Der Raum erinnert an eine Chill-Out-Zone, überall liegen Schaumstoffkissen. Die Zuschauer fügen sich lässig in diese künstliche Landschaft. Mit alten Plattencovern hat jemand das Wort "LSD" an die Wand geschrieben. Davor thronen Heidi Hoh und ihre beiden Freundinnen - mit spitzen Stiefeln, nuttigen Miniröcken und kultigen T-Shirts. Sie sind Textmaschinen, sprechen auf einer Tonhöhe und fangen regelmäßig an zu schreien, dass man fast Mitleid bekommt mit den übersteuernden Stimmen von Nina Kronjäger, Christine Groß und Wiebke Mauss. Handlung gibt es keine. Aber durch das Toben und Schreien soll die heimliche Hysterie zum Ausdruck kommen, die die modernen Arbeitsverhältnisse charakterisiert, die ständige Angst zu versagen, überholt zu werden. "Die Interessen der Firma können nicht die Interessen sein, die Heidi Hoh hat", heißt die dritte Folge der antikapitalistischen Diskurstheaters, das Ren Pollesch im Podewil produziert. Die Versuchsanordnung hat sich schon bewährt. Was sich ändert, ist nur das mentale Industriegebiet, das der mäandernde Sprachstrom passiert. Thema ist diesmal die totale Identifikation mit der Firma, die von den Angestellten abverlangt wird. Sei es im Mediengeschäft, in Start-up-Unternehmen und großen Kanzleien. Heidi weiß, dass sie 24 Stunden täglich und sieben Tage in der Woche verfügbar sein muss. Um diesem Stress gewachsen zu sein, nimmt sie Drogen, vorzugsweise Koks und Speed. Für den Workoholic wird die Arbeit selbst zur Droge, das perfekte Funktionieren zur Sucht, bis er kaputt ist und der "Gefühlscomputer auf Depression eingestellt"."Scheiße, ich bin kein Replikant!" schreit Heidi Hoh, nachdem sie über den Film "Bladerunner" reflektiert hat. Der Alltag und die sozialen Beziehungen lösen sich auf. Sie müssen, wie Ren Pollesch eines seiner Girlies sagen lässt, gekauft und "in der Illegalität organisiert werden". Das führt aber dazu, dass man nie sicher sein kein, ob man gerade eine soziale Beziehung hat oder eine Dienstleistung in Anspruch nimmt. Etwa, wenn sich der schöne Kellner im Restaurant mit seinem Gast Heidi über Literatur unterhält. Wie diese Unsicherheit sich in zwei Gesichter zeichnet, das würde man gerne mal auf der Bühne sehen. Aber Pollesch hält nicht viel vom psychologischen Realismus und gebärdet sich lieber theoretisch. Und Theorien bleiben allgemein.(Korrektur - René Pollesch ist der Regisseur von "Heidi Hoh" im Podewil, das é des Vornamens ging versehentlich bei der Übertragung verloren (Feuilleton 2. Juli). - 03.07.2001)