Vielleicht ist es gut, daß Jahrestage und spektakuläre Ereignisse dazu anregen, über das Vorhandene und Gewesene nachzulesen und nachzudenken. In der jetzigen Diskussion um das neue Bild der Stadt sind Bücher, die zu einem Ereignis wie der Verhüllung des Reichstages erscheinen, notwendig und anregend. Das anzuzeigende Buch hat nicht die Verhüllung zum Thema, sondern das Objekt der Verhüllung: Der Reichstag wird als "Ort der deutschen Geschichte" vorgestellt. Und es ist wohl so, daß es kaum noch ein Bauwerk in dieser Stadt gibt, das sowohl Handlungsort als auch Symbol der deutschen Geschichte seit der Jahrhundertwende gewesen ist.Jeder kann sofort Begriffe wie Reichstagsbrand (1933) und Kampf um den Reichstag (1945) in seinem Gedächtnis wie von einer Festplatte abrufen. Daß sie nicht die gesamte Geschichte "rund um den Reichstag" fassen, ist ebenso jedem bewußt. Bereits die Aufgabe, in Berlin ein zentrales Gebäude des 1871 vereinten Deutschen Reiches zu errichten, mußte einen überragenden Symbolwert besitzen. Der Staat hatte davor kein Zentrum, keine Hauptstadt in dem sich neu ausprägenden Sinne. Ein Einzelbauwerk - getragen von einer breiten ideellen und politischen Diskussion - mußte die Sinnstiftung übernehmen: Der Reichstag entstand mit der Aufgabe, die 1871 vollzogene Einheit körperlich faßbar und räumlich erlebbar zu machen. Das Gebäude entstand vom Schloß entfernt, aber in der Nähe der Wilhelmstraße, dem Regierungszentrum des Deutschen Reiches. Damit erweiterte sein Standort das historische Zentrum Berlins und verschob es auch inhaltlich nach Westen.Die Frage ist, woran erinnert der große Block westlich des Brandenburger Tores? Kaiser Wilhelm II. nannte ihn mehr als verächtlich "Reichsaffenhaus". Trotz großer politischer Auseinandersetzungen - die Bilanz der Geschichte dieses Hauses für die Kaiserzeit war mager. Zwar wurden vom Reichstag Gesetze - wie z. B. die über die Altersversorgung und die Unfallversicherung - beschlossen, die heute noch in den Alltag wirken, aber der Parlamentarismus konnte sich in Deutschland noch nicht durchsetzen. Gewiß setzte die Republik von Weimar Zeichen, sie ging aber auch in diesem Haus unter, da es letztendlich und zu dem Zeitpunkt des Jahres 1932 zu wenig Verteidiger dieser Republik gab. Die Bewertung der Vorgänge am Ort hat gerade erst begonnen.Stephan Speicher, der Autor des Reichstags-Bandes, beschränkt sich nicht auf die Baugeschichte, er gibt der Nutzungsgeschichte breiten Raum, behandelt faßlich die Verfassungsgrundlagen der Tätigkeit der Abgeordneten und gibt Einblicke in manche Seite der Gesetzgebungsarbeit. Dennoch bekommt der Leser einen detaillierten Einblick in die Baugeschichte. Ein Zitat von Cornelius Gurlitt, Mitarbeiter des Reichtagsarchitekten Wallot und bekannter Kunsthistoriker, sei dabei besonders angemerkt. Gurlitt schrieb: "Auch herrschte die Ansicht, daß der Bau schlichter zu gestalten sei. Wilhelm II. wollte der ,Schwatzbude' mehr den Eindruck eines einer Behörde dienenden Baus geben andere forderten, daß das Volkshaus dem Wesen des neu zur Herrlichkeit gelangten Reiches, der Schöpfung Bismarcks, an ,Würde' entspreche. Ich erinnere mich deutlich der Nöte, die dieser Zwiespalt der Grundanschauung Wallots brachte. Den Sieg erreichten die links gerichteten Parteien. Die Abgeordneten Eugen Richter und August Bebel, der Sozialist, traten mit der Forderung nach reicher Gestaltung an Wallot heran es handelt sich also beim Reichstagsbau nicht um Wilhelminismus, sondern um den Ausdruck der Volksstimmen jener Zeit und die Kunstauffassung des damals Modernen." Derartige Überraschungen gibt es in dem Buch reichlich und der Leser wird seine Freude am Entdecken haben.Anmerkenswert: Die handelnden Personen werden kurz und zum Teil auch im Bild vorgestellt. Das Buch bleibt nicht leblos, sondern ist höchst amüsant zu lesen. Der Autor hält sich selbst zurück und läßt die Zeitgenossen urteilen. Hier sei im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Diskussion um Straßennamen diese Seite des Buches besonders erwähnt, und es sei auf die knappen, aber treffenden Ausführungen über die Tätigkeit des Reichstages im Herbst 1932 verwiesen, die Speicher treffend als die "Selbstverabschiedung des Reichstages" charakterisiert.Der Verfasser behandelt die Geschichte des Hauses und der Institution "Reichstag" folgerichtig nur bis zum Jahre 1945. Das ist konsequent, aber die Auseinandersetzung über den Wiederaufbau des Hauses nach 1945 sowie seine Nutzung hätten das Bild abgerundet und manches vertieft. Aber auch so ist das vorliegende Buch ein gelungener Beitrag zu den gegenwärtig in Berlin schwelenden Fragen zur Funktionsbestimmung der Stadt und deren Rolle als Hauptstadt nun wieder neuen Charakters.Was können Bücher dieser wohltuenden Art in einer Zeit, die vom Rausch der immer wechselnden und schneller laufenden Bilder erfüllt ist, noch leisten? Zum ersten: Information darüber zu geben, welche Geschichte dieses Haus hat und worin der Genius loci gerade dieses Bauwerkes besteht. Zum zweiten: Es zeigt den Umgang der Politik und der daraus gewonnenen Geschichte, und die fordert dann Rechenschaft. Und zum dritten: Bücher über die Geschichte eines Genius loci in dieser Stadt zeigen auch immer die schmerzlichen Verluste, die ihr von der Geschichte zugefügt wurden. Aus den Bildern erfahren wir, was gewesen und was geschehen ist. Das leistet dieses Buch in knapper, übersichtlicher Form. Es sei einem breiten Publikum zum Lesen und Nachdenken empfohlen. Stephan Speicher: Ort der deutschen Geschichte. Der Reichstag in Berlin. Siedler Verlag Berlin 1995, 176 Seiten mit 36 Abb., 39,80 Mark.