Heftige Umarmungen gehen bisweilen böse aus. Gewöhnliche Sterbliche werden bei solchen Gelegenheiten manchmal "von der Hexe geschossen", wie der höllische Ischias-Schmerz vom Volksmund in Märchenmanier, damit aber nur umso boshafter, umschrieben wird.Als Rembrandt sich um 1659/60 dem alttestamentarischen Mythos von Jakob und dessen Kampf mit dem Engel zuwandte - wahrscheinlich, wie ein Nachlassinventar besagt, ein Auftrag des Amsterdamer Porzellanhändlers Van Ceulen -, hatte der Maler alles getreu der Bibel darzustellen. Bestellt war eine Szene, wie der Engel dem frommen Jakob, der gesegnet werden wollte auf dem beschwerlichen Weg zu einer Versöhnung mit seinem Bruder Esau, mitleidlos die Hüfte ausrenkt.Rembrandt hat möglicherweise mit dem Werk zunächst experimentiert, denn das ursprünglich große Bild wurde rundum beschnitten und später in eine kleinere Leinwand eingesetzt. Der Maler hatte keine detailreiche Genreszene gewählt, sondern die unmittelbare, dynamische Nahsicht, das ganz auf die zwei Gestalten reduzierte Geschehen mitten im Kreuzungspunkt der Bilddiagonale. Nur die Körper sind wesentlich, das stoffliche Drumherum, der Farbauftrag des Hintergrunds wirken merkwürdig unfertig. Zwar erfüllt das geflügelte androgyne Wesen im silbrigweißen Hemd scheinbar Gottes gnadenlosen Befehl. Doch wo das Auge des Betrachters beim Engel die Kampf-Geste sucht, findet es statt Gewalt eine beinahe schon erotische Pose.Es heißt, die christlichen Autoritäten hätten sich seit dem Mittelalter schwer getan mit der Auslegung dieser wohl schon immer etwas pikanten Bibel-Stelle. In der Renaissance und mit Beginn der Reformation interpretieren die Konfessionen die Erzählung aus der Genesis, Kapitel 32, schließlich fast einhellig und auch bieder als Gleichnis für die Prüfung und den Kampf des Gläubigen um die Gnade Gottes. Calvin etwa schreibt an gegen das Verfängliche der Szene, der Ringkampf Jakobs mit dem Engel sei "ein passendes Sinnbild dafür, wie der Herr die Seinen erprobt".Nun, Rembrandt nahm sich die Freiheit, die Dinge sehr viel irdischer zu sehen: Zwar liegt die Linke des geflügelten Gottgesandten deutlich auf der rechten Hüfte des Verletzlichen, doch nicht eben gewalttätig, eher vertraut, so wie man sich anfasst, wenn man sich mag. Kaum vorstellbar also, dass auf diese Weise ein Ausrenken des Knochens passieren könnte. Die Rechte legt der rotblond gelockte Engel mit dem sanft gesenkten Blick, den weichen Zügen, dem deutlich weiblichen Hals und Dekolletee dem bärtigen Manne geradezu zärtlich um den Nacken. Da ist kein Einzwängen, kein Niederzwingen und Kampfunfähigmachen. Und beim noch schärferen Hingucken darf man schon fragen: Was macht der Engel mit dem Knie. Beim Kampf?------------------------------In einer losen Serie schreiben Redakteure und Autoren der Berliner Zeitung über ein ausgewähltes Bild der Rembrandt-Schau im Kulturforum, bis 5. 11. Di-So 10-18/Do bis 22 Uhr.------------------------------Foto: Eine ungewöhnliche Begegnung, von Rembrandt 1659/60 in Amsterdam gemalt. "Jakob ringt mit dem Engel" ist ein Spitzenwerk der Berliner Gemäldegalerie. Es kam möglicherweise schon in der Spätzeit des Großen Kurfürsten, Ende des 17. Jahrhunderts, in die späteren Königlichen Museen Preußens.