Schlimmer als die Kotverordnung ist nur noch der Skulpturenboulevard. "Dit is nämlich richtige Scheiße! Damit wird die Stadt verschandelt!" Die Ausländerkinder kacken die Spielplätze voll, aber die deutschen Herrchen sollen die Haufen ihrer Hunde wegmachen! Das lässt der ewig gedemütigte Proll nicht unwidersprochen und trifft sich mit seinen Kötern zur Protestveranstaltung in der Hasenheide. Dort posaunt er seine Empörung mit der Wucht von Volkesstimme von einem umgedrehten Bierkasten aus in die gemeine Welt. Aberhundert Tölen jaulen dazu. "So een Hundekonzert ha ick ja noch nie jehört!"Wer da in teilnehmender Genauigkeit und ohne alle Überheblichkeit den Berliner "Hinterhofhelden" auf die Schnauze schaut, ist zwar keiner von ihnen, aber er hält sich auch nicht für was Besseres. Der gemeine Mitbürger in Johannes Groschupfs Neukölln-Roman ist nicht Objekt kabarettistischer Vorführungen; er bleibt das dumpf, aber laut auftrumpfende Subjekt seiner beschränkten Welt. Auch wenn der betrunkene Unterschichtler schon mal mit der Klobürste sein imaginäres Orchester dirigiert, wird er doch nie zum Gespött.Der inbrünstigen Hassliebe zum "Kiez" hat Johannes Groschupf alias Olgo O'Groschen mit einem Mitte der 80er Jahre nur als handkopiertes Manuskript kursierendem Neukölln-Report schon ein Denkmal gesetzt. Nun ist aus den ätzend komischen Notizen aus der urbanen Gosse ein Roman entstanden. Sein Hinterhofheld ist ein schlaksiger, zwanzigjähriger, ängstlicher Niemand namens Hans Odefey vom westdeutschen Flachland, der in dieser neuen Umgebung erst mal vor allem nicht auffallen will.Wir sind in Berlin, genauer Westberlin, in den 80er Jahren. Da war der vollautomatische Klopfsauger noch nicht mal in Zehelndorf Standard und man klopfte die Teppiche auf der Stange im Hinterhof aus. Bei dieser hausfraulichen Frühjahrskur macht Odefey die Bekanntschaft von Frau Lindner und Frau Pilarski, der Odefey gleich mal die Läufer hochtragen darf. Dafür kriegt er die gerade freigewordene Wohnung, Hinterhaus vierter Stock. Außenklo halbe Treppe, Kohleofen und Sonneneinfall. Direkter Blick in die Küchen der Nachbarn.Mitten in diesem hellhörigen Kosmos aus mehr Geschrei als Geflüster nistet sich der zugewanderte Student ein, dem das Studieren an der FU in Dahlem bald nicht nur entfernungsmäßig zu fern liegt. Odefeys geografischer Einzugsbereich beschränkt sich auf die Ecke Fuldastraße/Sonnenallee. Die Bewohner des Vorder- und Hinterhauses sind dem verschüchterten Zuzögling volle Wirklichkeit genug. Die nette Frau Lindner etwa ist trockene Alkoholikerin, was im "Milieu" natürlich schief geht. "Muß, muß" sagt die kopftuchtragende Frau Celebi immer nur, die das Treppenhaus wischt. Den äußersten Rand von Odefeys Universum markieren Kneipen wie Ambrosius oder der Blaue Affe, schweigsam trinkt er ein paar Bier dort, und sein Autor Groschupf hört zu und nobilitiert die Suffmonologe wie sonst nur der andere Neukölln-Forscher, Thomas Kapielski, zur selben Zeit.Der Glamour von Herrn Lehmanns langen Kreuzberger Nächten ist in weiter Ferne jenseits des Landwehrkanals. 1000 Berlin 44 ist die Gegenwelt zu SO 36. Während dort schon bald der Cappuccino Einzug hält, gibt's in Neukölln nicht mal ein Café. Statt kajalgeschminkten Künstlerdiven, schwäbischen Scheinhausbesetzern und irokesenschnittigen Bafög-Rebellen lebt zwischen Hermannplatz, Karl-Marx-Straße und Sonnenallee das Proletariat. Da sind die Boxkämpfe todernst, und die Liebe flüchtet.Eine Alte, die alle Nachmittagsserien im Fernsehen guckt, ruft nach ihrem Mann, der längst gestorben ist. Es riecht nach modrigen Erinnerungen, nach Bohnerwachs und Schlagermusik. Nach schlechter Laune, kalter Asche, nach Kohlsuppe und muffiger Auslegware. Nach nassem Hund und feuchtem Zeitungspapier. An freundlichen Tagen zieht der Geruch von Rätselheften und Filterkaffee durchs Treppenhaus.Zuerst schnüffelt sich Odefey ganz vorsichtig an die Gegend heran, setzt im Kohlenkeller verstohlen ein paar Duftmarken ab, dann beginnt er zu blinzeln: Bei einem Trödler an der Flughafenstraße ersteht er einen Fotoapparat. Er knipst Hofeingänge, Fenstersimse, Stufen, zunächst nur die stummen Dinge, bald auch verstohlen, dann immer mutiger - das ist schließlich ein Entwicklungsroman - Leute.Einer davon ist Hauswart Pilarski, nebenbei auch noch BVG-Kontrolleur, als er grad Odefeys heimliche Flamme beim Schwarzfahren ertappt. Die Flamme kann entkommen, Odefeys Schnappschuss wird im Neuköllner Wochenblatt abgedruckt, der Neuköllner Nachwuchs "Weegee" kriegt einen Preis dafür und eine ganz unnachbarschaftliche Abreibung. Aber da ist die Liebe schon entbrannt. Hans, wie Odefey nur für diesen einen erhebenden Augenblick des individuellen Glücks genannt wird, gönnt sich einen Haarschnitt im Salon Renate in der Werrastraße und lächelt einem kläffenden Dackel zu.Haben wir die unschuldige Verblödung der Verliebtheit schon einmal schöner beschrieben bekommen? Die Trödler Ralle und Duke von der Flughafenstraße, das steckt ihm Herr Lindner, verkaufen gefälschte Berlinale-Ausweise. Die Liebe erweitert den Radius von Odefey ins schier Unermessliche - bis zum Kantkino. Kurz darauf macht er den Taxischein und eignet sich die ganze Stadt sozusagen generalstabsmäßig an. Odefey ist angekommen in Berlin, jetzt kann er überall hin und genauso gut wieder gehen.Groschupfs Odefey hört, riecht, sieht, schlägt sich sogar. Aber das Essen, das ihm die Pilarski aufdrängt, nachdem sie ihn als leichte Beute vernascht hat, spült er im Außenklo runter. Drei Jahre hat er in der Schule der Menschlichkeit im Hinterhof von Neukölln verbracht. Frau Lindner hat sich den Kopf beim Glühbirnenwechseln an der Badewanne zerschmettert. Die Pilarski ward auch nicht mehr gesehen, nachdem ihr Mann sie Urbankrankenhausreif geschlagen hat. Und auch Odefey stiehlt sich davon. Er verschwindet, wie er gekommen ist. Er hinterlässt keine Spuren, das Kind ist abgetrieben, die Kisten mit dem Trödel holen Ralle und Duke ab. Aber gezeichnet von "1000 Berlin 44" ist er am Ende doch.------------------------------Foto: Beim Trödler in der Flughafenstraße erweitert der Held sein Blickfeld.------------------------------Foto: Johannes Groschupf. Hinterhofhelden. Eichborn, Frankfurt am Main 2009. 218 S., 19,95 Euro.KOHLSUPPE UND REISSCHNAPS - Romantiker auf der Spur der GeschmacksnervenDas Reich der Sinne liegt in Neukölln und auf dem Teller.Die Frauen kommen zu kurz. Dabei verschaffen sich junge Autorinnen im Gefolge von Charlotte Roches "Feuchtgebieten" derzeit mit freizügigen Sexgeschichten lautstark Gehör. Die romantischen Helden dieser hier vorgestellten neuen deutschen Romane sind dagegen mit ihrer zarten Entwicklung der Mannwerdung beschäftigt. Es sind liebenswert verwirrte Softies, die sich verzagt aufmachen, die Welt im Kleinen zu erobern. Der Erfahrungshorizont dieser empfindsamen, jungen Männer ist das Soziotop im piefigen Neuköllner Hinterhof oder der deutsche Wald mit seinen Eichelhähern. Erst nach diesem Reifeprozess sind sie bereit für die Erforschung des abenteuerlichen Kontinents der Frauen und der Liebe, vielleicht.