BERLIN. Die Debatte läuft über Facebook, und mehr als 2000 Besitzer von Reisebüros machen mit. Das Thema ist immer das Gleiche: "Der gesamte Zweig der Reisebüros wird vom Markt verschwinden", heißt es stellvertretend in einem Eintrag. Ein anderer warnt, die Agenturen seien eine Branche, die "insgesamt um ihre Existenz kämpft".Zuwachs im Online-GeschäftDie unabhängigen Betreiber von Reisebüros beklagen zweierlei: Die knauserigen Provisionen der Marktführer TUI und Thomas Cook sowie die wachsende Konkurrenz der Online-Portale, die auch von den Großen betrieben werden. "Uns wird zunehmend durch das Internet ein größerer Teil unseres Brot-und-Butter-Geschäfts weggenommen", sagt Timo Iserlohe, der in Dortmund ein Reisebüro betreibt. Er meint damit, einfache Pauschalreisen für etwa 500 Euro. Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) werden zwar gerade mal fünf Prozent aller Urlaubsreisen über das Internet gebucht, die Tendenz ist aber steigend. "Wir wollen das Online-Geschäft weiter ausbauen", sagt Thomas-Cook-Sprecher Mathias Brandes. Beim Branchenprimus TUI ist es nicht anders. Zudem hat sich eine Reihe von Internet-Reisebüros etabliert, deren Nutzerzahlen wachsen.Doch schon das relativ geringe Volumen des Internetgeschäfts schmerzt Resiebüros, weil sie ohnehin am Rand der Rentabilität arbeiten. Iserlohe vermutet, dass die Hälfte der hiesigen rund 10000 Reisebüros nicht mehr "auskömmlich" arbeitet. "Der Verdienst bewegt sich häufig auf Hartz-IV-Niveau", sagt Iserlohe. Denn zugleich würden Provisionen nach unten geschraubt - ein ewiger Streitpunkt zwischen den stationären Agenturen und Veranstaltern. Als Faustformel gilt: Mit zehn Prozent kann ein Reisebüro geradeso leben. Zwölf bis 15 Prozent waren früher üblich.Inzwischen gibt es komplexe Systeme für die Honorierung. Die Höhe hängt vom Vorjahresverkauf ab, den das Reisebüro mit den Angeboten des jeweiligen Veranstalters erzielte. Bei den Großen geht es bei einstelligen Sätzen los. Bei Thomas Cook sind es sieben Prozent. "Bei einem Jahresumsatz von 149000 Euro steigt die Provision auf zehn Prozent", erläutert Cook-Sprecher Brandes. Kleinen Büros fällt es indes immer schwerer, diese Schwelle zu erreichen, aber zugleich sind sie auf die großen Marken angewiesen."Ich komme auf eine Durchschnittsprovision von 8,5 Prozent", sagt Marija Linnhoff. Ihr Reisebüro könne nur überleben, weil sie alles im Alleingang mache. "Das ist der Preis, den ich für meine Unabhängigkeit und eine objektive Beratung zahle."Denn es gilt die Grundregel: Je stärker sich eine Agentur an einen der großen Veranstalter bindet, umso höher ist das Honorar. Die höchsten Sätze werden über interne Verrechnung an konzerneigene Büros gezahlt, davon hat TUI 400 hierzulande, Thomas Cook 130. Die nächste Stufe sind Franchise-Betriebe (1000 bei TUI, 340 bei Thomas Cook), die bevorzugt die Reisen des Franchisegebers verkaufen und dafür mehr als 15 Prozent erhalten können.Harter WettbewerbDann kommen Reisebüroverbünde, die im Grunde Einkaufsgemeinschaften sind und spezielle Konditionen aushandeln, aber auch gemeinsame Marketingaktionen veranstalten. Komplett unabhängig wie Marija Linnhoff ist nur ein kleiner Teil der hiesigen Reisebüros, ihre Zahl wird auf weniger als 500 geschätzt. Die Konkurrenz ist hart: "Unser gesamtes Umfeld beißt uns nach und nach den Umsatz ab", heißt es in einem Facebook-Eintrag. Iserlohe befürchtet, dass die Zahl der Reisebüros in den nächsten Jahren deutlich schrumpfen wird. Das Nachsehen hätten die Verbraucher. Vor allem in ländlichen Regionen müsse man mit einer massiven Ausdünnung rechnen. "Und bei denen, die übrig bleiben, wird die Servicequalität merklich schwinden."TUI-Sprecher Mario Köpers hingegen schätzt die Lage komplett anders ein: "Deutschland hat immer noch die weltweit höchste Dichte an Reisebüros, und in den nächsten Jahren wird sich ihre Zahl nicht wesentlich verringern."Die Veranstalter bräuchten die Reisebüros, sie würden der mit Abstand wichtigste Vertriebskanal bleiben. TUI will die Zahl der eigenen Standorte bis 2015 um 400 auf 800 verdoppeln. "Wir haben bereits damit begonnen umsatzstarke Reisebüros in guten Lagen zu kaufen", betont Köpers.Es gebe einen Wettbewerb der Veranstalter um die besten Agenturen, deshalb sei das Niveau der Provisionen zuletzt angehoben worden, ergänzt Cook-Sprecher Brandes. Der DRV verweist darauf, dass im vorigen Jahr die Umsätze der Reisebüros (online und stationär) um sechs Prozent auf 20,4 Milliarden Euro gestiegen sind. Die Agenturen hätten eine Zukunft, sie müssten allerdings flexibel sein und unter anderem auch im Internet aktiv werden.Linnhoff fühlt sich indes vom DRV nicht mehr angemessen vertreten: "Wir diskutieren auf Facebook die Gründung eines neuen Verbandes der unabhängigen Reisebüros", sagt sie.------------------------------MilliardengeschäftZiele: Beliebtestes Reiseziel der Deutschen ist das eigene Land. Rund 40 Prozent der Reisen fanden 2010 hierzulande statt. Für Auslandsreisen gaben die Deutschen über 60,6 Milliarden Euro aus.Kauf: Rund die Hälfte der Urlaubsreisen buchten die Bundesbürger im vergangenen Jahr über Reiseveranstalter und Reisebüros.------------------------------Grafik: Marktanteile der Reiseveranstalter in Deutschland, 2010.Foto: Die Technik der großen Player: Bei der TUI kann der Kunde vor der Buchung probeweise virtuell auf die Reise gehen.