Kürzlich erklärte ein Mitarbeiter eines Berliner Revuetheaters, dass Revue "keine Inhalte" transportieren, sondern lediglich "gut unterhalten" muss. Revue ziele vor allem auf das Auge des Zuschauers. Nicht auf dessen Kopf. Das haben Mischa Spoliansky (Musik) und sein Freund Felix Joachimson (Buch) offenbar falsch verstanden, als sie 1930 "Wie werde ich reich und glücklich?" herausbrachten. Sie nannten ihr Stück Revue, obwohl es doch die Gesellschaft kritisierte, deren Blasiertheit entlarvte und ihre Orientierungslosigkeit benannte - also menschliche Schwächen zum Thema erhob. Das Publikum feierte damals diese Gebrauchsanweisung zum Glücklichsein dennoch als Erfolg, als Revue-Erfolg sogar. So beginnen Missverständnisse.Und sie gehen weiter. Jetzt wird das Stück auf derselben Bühne gespielt, auf der es 71 Jahre zuvor mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle seine Uraufführung erlebte: in der Komödie am Kurfürstendamm. Auch die aktuelle Inszenierung wird ihr Publikum finden. In Erinnerung bleiben wird sie jedoch nicht.Wer gerne sieht, wie Friedrich Schoenfelder den Geheimrat Regen mimt und die Hacken zusammenknallt, ist hier richtig. Wer sich an der mäßigen Herausforderung der Darsteller nicht reibt (Regie: Martin Woelffer) und sich an ihren dünnen Stimmen nicht stört (außergewöhnlich dünn: Susanne Eisenkolb als Marie), der kann einen schönen Abend erleben. Den anderen bleibt, das Bühnenbild (Anne-Katrin Hendel) und die soliden Musiker (Ltg.: Andrew Hannan) gutzuheißen - und sich auf das mehr als zweistündige Missverständnis einzulassen. Zu sehen ist der mittellose Kibis (Tommaso Cacciapuoti), der glücklich mit und von seiner Freundin Lis (Angela Schmid-Burgk) lebt - bis ihm eines Tages eine Werbebroschüre in die Hände fällt: "Wie werde ich reich und glücklich?" Kibis interessiert sich für den ersten Teil der Anleitung: Zunächst soll er liebenswürdig werden. Das probiert er gleich bei dem Portier aus (Dietmar Wunder darf seine Vielseitigkeit in immerhin sechs Rollen ausleben und tut es auch), der ihm die Wohnung kündigen will. Kibis hat Erfolg, obwohl seine Liebenswürdigkeit eigentlich nur schnöde Erpressung ist. Ein Missverständnis. Gleichzeitig lebt die Geheimratstochter Marie unter wohlhabenderen Verhältnissen nach derselben Broschüre, jedoch nach dem zweiten Teil, denn sie will glücklich werden. An Maries Seite dienert sich frei von jeder Lebensphilosophie die Dienstmagd Madeleine (Angela Hercules-Joseph) durch das Stück. Die Magd, das muss an dieser Stelle erwähnt werden, ist farbig. Sie ist so dunkel, wie die Zeit noch nicht reif ist, mit einer solchen Rollenzuweisung komödiantisch umzugehen. So werden Missverständnisse aufrechterhalten. Auf der Suche nach dem Geld, das Kibis nicht hat, und dem Pech, das Marie nicht passiert, gehen die beiden die Anleitung Schritt für Schritt durch - er will mit gehobenem Umgang imponieren und sie sucht den Mut zum Ungewohnten. Eines Tages treffen sie aufeinander. Schon bald feiern sie ihre Hochzeit, jedoch nicht im Rausch der Gefühle, sondern im Rausch des Alkohols. Schon wieder ein Missverständnis.Der verprellte, aber standesgemäße Autofabrikant F. D. Lorenz (verklemmt sympathisch: Gerd Lucas Storzer) kann sich Marie erst offenbaren, als seine Angebetete inzwischen schon wieder geschieden ist. Es scheint als hätten sich für keinen die großen Sehnsüchte erfüllt. Doch bis zum Ende werden alle glücklich, ohne arm zu werden.Auf dem Programmheft wird signalisiert, wer reich ist, schaut traurig drein, wer glücklich ist, kann lachen. So, als würde sich "reich und glücklich" (das Thema des Stücks) auf "reich oder glücklich" reduzieren. Als ginge das eine nicht mit dem anderen. Als würden sogar die Autoren missverstanden. Aber das macht nichts mehr. Schließlich haben die wunderbaren Spoliansky-Lieder mit ihrer Zweideutig- und Eineindeutigkeit längst auch den kritischen Zuschauer versöhnlich gestimmt. Spätestens das Lied von der "Angst vor der Vollkommenheit" fordert alle Nachsicht gegenüber der Produktion heraus. Am Ende bringt der Abend eine neue Erfahrung: Revue kann unterhalten - auch, wenn sie Inhalte transportiert. Und das ist das schönste Missverständnis.Wie werde ich reich und glücklich? bis 14. Oktober, Komödie am Kurfürstendamm, Kartentelefon: 47 99 74 40