb mit einem Sprach-Coach gearbeitet. Ich hätte den Film schon deshalb nicht nach Frankreich verlegen können, weil es diese Art von Frauenliteratur bei uns nicht gibt.Warum war für Charlotte Rampling nur Platz in einer Nebenrolle?Es war eine Art Freundschaftsdienst von ihr. Sie hat mit sehr geholfen, weil die englischen Darsteller oft nicht verstanden, was ich wollte. Sie sagte gelegentlich zu Sam Neill, der Angels Verleger spielt: Tu, was er sagt! Vertrau ihm! Denn die englischen Darsteller haben oft Angst davor, nichts zu tun. Sie sind immerzu am Agieren. Manchmal musste ich Sam Neill sagen: Du musst nichts ausdrücken!Interview: Marli Feldvoß------------------------------Foto: Auch bei der Arbeit stets gut angezogen: François Ozon.