Jakarta - Das Foto aus einer Zelle im Pasir Putith Gefängnis auf der Insel Nusakambangam, dem indonesischen Alcatraz, erzeugte eine Schockwelle im Land mit den meisten Muslimen der Welt. Der freundlich lächelnde, ältere Herr mit Namen Abu Bakr Baschir verkündete vor einer schwarzen Fahne der radikalen Organisation „Islamischer Staat“ (IS): „Wir unterstützen den Kampf von Islamischer Staat für ein Kalifat.“

Einst galt der Mann mit dem grauen Kinnbärtchen als spiritueller Führer der Selbstmordattentäter der Organisation Jemaah Islamiyah, die 2002 auf der Ferieninsel Bali ein Blutbad anrichteten. Über 200 Menschen starben – darunter viele ausländische Touristen. Jemaah Islamiyah war ein Ableger von Al-Kaida, doch diese Organisation gehört für Abu Bakr Baschir offensichtlich der Vergangenheit an.

Indonesien war überzeugt, dass das Land von dem 76-jährigen Greis mit seinen mörderischen Fantasien von einer islamischen Revolution nichts mehr zu befürchten habe. Schließlich war er zu einer 15-jährigen Haftstrafe wegen terroristischer Umtriebe verurteilt und ins Gefängnis gesteckt worden.

Doch das stellte sich eben als Irrtum heraus: Plötzlich rief der Mann aus seiner Zelle die 250 Millionen Muslime des Landes dazu auf, sich der IS-Miliz anzuschließen, die im Irak und in Syrien Schrecken verbreitet und dort ihr Herrschaftsgebiet vergrößert. Es ist ein Aufruf dazu, dem Vorbild einiger Schüler seiner Koranschule Ngruki Solo in der Stadt Solo zu folgen.

Abkehr von der alten Al-Kaida

Riza Fardi, der in dieser Koranschule 2006 sein Examen ablegte, war den Weisungen des Meisters offenbar schon vor Monaten gefolgt: Als er im November 2013 in Syrien bei Gefechten umkam, starb er als erster indonesischer IS-Kämpfer. Vier weitere Absolventen von Baschirs Koranschule absolvierten quasi erst eine Weiterbildung an der „Internationalen Islamischen Universität“ in Pakistans Hauptstadt Islamabad, bevor sie nach Syrien oder Irak weiterzogen, um sich den IS-Kämpfern anzuschließen.

„Nach Angaben der Polizei sollen sich bislang 50 Indonesier der Gruppe angeschlossen haben“, sagt die Extremismus-Expertin Sydney Jones vom „Institute for Policy Analysis of Conflict“ (IPAC) in Jakarta. Aber wahrscheinlich seien es mehr, vielleicht etwa 100 Terrorismus-Reisende. Ansyaad Mbai, Chef von Indonesiens Anti-Terror-Behörde BNPT versetzt das in große Sorge. „Wir müssen genau wissen, wer dort hingegangen ist“, sagt er. „Für uns wird es nämlich dann zum Problem, wenn diese Kämpfer nach Hause zurückkehren.“

Im Verhältnis zu den geschätzten etwa 8000 bis 10.000 ausländischen Kämpfern, die sich dem IS angeschlossen haben, ist der Anteil der indonesischen Kalifats-Krieger noch gering. Aber immer mehr erliegen der Faszination der IS-Miliz und ihres Anführers Abu Bakr al-Bagdadi, der einen Islamischen Staat vom Golf bis zum Mittelmeer errichten will und den Muslimen der Welt nach all den Niederlagen verheißt, dass der entscheidende Krieg um die Kontrolle der Welt begonnen habe. Das zeigt offenbar bei Muslimen in allen asiatischen Staaten Wirkung.

Nach Angaben der syrischen Behörden sollen schon 15 Malaysier, die in den Reihen der IS-Miliz kämpften, ums Leben gekommen sein. Im Grenzgebiet von Pakistan und Afghanistan, so wird in pakistanischen Medien berichtet, wandten sich Extremisten von den letzten Al-Kaida-Verbänden ab und machten sich auf den Weg, um sich der IS-Miliz anzuschließen.

Auch der pakistanische Kleriker Abdul Aziz hat nach Angaben von Journalisten seine Unterstützung für das Kalifat von IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi erklärt. Aziz hatte ab 1998 die Rote Moschee in Islamabad geleitet – bis 2007, als es dort zu immer heftigeren Zusammenstößen zwischen der Regierung mit dem Personal sowie den Anhängern der Moschee kam.

Der aufkeimende Wille ist beängstigend

Der Kampf um die Einführung eines Scharia-Gerichts endete damals mit der Erstürmung der Moschee, Abdul Aziz saß danach bis 2009 im Gefängnis. Jetzt ist er wieder Imam der Moschee. Er verherrlicht IS und ist geistiger Einflüsterer von rund 10.000 Schülern der Koranschule, die der Roten Moschee angeschlossen ist.

Am stärksten aber scheint die Sogwirkung der in Syrien und Irak agierenden IS-Miliz jedoch in Indien zu sein – zum Entsetzen der dortigen Sicherheitsbehörden. So tauchte IS-Propaganda in den Sprachen Tamil, Hindi und Urdu auf, in denen der Norden Indiens für das bereits ausgerufene, im Entstehen begriffene Kalifat reklamiert wird.

Bislang brachen nach Angaben der Behörden zwar nur 18 junge Männer aus den Bundesstaaten Maharashtra, Tamil Nadu und Kerala auf in Richtung Naher Osten. Doch selbst das sei ein Schock, sagt der auf Terrorbekämpfung spezialisierte Polizeibeamte Deven Bharti in der Wirtschaftsmetropole Mumbai. Der Wille, dass Inder bei einem islamistischen Krieg mitmachen wollen, sei etwas Neues.

„Ich sehe das als eine Entwicklung, die 1994 mit der Zerstörung der Babri-Moschee in Ayoda begonnen hat“, sagt der Journalist Maseeh Rahman. Ein hindunationalistischer Mob hatte damals unter Führung von Lal Krishna Advani, einem Politiker der hindunationalistischen Partei Bharatiya Janata Party (BJP) die Moschee im Bundesstaat Uttar Pradesh gestürmt. Das war der Höhepunkt eine maßgeblich von Advani initiierte BJP-Kampagne, anstelle der Babri-Moschee einen Tempel zu bauen, weil sich dort der angebliche Geburtsort des Gottes Rama befinde.

Die nachfolgenden religiösen Auseinandersetzungen, denen rund 3 000 Menschen zum Opfer fielen, wurden zwar eingedämmt. Doch die Ereignisse führten zu einer Spaltung: Muslime und Hindus, die zuvor gemischt lebten, wohnen seither in eigenen Vierteln, strikt nach ihrer Religion getrennt. Aber auch die Benachteiligung von Muslimen gegenüber Hindus spielt eine Rolle, wenn sich indische Muslime dem fernen Dschihad anschließen zu wollen.

Kinder aus dem Mittelstand

Der 22-jährige Arif Majeed, Sohn eines Arztes und selbst ein angehender Ingenieur, führt vor seiner Abreise in den Nahen Osten in seinem Abschiedsbrief noch einen weiteren Grund an. „Ich habe mich auf die gesegnete Reise gemacht,“ schreibt er an seine Familie, „weil ich nicht mehr in diesem Land der Sünde leben möchte.“

An seinem letzten Tag in Indien soll er mit Freunden Kricket gespielt haben. Danach reiste er, ohne noch einmal nach Hause gegangen zu sein und sich verabschiedet zu haben, gen Bagdad. Gemeinsam mit drei Freunden aus ebenfalls gut situierten Mittelstandsfamilien verließ er nach der Ankunft in der irakischen Hauptstadt seine Freunde. Nach Erkenntnissen der indischen Sicherheitsbehörden machte er sich auf den Weg zu Kampfeinheiten der Islamischer-Staat-Miliz in Nord-Irak.